Hauptinhalt

Der Bund schafft Rahmenbedingungen – und ist weitgehend zufrieden

  • 14.06.2019

Im Vorfeld der bildungspolitischen Tagung des SVEB haben wir unsere Mitglieder gebeten, Fragen an Bundesrat Guy Parmelin einzureichen. Leider war es nicht möglich, alle Fragen an der Tagung zu beantworten. Wir haben sie deshalb zusammengefasst und sie in einem Interview dem Bundesrat unterbreitet.

Interview Ronald Schenkel basierend auf den Fragen der SVEB-Mitglieder

Die Digitalisierung verändert den Arbeitsmarkt massiv. Viele Stellen und ganze Berufe verschwinden, neue werden geschaffen. Welche Strategien hat der Bundesrat, um diesen Wandel zu bewältigen?

Guy Parmelin: Es kann nicht die Aufgabe des Bundesrats sein, quasi von oben herab zu bestimmen, welche Berufe sich wie verändern oder gar verschwinden und welche Personen sich weiterbilden beziehungsweise umschulen müssten. Diese Information und die entsprechenden Anstösse müssen von unten, aus der Arbeitswelt selbst, kommen. Die Sozialpartner, Branchen- und Berufsverbände spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie bestimmen die Inhalte in der Berufsbildung und Weiterbildung und deren Anpassung an die aktuellen Bedürfnisse.

Aufgabe des Bundes in diesem System ist es, für funktionierende Rahmenbedingungen zu sorgen, die lebenslanges Lernen ermöglichen. In Bezug auf die Weiterbildung scheinen diese Rahmenbedingungen generell gut zu sein: Für die meisten Personen in der Schweiz gibt es keine unüberwindlichen Hürden, um an Weiterbildung teilzunehmen. Die Zufriedenheit mit der Weiterbildungssituation ist generell sehr gut. Auch das Angebot ist offenkundig gut auf die Nachfrage abgestimmt: Kaum jemand gibt bei Befragungen an, nicht an einer Weiterbildung teilgenommen zu haben, weil er nichts Passendes gefunden hat.

Welche Zielgruppen sind besonders zu berücksichtigen? 

Es gibt einen Bereich, in dem es aus der Sicht des Bundes Handlungsbedarf gibt: bei geringqualifizierten Personen ohne Abschluss auf der Sekundarstufe II beziehungsweise Personen, die nicht über die notwendigen Grundkompetenzen verfügen, um am gesellschaftlichen Leben und am Arbeitsmarkt auf Dauer teilhaben zu können. Hier sind Bund und Kantone aktiv. Stichworte: Berufsabschluss für Erwachsene, Förderung von Grundkompetenzen Erwachsener. Zu den Grundkompetenzen zählen die lokale Sprache, Alltagsmathematik und - aktueller denn je - die Anwendung der modernen Informations- und Kommunikationstechniken.

Wie gedenkt der Bund, insbesondere die Förderung der Grundkompetenzen stärker anzukurbeln? 

Der Bund hat auf der Basis des neuen Weiterbildungsgesetzes einerseits Vereinbarungen mit den Kantonen zur Förderung der Grundkompetenzen mittels Weiterbildung abgeschlossen. Er trägt bis zu 50 Prozent der Kosten entsprechender kantonaler Programme. Anderseits hat der Bund 2018 einen Förderschwerpunkt zur Stärkung der Grundkompetenzen am Arbeitsplatz lanciert. Er unterstützt in diesem Rahmen Weiterbildungsprogramme von Unternehmen, die dazu dienen, Erwerbstätige fit für die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt zu halten. Sprachkompetenzen und die Anwendung der modernen Informations- und Kommunikationstechniken stehen auch hier im Fokus.

Mit der BFI-Botschaft 2021-2024, die der Bundesrat Anfang 2020 verabschieden wird, wird der Bundesrat dem Parlament aufzeigen, wie diese Massnahmen weitergeführt und bei Bedarf intensiviert und welche finanziellen Mittel dafür zur Verfügung gestellt werden sollen.

Auch das inländische Fachkräftepotential muss weiter gefördert werden. Wie steht es um die Fachkräfteinitiative? Wie können insbesondere Personen über 50 für den Arbeitsmarkt gestärkt werden? Welche Rolle sieht der Bund für die Weiterbildung vor?

Die befristete Fachkräfteinitiative wurde Ende 2018 in eine dauerhafte Fachkräftepolitik überführt.

Im Schwerpunkt Qualifizierung sind zum Beispiel Aktivitäten zugunsten des Berufsabschlusses für Erwachsene oder auch die Einführung direkter Bundesbeiträge für Absolventinnen und Absolventen von Vorbereitungskursen für eidgenössische Prüfungen zu nennen.

Im Rahmen der nationalen Konferenzen zu älteren Arbeitnehmenden haben Bund, Kantone und Sozialpartner den Akzent in den letzten Jahren auf eine aktive Laufbahnplanung gelegt, die Chancen und Risiken sowohl für Arbeitnehmende als auch für Arbeitgebende frühzeitig angeht.

