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Der Mythos der massiven Kostensenkung durch Online-Unterricht

  • 12.03.2019

Häufig ist davon die Rede, dass die Digitalisierung Einsparungen bei der Erwachsenenbildung ermöglicht. Stellt man jedoch eine vollständige Berechnung an, ergibt sich rasch ein anderes Bild.

Olivier las Vergnas, EP 1/2019

In der Fachpresse wird heute einhellig über die Notwendigkeit hybrider Ausbildungsformen berichtet, das heisst, dass neben dem klassischen Präsenzunterricht wie Vorlesungen und Übungen, bei dem alle gleichzeitig im Unterrichtsraum anwesend sind, eine Online-Variante angeboten wird.

Diese weitgehend geteilte Auffassung wird immer häufiger mit der fragwürdigen Annahme verknüpft, dass der Einsatz von E-Learning die Kosten deutlich senke. Und so wird der Gedanke laut, dass das Bildungswesen sich mithilfe der allgemeinen Verbreitung von Online-Unterricht radikal verändern sollte, wodurch sämtliches Wissen dieser Welt unmittelbar zugänglich wäre und das zu vernachlässigbaren Kosten.

Diese Sichtweise ist jedoch nicht fundiert. Im Gegenteil, es handelt sich um Wunschdenken, genauer gesagt um einen Mythos im Sinne von Roland Barthes, von dem man annehmen kann, dass er der Ansicht entspringt, Lernangebote seien immer zu teuer und wenig zielführend. Spinnt man den Gedanken weiter, könnte das so ausgelegt werden, dass unsere Ausbildungsinstitutionen dank der Digitalisierung endlich einen Weg aus dieser vermeintlich doppelten Misswirtschaft finden könnten. Wir werden hier nicht näher auf die Gründe eingehen, die dazu führen, dass die aktuellen Ausbildungssysteme als verschwenderisch angesehen werden (häufig werden undifferenziert Vorurteile verbreitet), sondern werden uns damit beschäftigen, warum die Behauptung, durch den grossflächigen Einsatz von Online-Unterricht würden die Kosten drastisch gesenkt, nicht gerechtfertigt ist.

Zwei einander ergänzende Argumente untermauern das, erstens, weil es unmöglich ist, die meisten heutigen Ausbildungsmassnahmen durch «alles online» zu ersetzen, und zweitens, weil nichts darauf schliessen lässt, dass das weniger kosten würde.

Unterricht ist nicht einfach nur ein Kurs

Das erste Argument ergibt sich daraus, dass das Ausarbeiten und Vermitteln von Lerninhalten sich nicht auf Vorträge und Übungen beschränkt. Wäre das der Fall, dann liesse sich der Präsenzunterricht ganz einfach durch Online-Unterricht ersetzen, aber in Wahrheit bedeutet das Planen des Unterrichts, zunächst den Lernstoff aufzubereiten, dann Gruppen zusammenzustellen, diese anzuleiten und schliesslich auch zu evaluieren. Dafür braucht es Bedarfs­analysen und es müssen Standards (für Aktivitäten, Kompetenzen, Ausbildung) entwickelt oder weiterentwickelt sowie Lernumgebungen geschaffen werden, die häufig auf einer Gemeinschaft basieren; eine solche Gemeinschaft anzuleiten, ist nicht einfach nur durch das Bereitstellen von Online-Ressourcen möglich, auch wenn diese noch so gut ausgearbeitet sind.

Die Rendite

Nun zum zweiten Argument: Angesichts dieser Komplexität ist eine eindeutige Schätzung der zusätzlichen Kosten für «online» nicht möglich. Gewiss: Betrachtet man ein System, das bereits vor Jahren entwickelt wurde und bei dem es nur darum geht, die Kurse als sogenannte Moocs anzubieten und die Übungen online zu stellen, können die Kosten für die Umgestaltung sowie für die Verbreitung berechnet werden. Geht es allerdings um die Erstellung neuer Lern- bzw. Lehrinhalte, sieht die Sache anders aus. Das wirtschaftliche Schlüsselelement ist, kurz gesagt, die Rendite und diese variiert ganz erheblich, je nach Umfang der berücksichtigten Aufwendungen. Während eine Verlagerung zu Online-Unterricht in Bezug auf die Zusatzkosten meist rentabel erscheint, ergibt sich bei der Betrachtung der Gesamtkosten ein ganz anderes Bild.

