Hauptinhalt

Weiterbildung in der «letzten Diktatur Europas»

  • 26.07.2017

Die Association of Life-Long Learning and Enlightenment (ADOiP) ist der Dachverband der weissrussischen Weiterbildungsanbieter – das Pendant zum SVEB, nur unter ganz anderen politischen Umständen. Seit diesem Jahr läuft im Rahmen der Leistungsvereinbarung des SVEB mit dem SBFI ein Kooperationsprojekt zwischen den beiden Verbänden, dessen Ziel der Know-how-Transfer in den Bereichen Qualitätssicherung und Professionalisierung ist. Wie steht es um die Weiterbildung in einem Land, das von der Presse oft als die letzte Diktatur Europas bezeichnet wurde? Martina Fleischli vom SVEB war im Rahmen des Projektes anfangs Juli in Minsk und berichtet im Interview über ihre Eindrücke.

Frau Fleischli, wie steht es um Ihr Weissrussisch?
Eher bescheiden. Ich kann mich auf Weissrussisch bedanken und anstossen. Aus diesem Grund und weil Englisch in dieser Region nicht sehr verbreitet ist, waren wir beim Treffen auf Dolmetscher angewiesen.

Beim Stichwort Weissrussland denke ich an Eishockey oder an den seit 1994 regierenden Präsidenten Alexander Lukaschenko – Rekord für einen europäischen Machthaber. Wussten Sie vor dem Projekt mehr über das Land?
Ich wusste bei Projektbeginn nicht sehr viel über Weissrussland, nur das, was man aus den Medien mitbekommt. Ich habe mich darum vor der Reise im Detail über die Geschichte und die gesellschaftspolitische Situation informiert. Bezüglich der Situation der Weiterbildung konnten wir uns auf einen Bericht des ehemaligen SVEB-Direktors André Schläfli stützen, der das Projekt ins Rollen brachte und für Vorabklärungen bereits nach Weissrussland gereist war.

Wie kam der SVEB gerade auf Weissrussland?
Der SVEB setzt sich seit langem auf internationaler Ebene für die Weiterbildung ein. Dabei liegt seit einigen Jahren ein Schwerpunkt auf der Zusammenarbeit mit Ost- und Südosteuropa. Mit Serbien und Rumänien laufen bereits Kooperationen. Dieses Engagement wird als Teil unserer Leistungsvereinbarung vom SBFI unterstützt. Unter diesen Voraussetzungen sind wir auf Weissrussland aufmerksam geworden. Gerade in einem Land, in dem die demokratischen Grundrechte durchaus bemängelt werden dürfen, ist es uns ein Anliegen, die Weiterbildung und damit auch die Zivilgesellschaft zu stärken. Bei der konkreten Umsetzung hat uns dann Eveline Steinger von der PH Zug als Kennerin Weissrusslands unterstützt.

«Die Weiterbildung in Weissrussland
ist sehr stark reguliert.»

Nun waren Sie eine Woche lang in Minsk. Wie haben Sie das Land wahrgenommen?
Ich war positiv überrascht. Mir sind sehr offene und interessierte Leute begegnet. Die Macht und die Kontrolle des Staates sind natürlich ein ständiges Thema. Zumindest die Akteure in der weissrussischen Weiterbildung haben deswegen aber keineswegs resigniert – sie sind voller Tatendrang.

Wie schätzen Sie denn die aktuelle Situation der Weiterbildung in Weissrussland ein?
Eins vorneweg: Wenn wir in Weissrussland von Weiterbildung sprechen, dann ist fast ausschliesslich die berufliche Weiterbildung gemeint. Die wichtigsten Branchen sind dabei Informatik, Gesundheit und das Bauwesen. Die kulturelle Weiterbildung ist im Vergleich dazu nur schwach vertreten.
Generell ist die Weiterbildung sehr stark reguliert. Es gibt zwar öffentliche und private Anbieter, viele private sind aber staatlich anerkannt und müssen darum strikte Vorgaben zum Inhalt der Kurse einhalten. Doch auch Anbieter, die auf die staatliche Anerkennung verzichten, unterliegen starken Vorschriften und verbringen viel Zeit damit, bürokratische Hürden abzubauen.

Heisst das, die Akteure in der Weiterbildung sind eher schwach?
Das würde ich so nicht sagen. Die Weiterbildungsanbieter, die wir in Weissrussland getroffen haben, sind gut organisiert, informiert und hochprofessionell. Hinzu kommt ihr grosses Engagement. Sie sehen sich aber natürlich mit den Herausforderungen der strengen staatlichen Regulierung sowie der allgemeinen schwierigen Wirtschaftslage in Weissrussland konfrontiert.

Das Projekt soll diese Akteure unterstützen. Es ist eine Kooperation zwischen den beiden Dachverbänden geplant. Wer ist Ihr Partner und wie kann der SVEB ihn konkret unterstützen?
Unser Partner ist die Association of Life-Long Learning and Enlightenment (ADOiP), der Dachverband der weissrussischen Weiterbildung. Die Organisation ist relativ jung. Die ADOiP ist seit 2008 aktiv und vereinigt 13 Organisationen. Bei einem Kick-off-Treffen in Minsk haben wir festgestellt, dass vor allem die Organisationsentwicklung der ADOiP und ihrer Mitglieder, die Qualitätssicherung und die Professionalisierung Themen sind, bei denen die ADOiP vom SVEB profitieren kann. In diesen Bereichen kann der SVEB viel Know-how einbringen. Konkret könnte das so aussehen, dass Schweizer und weissrussische Expertinnen und Experten gemeinsam Module für die Ausbildung der Ausbildenden in Weissrussland entwickeln.

