Hauptinhalt

Flucht ins didaktische Neuland

Flüchtlinge sollen rasch Deutsch lernen. Ein hohes Ideal, doch die Zahl der Neuangekommenen übersteigt die Kapazitäten des Bildungssystems. Deshalb setzt die Stadt Uster seit 2016 Freiwillige ein. Einer dieser Freiwilligen war der frühere Fernsehjournalist Dölf Duttweiler.

Von Dölf Duttweiler*

«Links-rechts», sagt der tamilische Flüchtling Thevarasa Sivakaran. Zufällig treffen wir uns auf dem frisch verschneiten Stadthügel. Es ist kurz nach Neujahr, seit dem Deutschkurs ist es schon neun Monate her. Doch Thevarasa erinnert sich spontan: «Links-rechts-geradeaus-zurück», lacht er und macht die Schritte nach, so wie ich es jeweils gezeigt habe. Damals im Schulungsraum im Frühjahr 2016.

Kein schlechter Lernerfolg, scheint mir. Die tamilischen Kinder toben mit dem Schlitten im Schnee – in Sri Lanka schneit es nie. Mathevathanj, ihre Mutter, freut sich auch, aber sie friert. Sie hat nicht die passenden Schuhe an. Die Familie gehört zu einer Flüchtlingsgruppe, die auf dem Spielplatz zusammen mit einem reformierten Diakon auf offenem Feuer Suppe kochen will.

Wir sind zufällig beim Spaziergang vorbeigekommen, meine Frau Beatrice Stebler und ich. Gemeinsam haben wir im Frühling 2016 als Freiwillige Flüchtlinge unterrichtet. Zwei Vormittagsstunden pro Woche, jeweils am Donnerstag. Es ist schön, die «Schüler» wiederzusehen. Schön, dass man sich auch heute noch kennt.

Beatrice Stebler hat im Schulzimmer Themen wie zum Beispiel den Arztbesuch besprochen. Kleine Dialoge: Wie geht es Ihnen, wo tut es weh, wie heissen die Körperteile? Sie hatte gerade eine DAZ-Ausbildung «Deutsch als Zweitsprache» abgeschlossen, als die Stadt Uster Freiwillige suchte für den Erstunterricht der frisch eingetroffenen Flüchtlinge. Gemeinsam entschlossen wir uns, einen Kurs zu übernehmen.

Als «geography teacher» im Einsatz

Mich nannten sie später «geography teacher». Eigentlich war Frau Sivakaran in Sri Lanka Geografielehrerin gewesen, jetzt schlüpfte ich in diese Rolle – ohne didaktische Vorbildung, weder für den Deutschunterricht noch für Geografie. Als Journalist waren mir beide Themen allerdings nicht ganz fremd. Für meine erste Lektion wählte ich spontan die «Orientierung in der Stadt». Wir haben «links und rechts, geradeaus und zurück» zuerst im Zimmer erklärt, dann auf dem Pausenplatz in Gruppen geübt – das war mir fast ein bisschen peinlich, weil es aussah wie ein paramilitärisches Ballett. Schliesslich suchten wir mit diesen Worten quer durch Uster den Bahnhof. Das Wetter spielte mit – es war ein gelungener Start.

Unser gutes Dutzend Kursteilnehmer sprach höchstens ein paar Brocken Englisch, auch untereinander konnten sich nicht alle verständigen. Die Kurden, Iraner, Afghanen kannten wohl alle neben ihren eigenen Sprachen auch etwas Arabisch wie die anderen Syrer und Iraker, aber die Tamilen kamen aus einer ganz anderen Welt. Eine babylonische Vielfalt. Keine einfache Konstellation für den Deutschunterricht. Besonders für Laien-Lehrpersonen.

Obwohl ich selber mit der Grammatik nicht auf Kriegsfuss stehe, hielt ich es für abwegig, die neu zu lernenden Wörter gleich zu deklinieren oder zu konjugieren. Es wäre schon viel gewonnen, wenn der Fremde «Ich suchen Bahnhof» sagen könnte. Muss er wissen, dass er «den» Bahnhof sucht, obwohl es «der» Bahnhof heisst? Muss er wissen, dass er «der» Frau hilft, obwohl «der» der männliche Artikel schlechthin ist? Das schienen mir irritierende Details, die man noch lange vernachlässigen könnte.

Also lieber «links – rechts – geradeaus – zurück». Im Lauf der Lektionen habe ich das Thema erweitert. Oben und unten. Auf der Karte die Himmelsrichtungen. Links ist der Westen, oben der Norden und so fort.

Jede Woche habe ich wieder damit angefangen: links – rechts. Oft legte jemand aus der Klasse von sich aus los, sobald ich mich in das Halbrund der Tische stellte: «Links!». Alle lachten. Womöglich haben diese Repetitionen bewirkt, dass Thevarasa Sivakaran sich auch neun Monate später noch daran erinnert, wenn er mich sieht.

Verzicht auf klassischen Sprachunterricht

Das Geografie-Thema zog mich an, weil ich selber gerne wissen wollte, wo die Kursteilnehmer herkommen. Nicht nur die Länder, sondern ihre Städte und Dörfer. Ich habe die Angaben der Flüchtlinge jeweils in Karten eingezeichnet und Kopien davon in der Folgewoche verteilt. Damit konnten wir üben: Hasaka ist im Norden von Syrien. Oder: Kalmunai ist klein, Colombo ist gross.

Auch die Flüchtlinge könnten damit motiviert werden, hoffte ich. Es müsste auch sie interessieren, woher die anderen stammen. Und im gleichen Stil konnte ich auch die Schweiz ein bisschen erklären: Uster ist klein, Zürich ist gross.

