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«Es reicht nicht mehr, bloss einen interessanten Unterricht zu geben»

  • 07.11.2019

Frank Kerstens ist internationaler Projektkoordinator und Prüfungsleiter am niederländischen Bildungszentrum für Erwachsene «Curio». Wie auch der SVEB, ist Curio Partner im europäischen Projekt «DIDO – Dropping in the dropouts», das zur Reduzierung von Ausbildungsabbrüchen in der Weiterbildung beitragen möchte.

Interview Martina Fleischli

Der Abbruch einer Ausbildung ist oft mit viel Frustration verbunden, sowohl für den Kursteilnehmenden als auch für den Bildungsanbieter. Wie hoch ist die Abbruchquote in den Nachholbildungskursen von Curio?

In diesen «Startkursen» brechen 15 bis 20% der Teilnehmenden die Ausbildung ab. Das sind vergleichsweise viele, betrachtet man die Abbruchquote von 7% in der obligatorischen Schule. Unsere Kursteilnehmenden haben zudem bereits eine Ausbildung abgebrochen. Die Startkurse sind ihre zweite Chance. Darum ist es für uns wichtig, die Teilnehmenden in den Kursen zu behalten.

Warum verlassen Teilnehmende einen Kurs frühzeitig?

Als ein wichtiger Grund wird oft die Motivation genannt. Eine tiefe Motivation ist aber nicht per se ein Grund, die Ausbildung abzubrechen, sondern vielmehr eine Folge von anderen Schwierigkeiten, denen eine Person begegnet. Viele unserer Teilnehmenden sind psychischen Belastungen ausgesetzt. Sie stehen oft unter grossem Druck, ihre zweite Chance auf eine Ausbildung nicht zu vermasseln. Es ist auch eine Realität, dass unsere Teilnehmenden oft aus zerrütteten Familien kommen. Einige Kursteilnehmenden passen auch einfach nicht in unser Bildungsangebot, sie fühlen sich verloren und gehen an unserer grossen Schule unter. Diese Teilnehmenden brauchen persönliche Begleitung und mehr Strukturen, an denen sie sich orientieren können.

Sie sprechen Formen an, wie Curio die Kursteilnehmenden unterstützt, damit sie ihre Ausbildung nicht abbrechen. Was haben Sie bereits vor dem DIDO-Projekt unternommen?

Individuelle Beratung und Begleitung der Teilnehmenden sind bei uns wichtig. Beraterinnen und Berater sind bei uns zuständig, mit jeder und jedem Teilnehmenden abzuklären, ob und welches Bildungsangebot passt. Während der Ausbildung coachen die Beraterinnen und Berater die Teilnehmenden bei Schwierigkeiten. Unser Beratungsangebot hat aber Grenzen: Wir können nur Personen unterstützen, die aktiv eine Beratung aufsuchen. Viele Schwierigkeiten der Teilnehmenden bleiben für uns so unsichtbar und eine Unterstützung kommt dann oft zu spät.

Das Projekt DIDO bietet verschiedene Ansätze, um Ausbildungsabbrüche zu verhindern. Sehen Sie bereits Auswirkungen des Projekts bei Curio? 

Ja, ein wichtiger positiver Effekt des Projekts ist, dass die Lehrpersonen ein grösseres Bewusstsein dafür entwickelt haben, dass sie selber mehr unternehmen müssen, um die Kursteilnehmenden in der Ausbildung zu behalten. Es reicht nicht mehr, bloss einen interessanten Unterricht zu geben. Sie müssen auf die Teilnehmenden eingehen, ihre Motivationen und Ängste abholen und in den Unterricht einbinden. Zum Beispiel sollen sich die Lehrpersonen nicht damit begnügen, der Schuladministration zu melden, wenn Teilnehmende im Unterricht fehlen. Sie sollen auch den (Beweg-)Grund für die Absenz herauszufinden versuchen. Das klingt idealistisch, aber Lehrpersonen müssen sich dafür interessieren, was Teilnehmende antreibt und wieso sie sich auf eine gewisse Weise verhalten.