«Wir nutzen die bestehenden Freiräume. So stärken wir die Weiterbildung und gleichzeitig die Zivilgesellschaft.»

Wir haben es bereits angesprochen: Weissrussland wird seit 23 Jahren von Alexander Lukaschenko regiert und gilt als autoritärer Staat. Wie wirkt sich dies auf das Projekt und die Zusammenarbeit aus?
Es führt dazu, dass das Projekt sehr stark auf die Akteure der Weiterbildung und ihre Möglichkeiten fokussiert und nicht auf die Rahmenbedingungen. Einen politischen Forderungskatalog auszuarbeiten macht hier wenig Sinn. Es geht darum, wie die Weiterbildungsanbieter selbst zu einer Verbesserung beitragen können. Das sehen auch die Vertreter und Vertreterinnen der ADOiP so. Bei der Zusammenarbeit ist mir ihre grosse Bereitschaft für Veränderungen aufgefallen. So herrschte trotz der politischen Umstände eine regelrechte Aufbruchstimmung.
Dennoch wird das Projekt natürlich auch von den Restriktionen tangiert. Die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, in denen sich unser Partner ADOiP bewegt, sind eng. Enorme bürokratische Anforderungen scheinen jede Initiative der Zivilgesellschaft im Keime ersticken zu wollen. Damit ADOiP für den SVEB beispielsweise ein Sitzungszimmer in Minsk bezahlen kann, braucht es einen 3-monatigen Antragsprozess mit zahlreichen Formularen und Belegen. Die unzähligen gesetzlichen Bestimmungen schaffen eine Unsicherheit in der Zusammenarbeit von ADOiP mit ausländischen Partnern. Dies erfordert besondere Geduld und Vertrauen von beiden Seiten.

Gab es Bedenken, mit einem Akteur in einem autokratischen Staat zusammenzuarbeiten?
Ja, denn es stellt sich immer die Frage, wen wir mit unserer Arbeit schlussendlich unterstützen. Eine erste Reise nach Weissrussland hat jedoch gezeigt, wer unsere Partner sind und was sie zur Zusammenarbeit motiviert. Das Ziel der ADOiP und ihrer Mitglieder ist ganz klar die Weiterbildung zu stärken, und zwar zugunsten der gesamten Bevölkerung. Trotz den erwähnten widrigen Umständen ist ein beträchtliches bottom-up Engagement der Anbieter da.

Aber reicht dieses Engagement aus, um in einem autoritär regierten Staat etwas zu verändern?
Hier ist der Zeithorizont entscheidend. Jede Veränderung in Weissrussland ist von der Zustimmung der Regierung abhängig. Diese zu erhalten braucht jeweils viel Ausdauer und Zeit. Der SVEB möchte deshalb eine längerfristige Partnerschaft aufbauen. Ein zweiter entscheidender Faktor ist, dass wir mit der ADOiP auf fachlicher Ebene zusammenarbeiten.

Damit meinen Sie, es hilft, dass der SVEB bei der Professionalisierung und der Qualitätssicherung ansetzt und nicht bei der Nachhilfe in Demokratie?
Ja, überspitzt könnte man das so sagen. In diesen Bereichen können wir die bestehenden Freiräume nutzen. So stärken wir primär die Weiterbildung aber gleichzeitig auch einen demokratisch orientierten Akteur der Zivilgesellschaft. Das sind vielleicht kleine Schritte, aber in eine positive Richtung.

Welche eigenen Ziele verfolgt eigentlich der SVEB mit der Zusammenarbeit?
Die Vision des SVEB ist es, dass das lebenslange Lernen zur Selbstverständlichkeit wird. Wir engagieren uns für ein starkes und für alle zugängliches Weiterbildungssystem, in der Schweiz und im Ausland.
Wir möchten der ADOiP und unseren Mitgliedern eine Plattform bieten, um konkrete Ideen und Erfahrungen auszutauschen, wie wir das Weiterbildungssystem in beiden Ländern weiterentwickeln können. Gleichzeitig möchten wir die internationale Zusammenarbeit der Schweiz im non-formalen Bildungsbereich vorantreiben.

Um zum Abschluss nochmals auf Ihre Sprachkenntnisse zurückzukommen. Sie sagten, diese reichen, um sich zu bedanken und um anzustossen. Von russischen Empfängen hört man: „Prost“ dürfte wichtiger sein als „Danke“. Wie sieht es in Weissrussland aus?
Da unterscheidet sich das Treffen mit der weissrussischen Weiterbildung stark vom russischen Empfang! Uns wurde ausschliesslich extrem süsser Sirup serviert, meine weissrussischen Trinksprüche müssen also noch ein wenig auf sich warten lassen.

 

Martina Fleischli arbeitet seit viereinhalb Jahren als Projektleiterin beim SVEB. Auf Seiten des SVEB leitet sie die Kooperation mit der ADOiP gemeinsam mit André Schläfli, dem ehemaligen Direktor des Verbandes. Die Laufzeit des Projektes ist vorläufig auf vier Jahre von 2017 bis 2020 angesetzt.

Martina Fleischli
Martina Fleischli ist Projektleiterin beim SVEB und zuständig für internationale Kooperationen (Bild: SVEB)