Das Aha-Erlebnis

Diese Erfahrungen habe ich ein paar Monate später mit einem Freund besprochen, der sich seit Jahren mit DAZ-Unterricht beschäftigt, bisher meist mit Kindern. Mir selber ist die akademische Diskussion zum Thema nicht vertraut, aber er hat mir danach einen Text geschickt, der bei mir ein Aha-Erlebnis ausgelöst hat: «Was Freiwillige bei der Sprachunterstützung von Flüchtlingen brauchen – und was nicht».

Das schöne Gefühl, nicht alles falsch gemacht zu haben, hat mir mit diesem Text ein emeritierter Professor der Universität Wien geschenkt: Hans-Jürgen Krumm. Der 74-jährige Sprachspezialist ist dezidiert der Meinung, dass Flüchtlinge zwar so rasch wie möglich die Sprache des Gastlandes lernen sollten, aber sich nicht von Anfang an in Grammatik-Details verheddern müssen. Sie haben Sorgen genug und es hilft ihnen nicht, wenn engagierte Freiwillige sie ständig korrigieren und verunsichern.

Den Freiwilligen empfiehlt Krumm, die Freiheit zu nutzen, die sie aus der Situation ziehen können. Weil sie keine ausgebildeten Lehrer sind, sollten sie diese auch nicht imitieren. Im Gegensatz zu den Profis seien sie keinem Lehrplan verpflichtet: «Die Stärken von ‹Laien-Lehrkräften› liegen im Verzicht auf klassischen Sprachunterricht.»

Die Empfehlungen des Wiener Professors haben mir nachträglich bestätigt, einen passablen Weg eingeschlagen zu haben. Doch ob Krumms Rezept für den ganzen Freiwilligen-Einsatz taugt, ist uns auch heute noch nicht klar. Jedenfalls war ich damals nicht unglücklich gewesen, dass meine Teampartnerin jeweils vor mir etwas «normaleren» DAZ-Unterricht erteilte. So musste ich erst nach der Pause meine Methodenfreiheit mit Leben füllen.

Bedürfnisse der Flüchtlinge – Bedürfnisse der Freiwilligen

Die Krux ist: Naturgemäss können Freiwillige nur kleine Pensen übernehmen, und die Kursteilnehmer sehen deshalb von Montag bis Freitag immer wieder ein anderes Team. Das schreit nach Absprache untereinander.

In unregelmässigen Abendsitzungen versuchte unsere Wochengruppe, die uns unvertraute Lehrtätigkeit zu koordinieren. Im Restaurant Ochsen haben wir Freiwillige diskutiert, wie man das befürchtete Chaos vermeiden könne. Es zeigte sich, dass das Team mehrheitlich eine Orientierung wünschte. Ein Lehrmittel wurde bestimmt, Lernfortschritte sollten protokolliert werden, Heftseiten zugeteilt. Da war er wieder: «der klassische Sprachunterricht».

Didaktisches Dilemma

Das didaktische Dilemma zeigte sich auch im Donnerstagsteam – zwischen meiner Frau und mir. Beatrice Stebler glaubt, dass Freiwilligenarbeit nicht überfordernd sein sollte. Klare Aufgaben, die erfüllbar sind, statt ein offenes Feld von Möglichem, das zum grossen Suchen und Abwägen führt, wären ihr lieber gewesen. Eine klar vorgegebene Struktur könnte zudem verhindern, dass sich im Team der Freiwilligen gruppendynamisch einfach der Stärkste durchsetzt.

Ich dagegen finde es von vorneherein unrealistisch, von null auf hundert einen Schulbetrieb hochziehen zu wollen, der den Vergleich mit einem institutionalisierten Lehrbetrieb aushalten könnte. Nicht nur, weil die Flüchtlinge das in diesem Anfangsstadium nicht brauchen. Sondern weil es von uns ungeschulten Freiwilligen nicht zu leisten ist.

Dass wir dann schon nach einem Vierteljahr aufgaben, hatte verschiedene Gründe: Da wir beide freiberuflich an verschiedenen Projekten arbeiten, kam uns der blockierte Donnerstagvormittag gelegentlich in die Quere. Die Diskussion um die Ausrichtung unserer Freiwilligenarbeit spielte aber auch eine Rolle. Eine stringentere Stoffplanung hätte Beatrice Stebler das Weitermachen erleichtert, und als sie nicht mehr wollte, hatte ich keine Lust, mein autonomeres Vorgehen mit einem neuen Partner abzustimmen.

Auch die Herkunftssprache ist wichtig

So bleibt es mir letztlich unklar, ob oder wie weit Hans-Jürgen Krumm recht hat. Wir sollten Flüchtlinge nicht überfordern, aber auch nicht die freiwilligen Helfer. In einem speziellen Punkt fühle ich mich allerdings von ihm ganz bestätigt. Für die Flüchtlinge sei Deutsch wichtig, sagt er, aber auch die Herkunftssprache. In ihr könnten sie sich orientieren und mit ihr hätten sie ein Stück Heimat mitgenommen, vielleicht das einzige, was sie mitnehmen konnten. Deshalb sollten gerade die Freiwilligen diesen Sprachen Respekt entgegenbringen.

Wir haben jeweils am Ende jeder Doppelstunde ein deutsches Wort in alle im Raum vorhandenen Sprachen übersetzen lassen. So stand dann etwa an der Tafel: «Shukran – Spas – Motsahkerm – Nandri». Und dazu das deutsche Wort: «Danke».

* Dölf Duttweiler ist Filmemacher, Journalist und Historiker