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Weiterbildung anstatt War for Talents

26.12.2016

Es ist höchste Zeit, den sogenannten War for Talent als beendet zu erklären. Mehr als das: Diese kriegerische Metaphorik, die uns McKinsey 1997 beschert hat, sollten Unternehmen und Organisationen endlich als das erkennen, was sie für sie ist: als gefährlich. Wer den War for Talents als Grundlage seiner Personalentwicklung wählt, richtet den Blick vor allem nach aussen und vernachlässigt jene Talente, die in seinem Unternehmen bereits vorhanden sind. Und sie werden nicht allein vernachlässigt; nach der Logik des War for Talents sind sie automatisch weniger wert. Vorhandene, gar altgediente Mitarbeiter werden sozusagen herabgemindert, und es ist kein Wunder, wenn sie bei fehlender Wertschätzung in eine Art Silberschlaf verfallen.

Falsche Perspektive

Wer nach dem Prinzip des War for Talents denkt, geht also davon aus, dass alles, was von aussen kommt, besser ist, als was im Unternehmen an Talent und Wissen bereits vorhanden ist. Im Grunde ist dies auch gleichsam eine Bankrotterklärung gegenüber vergangenen Rekrutierungen.

Wer War for Talents ernst nimmt, sucht nach dem Super Performer und vergisst, dass nicht der Einzelkämpfer die besten Resultate und die interessantesten Innovationen hervorbringt, sondern ein in sich harmonierendes Team.

Die Zukunft der Arbeit

Die Zukunft der Arbeit wird indes deutlich stärker von Teams geprägt sein, von Zusammenarbeit und Austausch. Innovative Firmen leben dieses Prinzip heute schon, indem sie bewusst heterogene Gruppen fördern, Young Professionals mit älteren Mitarbeitern zusammenarbeiten lassen und so zu Lösungen finden, die kaum ein Einzeltalent hätte hervorbringen können.

Heterogene Teams

In diesen Teams sind wahrlich nicht alle potentielle Nobelpreisträger. Viel wichtiger ist ihre Motivation, ihr Wille und ihr Durchhaltevermögen. Wollen wir in den kommenden Jahren dem bereits vorhandenen und unweigerlich noch wachsenden Fachkräftemangel begegnen, ist ein Wechsel der Perspektive hin zu vorhandenen, vielleicht aber noch unzureichend entwickelten Talenten innerhalb von Unternehmen unverzichtbar.

Weiterbildung im Zentrum

Es steht ausser Frage, dass die Weiterbildung hier eine entscheidende Rolle spielt. Verstärkte Weiterbildung wird auch deshalb zur Notwendigkeit, weil der ausländische Arbeitsmarkt als Rekrutierungsbecken für Schweizer Unternehmen immer trockener wird. In der Vergangenheit haben wir Ausbildungskosten für Nachwuchskräfte gerne dem Ausland überlassen. So günstig wie in der Vergangenheit wird es für Schweizer Unternehmen nicht weitergehen. Aus- und vor allem Weiterbildung - auch von älteren Mitarbeitenden - muss vermehrt fester Bestandteil der Personalentwicklung werden.

Ronald Schenkel, Leiter Kommunikation

Zuerst erschienen in: Die Weltwoche vom 22.12.2016