Hauptinhalt

Der Betrieb als Ressource der Weiterbildung

Der Betrieb ist ein Ort, an dem ein gewichtiger Teil der beruflichen Weiterqualifikation stattfindet. Die Arbeitgeber sind in die Entscheidung eingebunden, welche Kurse angeboten werden und wer daran teilnehmen darf – oder muss.

Michael Geiss

Einen grossen Teil ihrer Zeit verbringen berufstätige Erwachsene am Arbeitsort. Hier verdienen sie das Geld, das es zum Leben braucht. Hier schliessen sie Freundschaften und pflegen sie Feindschaften. Hier gelingen Projekte und scheitern Ideen. Darüber hinaus wird im Verlauf des Arbeitslebens ständig Wissen erworben, weitergegeben und angewendet. Der Betrieb ist eine wichtige Ressource sowohl für das informelle Lernen als auch die organisierte Weiterbildung. Er ist ein Lernort par excellence.

Unterstützung der Beschäftigten

Angebot und Nutzung der betrieblichen Weiterbildung sind durch unterschiedliche Erhebungen des Schweizer Bundesamtes für Statistik (BfS) gut untersucht: Ein Viertel der besuchten Weiterbildungskurse wird vom Arbeitgeber angeboten. Über 80% der Unternehmen unterstützen die Qualifikation der Beschäftigten nach Abschluss der beruflichen Grundbildung. Der überwiegende Teil der genutzten Angebote sind interne Kurse. Dabei gilt: Je grösser das Unternehmen, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Arbeitgeber den Auftrag nicht nach aussen vergibt.

Aber nicht nur die Unternehmensgrösse spielt eine Rolle. Auch zwischen den Branchen gibt es Unterschiede. Traditionell ist die betriebliche Weiterbildung im Gastgewerbe weniger ausgebaut als etwa im öffentlichen Sektor.

Geschäftsleitung und Vorgesetzte entscheiden mit über Mitarbeitenden-WB

Einen Schritt weiter als die behördliche Statistik geht eine jüngere Untersuchung auf der Grundlage der «Schweizer Betriebsbefragung zur Weiterbildung». Hier standen nicht allein die Unternehmen im Zentrum. Vielmehr konzentrierte sich das Forschungsteam auf einzelne Weiterbildungsangebote in den Betrieben und rekonstruierte von hier aus, wie die Dozierenden ausgewählt wurden, wer jeweils am Entscheidungsprozess beteiligt war und ob anschliessend eine formale Evaluation stattgefunden hatte.

Eines der eindrücklichsten Ergebnisse des Projektes lautet, dass – je nach Grösse des Unternehmens – die Geschäftsleitung bzw. die Vorgesetzten selbst stark in die Entscheidung eingebunden sind, welche Kurse für welche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter letztlich bewilligt werden.

Zu ähnlichen Befunden kommen Untersuchungen zu den deutschen Verhältnissen. Selbstverständlich spielen Personal- und Weiterbildungsabteilungen in den grösseren Unternehmen ebenfalls eine Rolle bei der Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Massnahme. Doch wird sich die Diskussion um die berufliche und betriebliche Weiterbildung in Zukunft stärker mit einer Gruppe beschäftigen müssen, die pädagogisch gesehen nicht vom Fach ist.

In kleinen und mittleren Unternehmen sind dies häufig sogar die Geschäftsinhaber. Hier ist die Aufteilung des Unternehmens in unterschiedliche Funktionsbereiche allein von den Ressourcen her
schon nicht gegeben. In den grossen Betrieben, die in der Schweiz immerhin noch ein Drittel der Angestellten beschäftigen, sind es die direkten Vorgesetzten, die über die Unterstützung oder Ausgestaltung einer Weiterbildungsmassnahme mitentscheiden.

Familienstand bestimmt Weiterbildungsverhalten

Alter, Qualifikation, Geschlecht oder Familienstand können einen grossen Einfluss auf die Weiterbildungsbeteiligung haben. Diese Erkenntnis ist vor allem sehr langfristig angelegten Untersuchungen zu verdanken, die zum Teil bereits seit Ende der 1970er Jahre Personen immer wieder zu ihrer Lebenssituation befragen. Auf der Grundlage dieser Studien lassen sich die langfristigen Effekte individueller Entscheidungen sehr gut nachvollziehen.

In jüngerer Zeit vermehrt diskutiert wird, wie sich die beruflichen Laufbahnen von Müttern und Vätern auseinanderentwickeln. Interessanterweise unterscheiden sich Männer und Frauen, die eine Familie gründen, nicht nur im erreichten beruflichen Status und im Einkommen. Auch das Weiterbildungsverhalten wird – bei den Frauen anders als bei den Männern – stark von dem Familienstand bestimmt.

Wenn in der Lebenslaufforschung aber von «Strukturen» der Arbeitswelt die Rede ist, die Weiterbildung verhindern oder ermöglichen, sind damit ganz gewöhnliche Menschen gemeint, die täglich viele Entscheidungen treffen. Weiterbildung ist dann mitunter nur ein Thema neben vielen – und für die Vorgesetzten häufig sicher nicht das vordringlichste.

Weiterbildung bei Familiengründung kein Thema

In einer qualitativen Untersuchung, die an der Forschungsstelle «Bildung im Arbeitsleben» der Universität Zürich angesiedelt ist, wurden Führungskräfte danach gefragt, was sich bei ihnen verändert, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Familie gründen. Schnell kamen Themen wie Flexibilität, Teilzeit, Kinderbetreuung und Home-Office zur Sprache. Nach den Auswirkungen auf die Weiterbildung der Beschäftigten mussten wir zumeist am Ende des Gesprächs direkt fragen. Von allein hätten die Interviewpartner das Thema nicht eingebracht.

Dabei hatten die Vorgesetzten zu ihren internen und externen Weiterbildungsangeboten auf Nachfrage
durchaus eine Menge zu sagen. Sie konnten kompetent Auskunft geben und von eigenen Erfahrungen berichten. Für eine Person aus dem mittleren Management, die neben Kundenakquise, eigener Karriere und Organisationsentwicklung auch noch Führungsaufgaben wahrnimmt, hilft eine Entflechtung der unterschiedlichen Problemzusammenhänge dabei, die Komplexität des Alltags nicht zu gross werden zu lassen. Für die Lebensläufe der Betroffenen spielen die Faktoren dann aber wieder zusammen und bestimmen über Karriereverläufe und Bildungsbiographien.

Der Autor leitet die Forschungsstelle "Bildung im Arbeitsleben" am Institut für Erziehungswissenschaften der Universtität Zürich.