Hauptinhalt

Den Mythen der Erwachsenenbildung auf der Spur

  • 12.03.2019

Monster sind hüben wie drüben. Das Konzept des Lifelong Learnings klingt durchaus vernünftig. Geht man ihm allerdings auf den Grund, so stossen wir auch auf Irrationales, auf Ängste, Falschaussagen, Verkürzungen.

Ulla Klingovsky, Irena Sgier & Ronald Schenkel, EP 1/2019

Es vergeht kein Tag, an dem man nicht daran erinnert wird, wie wichtig eine Weiterbildung sei. Nicht eine besondere Weiterbildung, sondern Weiterbildung an sich – Lifelong Learning als Prinzip. So wichtig wie die tägliche Hygiene oder das Zähneputzen. Wer nicht lernt, dem fallen zwar nicht die Zähne aus, aber er fällt aus der Arbeit, aus der Gesellschaft, aus der Welt, so die implizite Drohung. Die Erzählung von Bots, die in HR-Abteilungen die Selektionsarbeit übernehmen und jeden aussortieren, der in den letzten fünf Jahren keine Weiterbildung gemacht hat – irgendeine –, hat den Charakter von apokalyptischen Predigten mittelalterlicher Mönche, die der Menschheit den Zorn Gottes prophezeiten, sollten sie sich nicht an die Gebote und den Ablasshandel halten.

Freilich, wir wollen hier den Wert von Weiterbildung nicht in Abrede stellen. Aber eine Auffassung von Weiterbildung als Versicherungsschutz vor zukünftiger Unbill lässt die Frage völlig offen, welche Weiterbildung denn tatsächlich sinnvoll wäre, welche Weiterbildung wir benötigten, nicht nur, um unsere Employability zu erhalten, sondern um vielleicht auch weiterzukommen, als Mensch, als Bürger. Das Konzept der Optimierung durch Weiterbildung hat indes inzwischen auch ganz persönliche Bereiche wie die Beziehung erfasst. Wie man ein besserer Gatte, eine bessere Gattin wird, kann man in einem Kurs lernen – wohl gemerkt: nicht in einer Therapie, sondern in einer Weiterbildung (siehe EP 4/2018 «Motiv: Sinnsuche»).

Weiterbildung kann alles, alles korrigieren, verbessern, optimieren. Etwas, das alles kann, kann oft gar nichts. Vielleicht ist auch das Konzept des Lifelong Learning als Sicherung der Existenz (in einer westlich liberal geprägten Konsum- und Marktgesellschaft) am Ende nur ein Mythos, eine immer und immer wieder repetierte Erzählung, die wir inzwischen als Gewissheit akzeptiert haben. Den Mythos als blossen Irrtum zu fassen, greift aber zu kurz, wie ein Blick in die Geschichte des Begriffs zeigt.

Im antiken Verständnis verknüpften die Mythen das Dasein der Menschen mit den Göttern und Geistern. Sie verliehen der Welt Sinn. Zur Auseinandersetzung mit Mythen scheint zwar immer schon die Frage gehört zu haben, wie viel Wahrheit in den Mythen steckt, ob sie (höhere) Wahrheiten transportieren oder vielleicht doch nur Fiktionen, Projektionen, Manipulation oder simple Lügen sind. Doch erst die Aufklärung hat den Mythos in einem Masse stigmatisiert, dass ihm heute nicht mehr zu trauen ist.

Allerdings hat die Aufkärung selbst kein reflektiertes Verhältnis zum Mythos entwickelt. Sie (re-)produziert lediglich ein Cliché: «Vor sich sieht sie immer nur ‹mythisches Dunkel› und den Menschen im Bann traumhafter Gestalten; mit ihr [der Aufklärung A.d.R.] hingegen kommt angeblich das ‹Licht› … ».
An die Stelle der Mythen soll gesichertes Wissen treten. Der Mensch soll aus dem «Schlaf der Vernunft» geweckt werden in einen rationalen Wachzustand. Aber so ganz unproblematisch ist dies nicht. Denn unter Umständen birgt auch die Vernunft Schattenseiten.