Wie können die methodisch-didaktischen DIDO-Materialien dabei helfen?

Einerseits geben sie neue Impulse für die Lehr-Lern-Beziehung, wie zum Beispiel die Unterlagen zum «growth mindset». Andererseits sind konkrete Tools verfügbar, die Kursleitende direkt im Unterricht einsetzen können. Eine Kursleiterin, die bereits 17 Jahre bei Curio arbeitet, hat DIDO-Materialien in den Unterricht eingebaut. Sie hat mit ihren Teilnehmenden Ziele definiert und eine Reflexionsübung zur Resilienz gemacht. Die Tools haben ihr ermöglicht, den Teilnehmenden anders zu begegnen und ihre Bedürfnisse abzuholen. Es machte ihr Spass, Neues auszuprobieren und sie hat dadurch viel gelernt.

Das Projekt DIDO bringt Organisationen aus verschiedenen europäischen Ländern zusammen. Worin liegt der Mehrwert dieser transnationalen Zusammenarbeit?

Obwohl wir alle in unterschiedlichen Ländern und Settings arbeiten, sind die Probleme oft ähnlich. Ausbildungsabbrüche sind eine Realität in allen Ländern Europas. Trotz den Ähnlichkeiten gibt es auch viele Unterschiede zwischen den Ländern, von denen wir lernen können. So ist das finnische Selbstverständnis für das lebenslange Lernen eine Inspiration für unser Projekt. Aber auch erprobte Ansätze, wie individualisierte Bildungspläne in Finnland, fliessen direkt ins Projekt ein. Wir profitierenden von den positiven und negativen Erfahrungen, die damit über Jahre gemacht wurden. Gemeinsame Probleme mit unterschiedlichen Ressourcen zu lösen, ist sehr bereichernd.

Wie schaffen Sie es, dass auch Ihre Kollegen bei Curio von Ihren Erfahrungen profitieren?

Zum einen spreche ich bei jeder Gelegenheit über die Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Projekt. Zum anderen nehme ich immer verschiedene Kursleitende an Treffen oder Trainings in Europa mit. Noch nie hat jemand danach gesagt «nie wieder!». Diese positiven Erlebnisse und die Begeisterung verkaufen sich danach quasi von selbst bei Curio. Meine Kollegen werden neugierig und möchten sich im Projekt beteiligen. Schliesslich ist es auch wichtig, bei Kollegen, die an einem Treffen oder Training in Europa teilgenommen haben, nach 3 bis 4 Wochen nachzufragen, ob und wie sie das Gelernte umsetzen konnten.

Frank Kerstens
Frank Kerstens betont die Individuelle Beratung und Begleitung bei Bildungsabbrüchen. (Bild: Martina Fleischli/SVEB)

Curio – Die Organisation

Curio ist eine staatlich finanzierte Bildungsgruppe in den Niederlanden, die berufliche und allgemeine Aus- und Weiterbildung auf Stufen Sek I + II anbietet. 23'300 Lernende und 2'700 Angestellte verteilen sich auf 55 Standorte in der Region West-Brabant.

Curio-Start bietet verschiedene Kursmodelle für Erwachsene, um einen Berufsabschluss nachzuholen.

Das Projekt DIDO

Das europäische Projekt DIDO entwickelt Methoden für Kursleitende, damit diese Ausbildungsabbrüche frühzeitig erkennen und verhindern können.

Basierend auf einer Recherche zu Abbruchgründen in den Partnerländern, wurden methodisch-didaktische Materialien entwickelt, um Kursleitende dabei zu unterstützen.

  •  Projektdauer: 2017 – 2020
  • Finanzierung: Movetia, Erasmus+
  • Partnerländer: Belgien, Dänemark, Finnland, Niederlande, Portugal, Schweiz