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Von der Angebots- zur Weiterbildungsberatung

  • 21.08.2017

Biografien werden individueller, oft auch fragmentierter, geprägt von Brüchen und Krisen. Mit solchen Personen sind auch die Ausbildenden konfrontiert, was sie auch vor neue Herausforderungen stellt. Der Beitrag erscheint in der Ausgabe 3/2017 der Fachzeitschrift "Education Permanente". Sie beschäftigt sich mit der Gestaltung von Übergängen.

René Schneebeli*

Die Rahmenbedingungen der Arbeitswelt haben sich durch die Globalisierung und Digitalisierung grundlegend geändert. Der Umbau zur Wissensgesellschaft verlangt mehr und andere Qualifikationen von den Arbeitskräften und verändert viele Berufsbilder. Gleichzeitig entstehen fortlaufend neue Möglichkeiten, in der Zukunft produktiver, flexibler, vernetzter und internationaler zu arbeiten.

Aber auch gesellschaftliche Entwicklungen verändern die Wirklichkeit. Neben revidierten Rollen­ und Familienbildern sehen sich heute Arbeitnehmende gerade in ihren aktivsten Berufsjahren mit einer Verdichtung an gesellschaftlichen Erwartungen, beruflichen Anforderungen und eigenen Ansprüchen konfrontiert.

Die Folge sind der Wunsch nach mehr Vereinbarkeit der verschiedenen Lebensbereiche, nach mehr Zeitsouveränität und mehr Balance zwischen Arbeit und Beruf. Alle diese Entwicklungen erzeugen einen Veränderungs­, Anpassungs­ und Innovationsdruck, den sowohl Unternehmen wie auch Arbeitnehmende zu leisten haben.

Baustelle Erwerbsbiografien

Die Erwerbsbiografien werden auf allen Qualifikationsebenen dynamischer und vielfältiger. Der Einstieg in die Erwerbstätigkeit, der Wechsel zwischen unterschiedlichen Beschäftigungs­ formen, spätere Bildungsphasen, Familienzeit, Sabbaticals und Wiedereinstiege nach der Arbeitslosigkeit gewinnen als Gestaltungselemente der Arbeitsbeziehung an Bedeutung. Ebenso wie lebensphasenorientierte Arbeitszeit oder ein flexibler Eintritt in die Rente Erwerbsbiografien stärker prägen.

Dabei stehen die Individuen zu­ nehmend vor der Aufgabe, ihre Bildungsbiografie in Eigenverantwortung zu gestalten. Sie sind verpflichtet, sich selbst um ihre Employability zu sorgen.

Moderne Laufbahnmodelle modellieren Laufbahnen z.B. als Mosaik¹, deren Einzelteile weniger einem einheitlichen Muster, denn vielmehr eigenen Werten, Zielen und Entscheidungen verpflichtet sind und die auch als Massstab für die Beurteilung der eigenen Karriere gelten. Ins­besondere konstruktivistische Ansätze² sehen die Laufbahnentwicklung als Anpassung an eine subjektiv konstruierte Identität, die sich in sozialen Interaktionen ausformt und im Gespräch durch das Erzählen zu einer sinnstiften­ den Lebensgeschichte konstruiert wird. Diese bildet die Basis für kommende Bildungsentscheide, bei denen nicht mehr nur Interessen, Fähigkeiten und die Persönlichkeit eine Rolle spielen, sondern auch soziale Einflüsse, Hindernisse, Zufälle und unerwartete Gelegenheiten.

Wenn die Bildungswege individueller, die Berufsverläufe differenzierter und Arbeit und Beruf noch stärker miteinander verschränkt sind, so ergeben sich komplexe und oft auch paradoxe Entscheidungssituationen.

Damit um­ zugehen, setzt entsprechende Selbststeuerungskompetenzen voraus, die einem vor Verunsicherung, Kontrollverlust und Handlungsunfähigkeit bewahren. Steigen wird deshalb der Bedarf an professioneller Beratung, die sich nicht auf eine oberflächliche Entscheidungshilfe bei der Auswahl von Weiterbildungsmassnahmen begrenzt. Es wird mehr gefordert sein als die Motive, Wünsche und Lebensrealitäten der Weiterbildungsinteressierten mit dem eigenen Bildungsangebot oder gängigen Verlaufsmustern abzustimmen.

