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Zögerlicher Aufbruch ins Digitale

  • 23.01.2018

Die Digitalisierung der Schweizer Weiterbildung beginnt an den Rändern: Kurssuche, Marketing oder Evaluationen sind bereits stark von ihr geprägt. Bei den Lernangeboten selbst verläuft der Wandel zurückhaltender. Dass sich dies bald ändern könnte, geht aus der aktuellen Weiterbildungsstudie des SVEB und der Pädagogischen Hochschule Zürich hervor.

Der erste Schritt zum Französischkurs ist ein Klick. Nach dem Öffnen des Browsers verlaufen auch die weiteren Schritte online: Kursangebote vergleichen, Einstufungstest absolvieren, buchen und bezahlen. So weit, so digital. Mit dem Beginn der Lehrveranstaltungen landet man wieder in der analogen Welt. Unterrichtet wird im Rahmen einer Präsenzveranstaltung. Die kopierten Übungsblätter für das Selbststudium werden wöchentlich verteilt. So unlängst die Erfahrung des Autors. Ist ein solches Angebot noch zeitgemäss? Besteht überhaupt eine Nachfrage nach digitalen Lernsettings? Grundsätzlicher: Wie stark ist die Schweizer Weiterbildungslandschaft heute von der Digitalisierung erfasst und geprägt?

Kein Einzelfall

Diesen Fragen geht die Weiterbildungsstudie 2017/2018 zum Thema „Digitalisierung in der Weiterbildung“ nach. Sie ist vom SVEB in Kooperation mit der PH Zürich durchgeführt worden und basiert auf einer Umfrage bei 338 Institutionen der Weiterbildung. Die Ergebnisse lassen auf den aktuellen Stand der Digitalisierung bei den Anbietern sowie auf die wichtigsten Entwicklungen, Herausforderungen und Hindernisse in diesem Bereich schliessen.

Die Studie zeigt, dass die eingangs beschriebene Erfahrung durchaus eine gewisse Repräsentativität für die Umsetzung der Digitalisierung in der Schweizer Weiterbildung besitzt. Denn die Umfrage beleget dass Anbieter beispielsweise für Marketing und Beratung deutlich häufiger digitale Kanäle nutzen als für den Unterricht oder die Vernetzung der Teilnehmenden.

Die digitalen Begleiter

In Bezug auf die Angebote selbst dominiert heute klar der Präsenzunterricht; er steht für 90 Prozent der Anbieter im Zentrum. Gut die Hälfte von ihnen begleitet den Präsenzunterricht aber mit digitalen Anwendungen. Was das bedeutet, darüber gibt die Statistik zu den eingesetzten Anwendungen Aufschluss. An erster Stelle liegen Lernplattformen und soziale Medien. Darauf folgen Lerneinheiten an digitalen Geräten vor Ort oder online. Konzepte wie Game Based Learning, Webinare, MOOCs oder gar Virtual Reality finden sich in Lernveranstaltungen aber kaum – über 80% der Anbieter setzen diese selten bis nie ein.

Die Verlagerung der Lernveranstaltungen selbst ins Netz stellt gegenüber dem Präsenzunterricht nur für  10% der Weiterbildungsanbieter einen Schwerpunkt dar: 8% der Anbieter setzen auf eine Verbindung von Online- und Präsenzunterricht. Für 2% steht der Online-Unterricht gar an erster Stelle.

Links zur Studie
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Die neusten Zahlen der Anbieterstatistik

Zeichen des Umbruchs

Die Studie gibt das aktuelle Bild zur Verwendung digitaler Instrumente in der Weiterbildungsszene wieder. Sie zeigt darüber hinaus auch auf, dass die Zurückhaltung gegenüber digitalen Unterrichts-Tools keineswegs in Stein gemeisselt ist.

Die Einschätzungen zur zukünftigen Bedeutung der Digitalisierung sind ebenso Anzeichen für einen Umbruch wie der Katalog von Anforderungen an das Personal. So attestieren knapp 80% der Anbieter der Digitalisierung in den nächsten 10 Jahren einen entscheidenden Einfluss auf ihr Berufsfeld. Dass damit nicht nur die Rahmenbedingungen, sondern auch die Lehre gemeint ist, zeigt sich bei den Anforderungen an die Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Für fast 80% der Anbieter sind Kenntnisse für den Einsatz von Blended Learning – also die Verbindung von Präsenz- mit Online-Unterricht – bereits heute wünschenswert. Knapp die Hälfte der Anbieter wünscht von neuen Mitarbeitenden ausserdem Kompetenzen in der Entwicklung von Online-Angeboten.

Die Revolution bleibt aus

Mit einem disruptiven Umbruch ist gemäss der Studie aber nicht zu rechnen. Einerseits besitzt die Digitalisierung nur für gut die Hälfte der Anbieter eine strategische Priorität. Andererseits bestehen bei den Kompetenzen für die Umsetzung laut den Anbietern sowohl in den Institutionen als auch bei der Ausbildung des Personals noch zu grosse Defizite.

Nicht zuletzt sind auch die Folgen digitaler Methoden auf die Qualität und die Wirksamkeit der Lernangebote für eine hohe Zahl der Anbieter noch unklar. Viele digitale Anwendungen sind nur selten im Einsatz und können in ihrem andragogischen Wert oft nicht beurteilt werden. Den Präsenzunterricht heben viele Anbieter darüber hinaus als bewusst gewähltes Prinzip und von den Teilnehmenden gewünscht hervor. Gegenüber einer digitalen Revolution in der Weiterbildung bleibt die Mehrheit skeptisch. (PhS)

Die Anbieter gehen von einem massgeblichen Einfluss der Digitalisierung auf die Weiterbildung aus (N=326).