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Wer nach B will, muss A loslassen – wirklich?

  • 02.11.2017

Die 10. AdA-Plattformtagung von Ende Oktober stellte die Frage nach den "Kursleiterkompetenzen von morgen". Eine einfache Antwort darauf lieferte die Tagung nicht. Aber sie gab Hinweise.

Ronald Schenkel

Auch die Weiterbildung ist im digitalen Zeitalter angekommen. Wenn auch Kugelschreiber und Notizheft weiterhin dominierten, sassen doch viele, die sich am 31. Oktober in Bern zur 10. AdA-Plattformtagung eingefunden hatten, mit einem Gerät in den Händen oder auf dem Schoss in den Zuhörerreihen: Smartphones, Tablets, Laptops, mit denen Präsentationen fotografiert oder direkt heruntergeladen wurden. Natürlich setzte der eine oder die andere zwischendurch auch einen Facebook-Post ab mit der Botschaft: Hey, ich bin hier an einer interessanten Tagung.

Bildungsstudie vermittelt anderes Bild

Das Bild kontrastiert indes nicht wenig mit den Resultaten einer noch unveröffentlichten Studie des SVEB zur Digitalisierung in der Schweizer Weiterbildung. Diese hat zum Vorschein gebracht, dass eine Mehrheit der Weiterbildungsanbieter die Digitalisierung eher als Belastung empfinden. Und der Präsenzunterricht ist nach wie vor die unangefochtene Maxime der Weiterbildungspraxis, was vielleicht erklärt, weshalb längst nicht alle Anbieter in der Schweiz es als zwingend notwendig erachten, dass all ihre Mitarbeitenden über grundlegende IKT-Anwendungskenntnisse verfügen.

Mit einem Bein ist man also im digitalisierten Alltag angekommen. Mit dem andern steht man noch in einer von analogen Techniken und vor allem Denk- und Handlungsmustern geprägten Welt. Doch welche Kompetenzen benötigen Kursleiterinnen und Kursleiter in Zukunft nun tatsächlich?

Zu sehr auf Tools fokussiert

Wer darauf einfache Antworten erwartete, wurde auch an dieser Tagung nicht rundum glücklich. Aber immerhin gab es Hinweise darauf, was sich Kursleitende vielleicht heute schon an Kenntnissen zulegen sollten. Solche Fährten legte zum Beispiel die Keynote von Christoph Negri vom Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW. Negri gab Einblick in eine Umfrage unter Fach- und Führungskräften mit dem Titel „Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0“.

Dass die Digitalisierung tiefgreifende Veränderungen für den Arbeitsalltag mitbringt, scheint weitgehend Konsens zu sein. Doch interessanterweise verfügen längst nicht alle Unternehmen über eine Strategie, wie sie ihre Mitarbeitenden über Weiterbildung in die neue Arbeitswelt befördern sollen. Vieles wird punktuell angegangen, wobei es dabei noch immer vorwiegend um den Einsatz von Technologie geht.

Doch Digitalisierung erschöpft sich nicht in Tools, mahnte Negri an. Und in der Vermittlung von Anwendungswissen erschöpft sich auch keineswegs, was von Kursleitenden in einer digitalisierten Welt tatsächlich erwartet wird.

Medienkompetenz, Medienkompetenz und Breitband

Worauf es zunächst ankommt, verdeutlichte der Workshop von Marc Böhler, der sich selbst als Internet-Soziologe der ersten Stunde bezeichnet. Sein „App“-Workshop geriet eigentlich zu einem Anti-App-Workshop. Grundlegende Voraussetzung, um in einer digitalisierten Welt zu bestehen und darin auch mit entsprechenden Instrumenten Unterricht zu erteilen, sei, so Böhler, Medienkompetenz.

Dies bedeutete schon im vor-digitalen Zeitalter die sachkundige Nutzung von Medien. Daran hat sich nichts geändert, nur die Medien sind andere geworden.  Wer den Einsatz von Apps für seinen Unterricht in Erwägung ziehe, müsse sich zunächst darüber Gedanken machen, für welche Betriebssysteme sie überhaupt zur Verfügung stehen. Man müsse sich auch fragen, wie lange sich eine App auf dem Markt behaupten könne.