Eine der schönsten Illustrationen dieser Problematik stammt vom spanischen Maler Francisco de Goya. So heisst das Titelblatt des Radierungszyklus «Caprichos» von 1799 «el sueño de la razón produce monstruos» – der Schlaf der Vernunft produziert Monster. Es zeigt eine sitzende männliche Person, die wohl an ihrem Arbeitsplatz eingeschlafen ist. Auf dem Tisch liegen Stift und Blätter: ein Denker, Philosoph, Schriftsteller? Ein Mensch des Verstandes auf jeden Fall. Hinter und über ihm aber schwirren in dichtem Schwarm Eulen und Fledermäuse. Eine Katze mit weit aufgerissenen Augen sitzt ihm zu Füssen. Eine grauslige, albtraumhafte Szene.

Schlafen und träumen

Die «Caprichos», bestehend aus 80 Radierungen, sind eine schonungslose Darstellung der spanischen Gesellschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Die Willkür des Staates, die Heuchelei der Priester, Aberglaube, Prostitution und Armut – Goya lässt nichts aus. Die Radierungen sind getränkt mit beissender Satire, wozu nicht zuletzt die ironisch gebrochenen Titel der einzelnen Blätter beitragen. So ist es denn auch angebracht, «el sueño de la razón» auf Doppeldeutigkeit hin zu befragen. Das spanische Substantiv «sueño» bedeutet schliesslich nicht nur Schlaf, sondern auch Traum. Es bietet sich denn folgende Lesart an: Nicht (allein) der Schlaf, sondern (auch) der Traum der Vernunft bringt Monster hervor.

Die zeitgeschichtliche Einbettung der Radierung legt die Doppeldeutigkeit nahe. Der Krieg des napoleonischen – vernünftigen — Frankreichs gegen das konservative Spanien führte zu abscheulichen Grausamkeiten, die Goya in einem anderen Zyklus festhielt2. Und es ist auch naheliegend, dass es Goya um die Parodie gewisser aufklärerischer Tendenzen ging. So sind in den Fratzen in den «Caprichos» unschwer die physiognomischen Typen des Zürchers Pfarrers und Aufklärers Johann Caspar Lavaters zu erkennen. Dieser glaubte, mit seinen «Physiognomischen Fragmenten, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe»3 eine Anleitung zu liefern, wie verschiedene Charaktere anhand der Gesichtszüge und Körperformen zu erkennen seien.

Goya schlägt uns also vor, sowohl der Abwesenheit von Vernunft wie auch ihren radikalen Auswirkungen zu misstrauen. Monster sind hüben wie drüben. Das Konzept des Lifelong Learnings klingt durchaus vernünftig. Geht man ihm allerdings auf den Grund, so stossen wir auch auf Irrationales, auf Ängste, Falschaussagen, Verkürzungen.

Für den französischen Philosophen Roland Barthes ist der Mythos eine «sprachliche Aussage», die sich scheinbar von selbst versteht. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir den Mythos weitertragen, verschleiert allerdings, dass er selbst nur konstruiert ist. Die nicht mehr hinterfragten Selbstverständlichkeiten trüben damit unseren Blick und verdecken mitunter eine realistische Wahrnehmung von uns selbst und der uns umgebenden Welt. Wir müssen den Mythos also hinterfragen. Bevor wir das tun können, müssen wir ihn aber als solchen erkennen.

In dieser Ausgabe der Education Permanente begeben wir uns auf Spurensuche nach Mythen in der Weiterbildung. Wir haben die hier versammelten Autorinnen und Autoren eingeladen, einige für die Erwachsenen- und Weiterbildung konstitutive Mythen mit Blick auf deren Geschichte, ihre Entwicklungskontexte und Widersprüche zu analysieren. Sie waren gebeten, die Entstehungsgeschichten und Entstehungsbedingungen von jenen Mythen kritisch auszuleuchten, die das gegenwärtige Bild von der Erwachsenenbildung und Weiterbildung prägen. Dabei sollten die Mythen nicht lediglich als «Lügen» oder «Falschaussagen» dechiffriert werden, sondern als Erzählungen, die etwas über die Fremdwahrnehmung respektive das Selbstverständnis der Erwachsenen- und Weiterbildung aussagen. Wir hoffen und wünschen uns, mit dieser Ausgabe neue Perspektiven auf einige nur vermeintlich feststehende Wirkungszusammenhänge und Selbstgewissheiten in der Erwachsenen- und Weiterbildung zu eröffnen.

Die Selbstverständlichkeit, mit der wir den Mythos weitertragen, verschleiert, dass er selbst nur konstruiert ist. Eine «Dekonstruktion» kann den Blick entstellen. (Illustration: Christina Baeriswyl)