Hauptinhalt

Geringe Literalität: 12 Prozent der deutschen Erwachsenen betroffen

  • 11.06.2019

Über sechs Millionen Menschen in Deutschland können nicht ausreichend lesen und schreiben. Dies geht aus einer aktuellen Studie hervor. Cäcilia Märki, Leiterin des Bereichs Grundkompetenzen beim SVEB, sieht auch für die Schweiz Handlungsbedarf.

Die LEO Studie ist die wichtigste repräsentative Studie im Bereich Grundkompetenzen für Deutschland. Nach der ersten Erhebung 2011 wurde die Studie 2018 ein zweites Mal durchgeführt. Sie wurde im Mai anlässlich der Jahreskonferenz AlphaDekade in Berlin vorgestellt. Die neue Studie erlaubt auch Aussagen zur Entwicklung in dieser Zeitspanne. Es zeigt sich, dass sich die Zahl der Menschen in Deutschland, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, gegenüber 2011 um über eine Million verringert hat. Dennoch betrifft es 2018 noch immer 6,2 Millionen Menschen in Deutschland, was 12,1% der erwachsenen Gesamtbevölkerung entspricht. 

Bereits in der Leo Level One Studie von 2010 wurden vier Stufen definiert, um ein differenziertes Bild zu erhalten: Alpha Level 1 entspricht der Buchstabenebene, Alpha Level 2 der Wortebene und Alpha Level 3 der Satzebene. Alpha Level 4 beschreibt eine auffällig fehlerhafte Rechtschreibung auch bei gebräuchlichem und einfachem Wortschatz. Es zeigt sich nun aufgrund der neuen Studie, dass die Entwicklungen in den einzelnen Bereichen unterschiedlich verlaufen ist.

Neben den neusten Kennzahlen führt die Studie auch einen neuen Begriff ein: «Funktionaler Analphabetismus» soll durch «geringe Literalität» ersetzt werden, da ersterer vor allem von den Betroffenen als stigmatisierend abgelehnt wird.

Cäcilia Märki, wie beurteilen Sie die Resultate der Studie?
Es ist prinzipiell eine gute Nachricht, wenn die Zahl der Erwachsenen mit geringer Literalität sinkt. 6,2 Millionen oder 12,1 Prozent Erwachsene in Deutschland sind aber immer noch eine beachtliche Zahl. Bemerkenswert ist, dass auf den Leveln 1 und 2 keine Veränderungen festzustellen sind. Auf den Leveln 3 (Satzebene) und 4 (fehlerhafte Rechtschreibung) ist der Rückgang hingegen signifikant. Bei den am stärksten von geringer Literalität Betroffenen gibt es also nur wenig Veränderungen. 

Woran liegt das?
Die Personen auf den Alpha Leveln 1 und 2 sind vermutlich am schwierigsten für die Teilnahme an Kursen zu gewinnen und sie haben die geringsten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Beim Rückgang zeigen sich laut Heike Solga insbesondere die Effekte der Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Integrationspolitik der letzten Jahre. Und diese erreichen die Personen auf den tiefsten Leveln eben nur mit Mühe. 

Weiss man, welche konkreten Effekte für den verzeichneten Rückgang auf den höheren Leveln verantwortlich sind?
Der Rückgang wird  durch viele Faktoren beeinflusst, vermutlich jedoch am wenigsten durch die gestiegene Teilnahme an Lese- und Schreibkursen, auch wenn es bei den Volkshochschulkursen grosse Zuwächse gegeben hat. Ein wichtiger Faktor ist hingegen die Zusammensetzung der deutschen Gesellschaft. Diese hat sich zwischen 2011 und 2018 signifikant verändert.

Und wie wirkt sich das auf die Verbreitung von geringer Literalität aus?
Es gibt heute deutlich mehr Menschen in Deutschland, deren Muttersprache nicht Deutsch ist (18,1% in 2010 gegenüber 22,6% in 2018). Das Durchschnittsalter der Gesellschaft ist um ein Jahr gestiegen. Gleichzeitig ist die Zahl der hohen Schulabschlüsse von 31,4% auf 37,2% geklettert und die Erwerbsquote der Gesamtbevölkerung hat sich von 66% auf 76%, also um 10% erhöht. Das sind beachtliche Veränderungen. Die Bevölkerung ist laut Heike Solga, Sprecherin des wissenschaftlichen Beirats der LEO-Studie 2018, «bunter, älter, gebildeter und beschäftigter» geworden. Diese Veränderungen in der Zusammensetzung der Bevölkerung haben natürlich starke Auswirkungen auf die Verbreitung von geringer Literalität, ohne dass einzelne Personen Fort- oder Rückschritte machen.

Welche neuen Erkenntnisse bietet die Studie für den Bereich Grundkompetenzen?
Im Rahmen der Studie von 2018 wurden erstmals Fragen nach den «literalen Praktiken» gestellt und zwar wie die Menschen etwa mit digitalen, gesundheitsspezifischen und finanziellen Angeboten klarkommen.

Exemplarisch möchte ich ein Ergebnis im Bereich der digitalen Praktiken anführen. Die Forschenden fragten auch nach nicht-schriftsprachlichen Praktiken und die Daten zeigen deutlich, dass die Nutzung von Video- und Audiofunktionen im Kontext der sozialen Medien bei gering literalisierten Erwachsenen teilweise höher ist als die bei der Gesamtbevölkerung.  Ein genereller Ausschluss aufgrund der Digitalisierung ist demnach nicht feststellbar. Man muss genauer hinsehen und die Ergebnisse im Hinblick auf die Entwicklung von adäquaten Bildungsangeboten und die Gestaltung von geeigneten Beteiligungsprozessen nutzen.

In diesem Zusammenhang finde ich den Begriff der Vulnerabilität interessant, der vom Forscherteam eingeführt wird. Es stellt keinen systematischen Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe fest, sondern eine unterschiedliche «Verletzlichkeit» im alltäglichen Leben, die mit dem Grad der individuellen Literalität zusammenhängt. 

Was bedeuten die Resultate aus Deutschland für die Schweiz? 

Es gibt für die Schweiz keine vergleichbaren Daten – leider. 

Für die Schweiz scheint mir der grosse Einfluss der Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Integrationspolitik auf die Literalität der Gesamtbevölkerung interessant. Das Weiterbildungsgesetz (WeBiG) ist in dieser Hinsicht eine gute Grundlage, da es in Ergänzung zum Fördertatbestand Grundkompetenzen im WeBiG die Förderung der Grundkompetenzen in den Spezialgesetzen sowie ein koordiniertes Vorgehen der Akteure vorsieht. Die Förderung der Grundkompetenzen ist ein Querschnittsthema, das gemeinsam angegangen werden muss. Sich allein auf die Teilnahme an Lese- und Schreibkursen zu fokussieren, greift daher zu kurz.

Die Weiterbildungsfinanzierung ist jedoch weder in der Schweiz noch in Deutschland da, wo sie sein könnte, um das vorhandene Knowhow und das Engagement aus dem Feld abzuholen. Es fehlen hier wie dort längerfristige Programme und Strukturen, die es der Weiterbildung ermöglichen, ein flächendeckendes, teilnehmerzentriertes Angebot für alle Lebenswelten aufzubauen. 

Weitere Quellen:

Präsentation von Prof. Anke Grotlüschen

Tagungsdokumentation

 

 

 

Für die Schweiz fehlt ein Pendant zur deutschen LEO Studie (Bild: Universität Hamburg).