Um also die Auswirkungen der Digitalisierung des Bildungssektors genauer zu untersuchen, ist es nötig, sich Gedanken über die Vor- und Nachteile zu machen, was letztlich bestätigt, dass die Diskussion um kostengünstige Onlinekurse der Bildung einem Mythos gleichkommt, wonach nämlich die Digitalisierung zu einem positiven Wandel des lebensbegleitenden Bildungssystems führe.

Und so gibt es in diesem Bereich zahlreiche Diskurse über die vermeintlichen Vorteile, die man auch als Fantastereien bezeichnen kann. Zumindest sechs seien hier genannt: Fachwissen auf Abruf, alles Wissen der Welt, unterschiedliche Quellen, offener Zugang für alle, Lernerlebnisse, für alle zugängliche kreative Schaffensprozesse. All diese Vorteile gehen jedoch mit ebenso vielen Nachteilen einher.

Ja, die Digitalisierung liefert Fachwissen auf Abruf, aber dieses ist so zersplittert, dass uns die Zusammenhänge immer mehr entgehen. Ja, sie ermöglicht uns auch alles Wissen dieser Welt abzurufen, aber dieses Wissen ist standardisiert und eignet sich somit kaum für die danach suchenden Personen oder entspricht oft nicht deren Bedürfnissen. Ja, die Digitalisierung speist sich aus unterschiedlichen Quellen, die jedoch zunehmend weniger transparent und rückverfolgbar und somit kaum kritisierbar sind. Ja, sie bietet Zugang für alle, aber es handelt sich häufig um eine Pseudo-Erleichterung, denn auch wenn sich die digitale Kluft verschiebt, so verschwindet sie doch nicht zur Gänze. Und dasselbe lässt sich für die anderen Vorteile sagen, die eher pädagogischer Natur sind und die es ebenso abzuwägen gilt: Ja, die digitalisierte Ausbildung bietet Lernerlebnisse und -erfahrungen, allerdings mittels simulierter Kausalitäten, die eine Reproduktion erleichtern, sich oftmals aber auf eine Form behavioristischer Dressur beschränken. Und ja, kreatives Schaffen wird für alle erleichtert, aber durch Automatismen, sodass man oftmals eher von Reproduktion «desselben» als von echter Kreativität sprechen kann.

All diese Fantastereien müssen als solche aufgezeigt und als Fehleinschätzungen entlarvt werden. Dasselbe gilt für die beschleunigte technologische Entwicklung, die uns von Unmittelbarkeit träumen lässt, jedoch nicht nur zu «Allwissenheit», sondern auch zu einer Verminderung der Aufmerksamkeit führt. Dieser Mythos dient unter anderem dazu, das Zukunftsbild einer «Wissensgesellschaft» aufrechtzu­erhalten, die zwangsläufig zu Fortschritt und Emanzipation führe, und negiert dabei völlig das Risiko einer Entfremdung durch ein omnipräsentes und häufig infantilisierendes «technisches System».

Im Übrigen ist es frappierend, dass das, was im Allgemeinen als E-Learning bezeichnet wird, sich meist auf E-Teaching beschränkt, nämlich nichts anderes ist als reiner Fernunterricht (durch Online-Kurse, die kaum interaktiv sind, ob es sich nun um die sogenannten Moocs oder Spocs handelt) oder E-Training bzw. E-Practicing (mittels Simulatoren oder Pattern-Drill, was als Serious Games bezeichnet wird). Eine der interessantesten Transformationen, die sich durch die allgemeine Verbreitung des Internets und der sozialen Medien für uns ergibt, ist eine ganz andere. Nämlich die Zunahme informeller Lernmöglichkeiten in Verbindung mit Gemeinschaften oder Foren, deren Ziel nicht in erster Linie die Wissensaneignung ist, sondern im Gegenteil, eine eigene Handlungsfähigkeit zu entwickeln. Dass die Digitalisierung heute unsere Sicht auf Wissen und Bildung tiefgreifend verändert, hängt mit dieser Zunahme der Möglichkeiten, die wir als «informelles E-Learning» bezeichnen, zusammen und nicht mit der Senkung der Kosten für klassische Ausbildungen durch Online-Kurse.

Olivier Las Vergnas ist Professor an der Université de Lille und leitet den Bereich «Erwachsenenbildungs- und Ausbildungswissenschaft».

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Illustration: Christina Baeriswyl