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"Solange man im Verwaltungs-Groove steckt, passiert nichts"

  • 15.12.2017

Die Kantone spielen bei der Nachholbildung eine entscheidende Rolle. Insbesondere für die Organisationen der Arbeit (OdAs) können sie wichtige Impulsgeber sein, um in einzelnen Branchen Weiterbildungsaktivitäten auszulösen. Im Kanton Solothurn gelingt das erstaunlich gut. Der Leiter der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung, Renato Delfini, erklärt die Gründe.

Interview Ronald Schenkel   

Welche Rolle sollten Kantone insgesamt bei der Nachholbildung spielen?

Renato Delfini: Auf jeden Fall eine aktive. Sie sollten engagiert und in Zusammenhängen an Lösungen arbeiten, und sie sollten die OdAs in diesem Prozess unterstützen. Die OdAs brauchen mitunter auch einen Anschub. 


Und leisten die Kantone dies?

In unterschiedlichem Ausmass. Und natürlich benötigen auch nicht alle OdAs Unterstützung. Wir zählen in der Schweiz rund 200 Branchenvereinigungen. Die grossen, nationalen Organisationen handeln von alleine. Es geht vor allem um die kleineren, die kantonalen Ableger. Da ist eine aktive Unterstützung hilfreich und zielführend.

Im Kanton Solothurn nimmt das Amt für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen für sich in Anspruch, eine aktive Rolle zu spielen. Was unternehmen Sie konkret?

Lassen Sie mich ein aktuelles Beispiel nennen: Über die Jahre hin haben wir festgestellt, dass die Gastronomieberufe eine sehr hohe Lehrabbruchs-Quote aufwiesen. Dazu kam eine sehr hohe Nichtbestehens-Quote bei den Lehrabschlussprüfungen. Der kantonale Branchenverband sah Handlungsbedarf.  Das Berufsinspektorat hat sich schliesslich mit dem Branchenverband an einen Tisch gesetzt und analysiert, woran das liegt. Auf der Grundlage dieser Gespräche wurden gemeinsam Lösungsansätze und Vorgehensweisen entwickelt. Im Zentrum dieser Ansätze stand die Imagepflege, aber auch einen erhöhten Bedarf an Weiterbildungsangeboten und Schulungen für Lehrmeister wurden ausgemacht. Zudem gilt es die Wahrnehmung der Gastroberufe zu aktualisieren und mit aktiver Kommunikation in alle Richtungen zu verbessern. 

Lehrlinge brechen aber kaum wegen des Images ab. Oder?

Unter anderem ging es um den Umgangston in der Küche. Da musste sich etwas ändern. Und die Änderung musste auch sichtbar gemacht werden. Wir haben unsererseits dafür gesorgt, dass die Gastroberufe aktualisiert zugänglich wurden. Das heisst, die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung hat sich die ganze Sache eins zu eins im realen Kontext angeschaut und nach Anleitung von Lernenden aktiv mitgearbeitet, so dass wir die Berufsbilder und das Umfeld mit hohem Praxisbezug vermitteln können. Auf dieser Erfahrungsgrundlage ist nun bereits eine Berufsbegegnung  für Lehrpersonen in Planung.

Ist es nicht eine Selbstverständlichkeit, dass eine OdA sich um Probleme wie das Image eines Berufsstands kümmert?

Das ist es bestimmt. Wenn man die Grossen anschaut, gibt es dort auch Persönlichkeiten, die dies professionell angehen. Bei den Kleinen sind zwar oft gute Ideen vorhanden, aber sie versanden, oder die Probleme können aus Ressourcengründen nicht ganzheitlich angegangen werden. Hier müssen wir um aktiven Support bemüht sein, damit die OdAs ihre Aufgaben erfüllen können. Wie gesagt: Wir müssen nicht in den Lead gehen. Wir müssen Unterstützung anbieten. 


Und dafür haben Sie die Ressourcen?

Wir verstehen diese Aufgabe, neben unseren übrigen Tätigkeiten, als willkommene Herausforderung und Job-Enrichment. Unsere für den Gastrobereich zuständige Berufsinspektorin ist persönlich stark daran interessiert, dass die Gastro-Berufe aus ihrer Klemme herausfinden. Es zählt das persönliche Engagement und das Herzblut. 

Eher eine Frage der Prioritätensetzung also.

Ja, aber vor allem eine Frage des Engagements der einzelnen Personen. 

Und dieses Engagement fehlt in anderen Kantonen?

Das kann ich nicht beurteilen. Aus eigener Erfahrung aber weiss ich, wenn jemand über Leadership verfügt und das einbringt, passiert etwas. Solange man im Verwaltungs-Groove steckt und vor lauter Verwalten das Gestalten nicht sieht und nicht wahrnimmt, passiert nichts.