Am 15. Mai dieses Jahres hat der Bundesrat zusätzliche Massnahmen für ältere Arbeitnehmende beschlossen. Er will unter anderem eine kostenlose Standortbestimmung, Potenzialanalyse und Laufbahnberatung für Personen ab 40 Jahren ermöglichen. Zudem soll die Anrechnung von bereits erbrachten Bildungsleistungen bei erwachsenen Personen, die nachträglich noch einen Berufsabschluss erwerben wollen, verbessert werden. Zurzeit wird, zusammen mit den Kantonen, die Umsetzung dieser Massnahmen vorbereitet.

Die Höherqualifizierung ist ebenso ein wichtiges Instrument zum Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit. Welchen Stellenwert räumt der Bund dabei der höheren Berufsbildung ein?

Die höhere Berufsbildung ist ein tragender Pfeiler für die berufliche Höherqualifizierung. Seit 2018 unterstützt der Bund direkt die Teilnehmenden von Vorbereitungskursen für eidgenössisch anerkannte Berufsprüfungen und höhere Fachprüfungen; er übernimmt 50 Prozent der Kurskosten. Auch an einer besseren Positionierung der höheren Fachschulen arbeiten wir.

Viele Personen versäumen es, sich weiterzubilden, weil sie zu wenig Kenntnisse über Angebote haben und eine Beratung aus verschiedenen Gründen scheuen. Im Rahmen der Vision Berufsbildung 2030 besteht insbesondere bei der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BSLB) Handlungsbedarf. Eine Aufwertung und nationale Koordination der BSLB drängen sich auf. Wie kann dieses Ziel erreicht werden? 

Im Januar 2019 ist diesbezüglich ein Projekt gestartet.

Ziel ist es, eine nationale Strategie im Bereich Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung zu entwickeln. Diese betrifft einerseits die möglichst einheitliche Versorgung der Bevölkerung in den Kantonen mit entsprechenden Dienstleistungen und anderseits eine koordinierte Weiterentwicklung über die Kantonsgrenzen hinaus. Die Unterstützung von Erwachsenen bei der beruflichen Weiterentwicklung gewinnt in diesem Bereich generell an Bedeutung. (aktuelle Informationen zum Projekt)

Weiterbildung muss und kann nicht immer direkt berufsorientiert sein. Ihre Effekte auf die Gesundheit oder die gesellschaftliche Teilhabe sind dennoch nicht zu unterschätzen. Warum findet die allgemeine Erwachsenenbildung, die nicht auf die berufliche Qualifikation ausgerichtet ist, keine Beachtung in der Bildungspolitik des Bundes?

Gemäss Weiterbildungsgesetz ist zunächst einmal jeder Einzelne für seine Weiterbildung verantwortlich. Der Staat und damit auch der Bund werden nur subsidiär tätig.

Etwa ein Drittel der Bevölkerung nimmt an ausserberuflicher Weiterbildung teil. Der Staat mischt sich nicht in die individuellen Entscheide ein. Finanziell unterstützt er aber manches, was auch der ausserberuflichen Weiterbildung dient. Denken Sie zum Beispiel an Bibliotheken, Museen, öffentliche Vorlesungen an Universitäten oder auch Weiterbildung im Bereich der Sportförderung.

In all diesen Bereichen ist auch der Bund tätig – subsidiär, so wie dies in Verfassung und Gesetz vorgesehen ist – und vielfach ausserhalb von traditionellen Formaten wie Kursen und ausserhalb des eigentlichen Bildungsbereichs, nämlich in der Kulturförderung, der Sportförderung, der Gesundheitsförderung etc.

Das Bundesgesetz über die internationale Zusammenarbeit im Bereich der Bildung wird revidiert. Welche Bedeutung misst der Bund einer internationalen Zusammenarbeit im Bereich der Weiterbildung bei?

Die Revision des Bundesgesetzes über die internationale Zusammenarbeit im Bereich der Bildung ist im Gange. Das Vernehmlassungsverfahren wurde am  24. Mai 2019 abgeschlossen.

Mit der Totalrevision sollen inhaltliche und formale Lücken geschlossen und der strategische Handlungsspielraum für die zukünftige Ausgestaltung der Förderpolitik des Bundes erweitert werden. So soll es keine starre Bindung an EU-Programme mehr geben, und es sollen auch Programme mit aussereuropäischen Partnern möglich werden. Die Revision schafft keine neuen Fördertatbestände. Wie bisher ist Weiterbildung durchaus bei «Bildung» mitgemeint.

Zum jetzigen Zeitpunkt und vor dem Hintergrund der Diskussionen zum institutionellen Rahmenabkommen Schweiz-EU wäre es aber verfrüht, konkret über künftige Prioritäten in der internationalen Bildungszusammenarbeit zu sprechen.

Bundesrat Guy Parmelin an der bildungspolitischen Tagung
Für Bundesrat Guy Parmelin besteht die Aufgabe des Bundes in der Weiterbildung vor allem darin, günstige Rahmenbedingungen zu schaffen. (Bild Christine Strub/SVEB)