Diese Fragen hat sich auch Domenico Finocchiaro gestellt, als er seine Schule, die WKS Bern, ins digitale Zeitalter führte. Den Weg zur „digitalen Schule“ zeichnete Finocchiaro in seinem Workshop nach. Auf der Basis des Kursmanagementsystems Moodle haben er und seine Mitstreiter den Campus WKS geschaffen, in dem ein wesentlicher Teil des Lernens digital stattfindet. Übungen, Lernkontrollen, aber auch Video-Tutorials und die Live-Teilnahme an Kursen ermöglichen es, den Schülerinnen und Schülern über den Präsenzunterricht hinaus ihr Wissen aufzubauen.

Doch nebst den „technischen“ Fragen müssen vor allem auch didaktisch-methodische gestellt werden. „Es liest niemand, wenn er ein Video anschauen kann“, sagt Finnochiaro. Gleichzeitig ist es nicht sinnvoll, jeden Lerninhalt partout in eine neue Form zu giessen. Eine der zentralen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung der Schule war die Ermittlung des adäquaten Einsatzes von digitalen Lerninhalte.

Aber auch auf Ebene der Organisation hat die Schule viel gelernt. „Grabenkämpfe und Glaubenskriege lohnen sich nicht“, sagt Finocchiaro. Lehrpersonen, die nicht mitmachen wollen, sollte man nicht dazu zwingen. Mit anderen Worten: Ein Bottom-up-Ansatz ist wesentlich effizienter als ein Top-down-Diktat.

Doch ohne leistungsfähiges Internet geht eben gar nichts. Wer nicht alles auf der Grundlage eines leistungsfähigen Netzes aufbaue, habe ohnehin verloren. "Breitband" lautet also das Zauberwort. Stellt sich  hier die Frage, wie viele Weiterbildungsanbieter heute bereits über einen Internetzugang in den Schulräumen verfügen.

Angst vor Jobverlust

Trotz sorgfältiger Planung und dem Einbezug von vielen waren die Ängste gross, berichtete Finocchiaro, bis hin zur Furcht vor Jobverlust. Aber die Digitalisierung gefährde niemandes Stelle und bewährte Kompetenzen würden auch nicht in Frage gestellt, unterstrich er.

Auch beim Thema „Offene Bildungsressourcen“ in der Erwachsenenbildung, zu dem die Leiterin der Fachstelle digitales Lehren und Lernen in der Hochschule der FHNW, Ricarda T.D. Reimer, referierte, spielt letztlich Medienkompetenz eine entscheidende Rolle. Reimer brach eine Lanze für Open Educational Resources, was bedeutet das Lern- und Lehrinhalte unter einer offenen Lizenz wie Creative Commons oder GNU angeboten werden.

Doch wer mit solchen Inhalten arbeiten will, muss sich über Quellen informieren und die Inhalte zunächst einer kritischen Betrachtung unterziehen. Auch das umfasst Medienkompetenz.

Zugang für Behinderte

Eine der grossen Chancen, die mit der Digitalisierung verbunden ist, liegt in der grenzenlosen Verbreitung von Inhalten. Digitalisierung bietet die Möglichkeit, Grenzen zu überwinden. Aber sie birgt auch die Gefahr, neue Grenzen und Hürden aufzubauen. Insbesondere für Menschen mit Behinderung ist es nicht selbstverständlich, die Segnungen des Internets grenzenlos zu geniessen. Darauf verwies Anton Bolfing von der Stiftung "Zugang für alle"

Webseiten beispielsweise, die nicht nach bestimmten Regeln gebaut sind, sind für Personen mit Sehbehinderung oftmals schwer oder gar nicht zugänglich. Ein barrierefreier Zugang bedeutet denn auch ein Zugang zu digitalen Inhalten für alle Bevölkerungsgruppen, auch für Menschen mit Behinderung.

Wer nach B gelangen wolle, müsse A zunächst loslassen, sang der Troubadour Bruno Bieri, der die Tagung musikalisch begleitete. Vielleicht. Aber man muss sich auch bewusst sein, dass auch im digitalen Zeitalter grundlegende Kursleiter-Kompetenzen von heute gefragt bleiben. 

zu den Kursunterlagen

Smartphones, Tablets, Laptops: Zumindest für den persönlichen Zweck hantieren auch Kursleiterinnen und Kursleiter souverän mit neuen Technologien. (Bild: François Gribi/SVEB)