Solothurn ist aber auch einigermassen überschaubar. 

Das stimmt. Wir haben aufgrund unserer übersichtlichen Grösse tatsächlich die Möglichkeiten, direkter zu funktionieren. Aber in der Berufsbildungspartnerschaft funktionieren eigentlich alle Kantone gleich. Es gibt die OdAs, die Berufsinspektorate bzw. Lehraufsichten, die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungen mit ihren BIZ. Mit dieser Struktur muss man etwas machen. Auch in anderen Kantonen gibt es kantonale Branchenverbände, die nicht wissen, wie sie ihre Probleme angehen sollen, unter anderem eventuell zu wenig Eigenantrieb haben oder innere Widerstände. Natürlich sind die Rollen und Zuständigkeiten in der Berufsbildungspartnerschaft klar zugeordnet. Aber das schliesst nicht aus, dass man sich gegenseitig aktiv unterstützt. Und wenn man sieht, dass ein gewisser Anstoss nötig ist, probiert man das zu initialisieren. Meine Erfahrung ist, dass die Reaktionen darauf immer positiv ausfallen.   

Was würde geschehen, wenn sie nichts täten?

Es würde so weiterlaufen, wie es ist.


Und das heisst?

Viele wertvolle Zeit wird in die Probleme statt in die Lösungen investiert. Das ‘Schwarz-Peterli-Spiel’ ist ein unrühmliches Indiz dazu. Die Berufsbildungspartnerschaft muss nicht nur propagiert sondern aktiv gelebt werden. Es gilt gemeinsam engagiert in Lösungen zu denken und zu handeln.


Sie haben jetzt vor allem von der Lehre gesprochen. Wie aber sieht es mit der Nachholbildung aus? 

Wenn das Image einer Branche wächst und sie präsenter wird, entwickeln sich dort zwangsläufig auch weitere Aktivitäten. Wenn die Situation bei den Lehren stimmt, kann man auch mit einer stärkeren  Entwicklung bei der Nachholbildung rechnen. In der Regel findet Nachholbildung ja in Lehrbetrieben statt. 

Nachholbildung ist das eine. Aber es verlieren vermehrt Menschen ihre Stelle, weil ihre Jobs gar nicht mehr existieren, die sich dann ¬– auch über Weiterbildung – neu orientieren müssen.

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung sich auf diesem Feld noch stark entwickeln und in solchen Fällen eine zunehmend wichtigere Rolle einnehmen muss. Mit den andauernden und sich beschleunigenden Veränderungen wächst das Informations- und Beratungsbedürfnis. Berufe entstehen, Berufe verschwinden. Wir müssen deshalb mehr als nur die Berufe kennen, wir müssen das Umfeld dieser Berufe verstehen. Wir müssen verstehen, wohin sich diese Berufe entwickeln und welche Perspektive es vielleicht auf die nächsten drei, vier Jahre hinaus gibt, was für Konsequenzen dies auf die permanente Weiterbildung hat. Das bedeutet letztlich auch, dass sich die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung dessen auch viel stärker bewusst werden muss. Theoretisches Wissen muss zwingend mit Praktischem unterlegt und ergänzt werden. Arbeitsmarktwissen ist dabei unerlässlich. Hier gilt es ebenfalls permanente Weiterbildung anzubieten. 

Und Sie schicken Ihre Leute raus?

Ja. Jede sich ergebende gute Gelegenheit in diesem Sinne Arbeitswelt zu erkunden versuchen wir aktiv zu nutzen. Ein- bis zweimal pro Jahr organisieren wir einen intensiven Berufserkundungstag im realen Kontext. So sind wir eben aktuell den Gastroberufen begegnet. Ein andermal galt es dem ‘Holzweg’ vom Wald bis zum fertigen Dachstock beziehungsweise Möbelstück zu folgen. Auch die Begegnung mit den Nahrungsmittelberufen war äusserst instruktiv. Dem gleichen Grundkonzept folgend gibt es im Kanton die IBLive, dh Industrieberufe-Live. Hier öffnen sich die Unternehmen und machen die ansonsten nicht sichtbaren Industrieberufe für Schüler und Schülerinnen erlebbar. Auch hier können unsere Beratungsfachpersonen teilnehmen und die Plattform für den direkten Erfahrungsaustausch mit den Berufsbildnern und Lernenden pflegen. Das gibt Gelegenheit zum Netzwerken. Zudem bekommen sie die Berufe und vor allem die Ausbildung in den Betrieben hautnah mit.

"Die OdAs brauchen mitunter Anschub", sagt Renato Delfini, Leiter des Amts für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen. (Bild zVg)