Erarbeitung eines ganzheitlichen Lebensentwurfs

Notwendig ist, die individuelle Geschichte zu reflektieren, generelle Lebensprobleme, Widersprüche, Belastungen und das Entscheidungsverhalten zu thematisieren. Es gilt gemeinsam einen aktualisierten und ganzheitlichen Lebensentwurf zu erarbeiten und mögliche Entwicklungsperspektiven zu erörtern, für die nicht zwingend Bildungsmassnahmen die Lösung sein müssen.

Der Beratungsaufwand lässt sich somit nicht mehr mit der Zuführung der Weiterbildungsinteressierten zu einem richtigen, hauseigenen Angebot rechtfertigen, sondern vielmehr durch die Beratungsdienstleistung selbst.

Geforderte Qualifikationen

Die Verlagerung von der Informations­ zur Biografieberatung führt zu einer deutlichen Ausweitung der Qualifikationsanforderungen. Psychosoziale Aspekte im Beratungsgeschehen zu berücksichtigen, verlangt ein prozesshaftes Beratungsverständnis, das ein vertieftes psychologisches Wissen insbesondere zu Themen der Selbststeuerung voraussetzt. Dazu kommen Kenntnisse über die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen zur Weiterbildung und ein guter Einblick in den aktuellen Arbeitsmarkt. Der offene Ausgang der Beratung bedingt, auch die Angebote von anderen Anbietern und Fachgebieten präsent zu haben und ein gutes Netzwerk zu spezialisierten Beratungsstellen zu unterhalten.

Auch die bisher dominante Beratungsform, bei der es vor allem um Informationen ging, wird anspruchsvoller. Gerade in der beruflichen Weiterbildung werden zusehends Massnahmen verlangt, die punktgenau und differenziert zu unmittelbar verwertbaren Kompetenzerweiterungen führen. Damit verbunden ist eine Ausweitung des nonformalen und informellen Angebots, über das der Beratende Bescheid wissen sollte.

Verändertes Berufsbild

Auch im Unterricht gewinnt die pädagogische Intervention und Beratung an Bedeutung. Das beratende Lernen erhält Auftrieb als Unterstützung für das selbstgesteuerte Lernen, das dem Trend zur Selbstbestimmung im Kontext des lebenslangen Lernens folgt. Insbesondere in der beruflichen Weiterbildung finden Mischformen von vermittelndem Lernen und beratungsorientiertem Lernen Anklang. Auch hier gewinnen nonformale und informelle Lernkontexte an Bedeutung.
Auch für die in der Weiterbildung Tätigen werden reine Erhaltungs­ und Anpassungsqualifikationen nicht ausreichen, um längerfristig am Markt zu bestehen. Es gilt die Entwicklungen zu antizipieren und das eigene Qualifikationsprofil proaktiv auszubauen. Wer wartet, bis träge Bildungsverordnungen staatlich sanktionierte Antworten auf Anforderungen geben, die gestern noch aktuell waren, den werden die vielbesagten Hunde beissen.

¹Sullivan, S. E., & Mainiero, L. A. (2007). Kaleidoscope careers: Benchmarking ideas for fostering family-friendly workplaces. Organizational Dynamics, 36 (1), 45–62. 

²Savickas, M. L., Nota, L., Rossier, J., Dauwalder, J.-P., Duarte, M. E., Guichard, J., Soresi, S., Van Esbroeck,
R., Van Vianen, A. E. M. & Bigeon, C. (2009). Life designing: A paradigm for career construction in the 21st century. Journal of vocational behavior, 75(3), 239–250. 


*René Schneebeli ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Pädagogischen Hochschule Zürich, dipl. Berufs-, Studien- und Laufbahnberater Kontakt: rene.schneebeli@phzh.ch

Die Biographien werden komplexer. Das stellt auch höhere Anforderungen an die Qualifikationen von Weiterbildungsanbietern. (Bild: Pixabay)

Übergänge gestalten

Die Ausgabe 3/2017 der Fachzeitschrift "Education Permenente" beschäftigt sich mit den Herausforderungen, denen Personen in der Erwachsenenbildung begegnen, die an Schnittstellen arbeiten und Menschen bei Übergängen begleiten.

Die Ausgabe erscheint am 1. September 2017. Kann aber bereits jetzt vorbestellt werden.

 

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