Hauptinhalt

Nochmal ganz neu nachdenken

  • 29.08.2017

Nicht nur die Digitalisierung, auch die Unplanbarkeit von Biografien zwingt die Weiterbildung zu neuen Konzepten. Innovative Ansätze kommen aber eher von branchenfremden Anbietern.

 

Ronald Schenkel 

Der klassische Weiterbildungsmarkt ist riesig. Lernen kann man fast alles. Doch fast alles lernt man auf ähnliche Weise. Die Angebote gleichen Fertiggerichten. Es sind Rundum-sorglos-Pakete, die sich der oder die Lernende einverleibt. Will ich lernen, wie man Basilikum züchtet oder ein Excel- Programm bedient, mag das durchaus in Ordnung sein. Doch bei vielen Angeboten stellt sich die Frage, ob die Darreichungsform oder das Lernprinzip tatsächlich noch zeitgemäss sind. Nicht zuletzt die Digitalisierung und mit ihr die generelle Verfügbarkeit von Wissen stellen gängige Unterrichtsformen infrage oder rufen zumindest nach Ergänzungen.

Ein E-Book bleibt ein Buch 

Viele Weiterbildungsinstitutionen haben auch schon auf die digitale Revolution reagiert und ergänzen ihre Angebote. Doch ein E-Book ist immer noch ein Buch. Und auch ein Massive Open Online Course bleibt in der Regel in den traditionellen Bahnen der Wissensvermittlung: Es gibt einen Dozenten, der Wissen an Lernende weitergibt. Das ist nichts anderes als die klassische Vorlesung oder der klassische Kurs, wenn auch sozusagen entgrenzt.

Aber machen wir uns nichts vor: Auch Aus- und Weiterbildung wird, wie andere Branchen auch, von der Digitalisierung erst noch richtig erfasst werden. Und wie in anderen Branchen wird die Innovation nicht aus der Küche der traditionellen (Weiterbildungs-)Institutionen stammen. Vielmehr sind es die Technologieentwickler, die das Feld aufmischen. Software-Unternehmen tun dies jedoch durchaus mit dem Anspruch, Bildung zugänglicher und auch wirkungsvoller zu gestalten.

Im virtuellen Labor 

Ein Beispiel dafür ist das dänische Startup Labster, das inzwischen auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Zürich beschäftigt. Labster will die naturwissenschaftliche Ausbildung ins 21. Jahrhundert katapultieren. Die Grundlage dafür sind virtuelle Labore, die Experimente zulassen, wie sie in den echten möglich sind.

Natürlich kostet das virtuelle Labor einen Bruchteil dessen, was für reale Gerätschaften investiert werden müsste. Doch wichtiger ist, dass auch viel mehr Studierende die Möglichkeit bekommen, überhaupt Versuche durchzuführen und mit Materialien zu experimentieren, die sonst eher unter Verschluss bleiben. Zudem bietet virtuelle Realität die Möglichkeit, Wissen in ganz verschiedenen Kontexten zu testen, etwa im Setting eines Krimis.

Reflexionsräume sind willkommen 

Doch Technologie ist nicht der einzige Treiber für Veränderungen in der Bildungswelt. Eine Biografie verläuft heute kaum mehr linear und kann selten geplant werden. Die Verabreichung von Weiterbildungs-Fertiggerichten ist vor einem solchen Hintergrund so adäquat wie der Versuch, mitten in einem bewegten Ozean einen Anker zu werfen. Bildungsanbieter, so bilanziert die Wissenschaft, werden nicht darum herumkommen, von reinen Verkäufern ihrer Produkte zu Beratern bei der Gestaltung eines Lebensentwurfs zu werden, als dessen Bausteine allenfalls verschiedene Bildungsangebote dienen können.

Doch in einer Welt der raschen Veränderungen, der globalen Vernetzung und damit auch der globalen Probleme werden wohl Weiterbildungsangebote immer dringender, die nicht einfach vorhandenes Wissen weitergeben, sondern vielmehr Reflexionsräume für die persönliche Entwicklung anbieten.

Ein Beispiel dafür bietet just eine Business School, die sich als MBA-Alternative sieht. Ihr Motto lautet: Wissen vermitteln, das man nicht googeln kann. Bei Stride (to stride forward zu Deutsch: vorankommen) ist sozusagen der Weg das Ziel: die persönliche Entwicklung des Lernenden.

Konkrete Projekte

Doch bitte nicht falsch verstehen: Die Business-School ist keine Schmusetherapie, sondern will ihre Absolventen fit machen für die unternehmerischen Anforderungen unserer Zeit. Sie setzt ihre Studierenden dafür konkreten Projekten aus, die diese als Entrepreneure umsetzen sollen. In den Modulen geht es um Fragen wie Community Building, neue Organisationsformen oder die Skalierung von Wirkung.

Acht sogenannte Pioniere sind im März in den ersten Zertifikatslehrgang eingestiegen. Während eine Gruppe des ersten Lehrgangs eine Art digitalen Assistenten entwickelt, der einen im Alltag mit kritischen Fragen immer wieder auf den Boden der Realität zurückbringen soll, beschäftigt sich eine andere mit nichts Geringerem als einem alternativen Wirtschaftssystem. Der Ansatz ist der Herkunft von Stride geschuldet: Die Schule ist ein Spin-off des Impact Hubs.

Der Hub hat selbst gelernt

Seit 2011 bietet der Impact Hub Startups in Zürich nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch inhaltliche Unterstützung zum Aufbau eines Unternehmens an. Der Hub hat dabei selbst gelernt und stellt heute eine Art Wissensreservoir für projektorientiertes und kollaboratives Arbeiten dar, auf das auch traditionelle Unternehmen, etwa die Swisscom, gerne zurückgreifen. 

Dass der Hub nun ein eigenes Bildungsangebot aufbaut, ist im Grunde nicht verwunderlich. Dass er sich dabei dem Prinzip des Un-Schooling verschreibt, das den Lernenden zum Akteur seines eigenen Lernens macht, passt zum unternehmerischen Spirit des Ganzen. Doch es entspreche auch einem Trend, sagt Co-Gründer Björn Müller mit einigem Selbstbewusstsein.

Müller ist Psychologe mit einem PhD-Abschluss in Organisationswissenschaft und kulturellen Studien der Universität St. Gallen. Und er mag recht haben, richtet man den Blick auf andere Angebote, die sich wie Farbtupfer vom Bildungs-Einerlei abheben – seien es die Kaospilots (das ist kein Tippfehler) in Bern, die sich ebenfalls als Business School verstehen, oder aber die Londoner School of Life, die der Philosoph Alain De Botton gegründet hat mit dem Ziel, Lernen nicht nur mit Wissen zu koppeln, sondern mit Bedeutung aufzuladen. 

Gefragt: Problemlösungskompetenzen

Diese Beispiele mögen Nischenprodukte sein. Aber wir leben in einer Zeit, in der die Nische plötzlich ganz gross werden kann. Und so wie klassische Unternehmen sich heute schon Innovationen von Startups holen, könnten sie Gefallen an Weiterbildungskonzepten finden, die eher Problemlösungskompetenzen fördern als Werkzeuge für die Bedürfnisse von gestern. Das sollte auch Weiterbildungsanbietern zu denken geben. 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in: Handelszeitung, 24. August 2017

Buch I-Pad
Auch ein E-Book ist ein Buch. Die eigentliche digitale Revolution in der Weiterbildung dürfte erst noch kommen. Doch nicht jede Innovation muss technologie-getrieben sein. (Bild: Pixabay)