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Antworten auf den Gender-Gap bei der Lesekompetenz

Regelmässig scheinen die PISA-Studien eine deutliche bessere Lesekompetenz von Mädchen gegenüber Jungen zu belegen. Doch im Erwachsenenalter scheinen die Differenzen plötzlich verschwunden zu sein. Eine aktuelle Studie gibt Antworten auf das Rätsel.

Karina Büchler und Ronald Schenkel

Die PIAAC-Studie ist sozusagen das Erwachsenen-Pendant der PISA-Studie. Wie diese wird auch PIAAC von der OECD in Auftrag gegeben. PIAAC steht für „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“, vergleicht also nicht die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern, sondern von Erwachsenen im Alter von 16 bis 65 Jahren. Während PISA bei den 15-Jährigen von Test zu Test einen signifikanten Unterschied zwischen Mädchen und Knaben beim Textverständnis verstellt, weisen die PIAAC-Ergebnisse keine solchen Differenzen auf.

Vergleich der Tests

Legen also Knaben mit fortschreitendem Alter plötzlich markant zu? Die beiden Forscherinnen Oddny Judith Solheim und Kjersti Lundetræ von der Universität Stavanger haben einen anderen Verdacht. Nach der Suche der Ursachen für die auftauchenden und wieder verschwindenden Kompetenzunterschiede haben sie die Designs der Studien untersucht. Neben PISA und PIAAC zogen sie dabei überdies den PILRS-Test für die fünfte Klasse hinzu.

PILRS und PISA einerseits, PIAAC andererseits unterscheiden sich gemäss den beiden Forscherinnen durch die Textformen. So verwendet der PISA-Test eher längere fiktive Texte, während im PIAAC-Test der Anteil zwischen fiktiven und faktenbasierte, kürzere Texte ausgewogen ist. Fiktive Texte liegen Mädchen jedoch eher als Jungs, während das männliche Geschlecht mit faktenbasierten, kürzeren Texten gut zurecht kommt.

Multiple-Choice anstatt selber schreiben

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass im PIAAC-Test das Textverständnis mit Multiple-Choice-Antworten abgefragt wird. Im PISA-Test müssen die Teilnehmenden die Antworten selber aufschreiben. Es ist indes bekannt, dass Geschlechterunterschiede bei schriftlichen Arbeiten grösser sind als bei Multiple-Choice-Aufgaben.

Schliesslich verweisen die Forscherinnen noch auf ein weiteres Problem: Bei der PISA-Studie werden die Schülerinnen und Schüler zur Teilnahme verpflichtet, während bei der PIAAC-Studie das Mitmachen freiwillig ist. Vermutet wird nun, dass den pubertierenden Jungs schlicht die Motivation fehlt, sich beim Verfassen von Texten anzustrengen.

Solheim und Lundetræ ziehen nun verschiedene Schlüsse aus ihrer Arbeit. Eine Interpretation der Ergebnisse, so schreiben sie, könnte sein, dass PIAAC eher männer-freundlich sei und Geschlechterunterschiede verdecke. Ebenfalls möglich sei umgekehrt die Annahme, dass PISA ein mädchen-freundlicheres Design aufweise und die eigentlichen Lesefähigkeiten von Jungen gar nicht korrekt wiedergebe. Indes könnten die Test auch schlicht unterschiedliche Fähigkeiten messen – oder der Gender-Gap sei tatsächlich vorhanden und verschwinde mit fortschreitendem Alter.

Anpassung der Designs

Es müsse nun hinterfragt werden, ob die aktuellen Tests für beide Geschlechter die gleiche Grundlage bieten, fordern die Forscherinnen. Eine entsprechende Anpassung der Designs stellt die nächste Herausforderung dar.

Während die Schweiz am PISA-Test beteiligt ist, wurde noch kein PIAAC-Test in der Schweiz durchgeführt. Entsprechend fehlen fundierte Daten über vorhandene oder eben mangelnde Kompetenzen in verschiedenen Bereichen für die erwachsene Bevölkerung der Schweiz, Daten, die Weichenstellungen in der Erwachsenenbildung dringend nötig wären. Die nächste PIAAC-Runde findet 2021 statt. Ob die Schweiz dann dabei ist, steht noch aus.