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Internationale Weiterbildungspolitik – ein Geben und Nehmen

  • 21.03.2018

Am 5. April findet in Zürich eine Veranstaltung zur internationalen Weiterbildungspolitik statt. SVEB-Direktor Bernhard Grämiger spricht über die Gründe, weshalb die Schweiz in internationalen Netzwerken arbeitet.

Interview Ronald Schenkel

Der SVEB legt grossen Wert auf seine internationale Vernetzung. Geht es dabei ums Prestige?
Nein, internationale Vernetzung ist überhaupt keine Prestigeangelegenheit. Die Schweiz ist weiterbildungspolitisch keine Insel. Sehr viele Entwicklungen weltweit und in Europa betreffen auch die Schweiz. Uns ist es wichtig, dass wir diese Entwicklungen mitverfolgen und von diesen lernen können. Ebenfalls wichtig ist es, dass wir das Know-how, das wir in der Schweiz entwickeln, ausländischen Partnern zur Verfügung stellen können. Ich denke dabei beispielsweise ans AdA-System. Dieses hat weltweit Vorbildcharakter. Oder nehmen wir eduQua, das im Bereich der Qualitätssicherung Best Practice ist. Auch bei der Förderung der Grundkompetenzen am Arbeitsplatz haben wir in den letzten Jahren grosse Schritte nach vorne gemacht. In diesen und anderen Bereichen haben wir viel anzubieten.

Welche Gremien stehen bei der Zusammenarbeit im Vordergrund?

Der wichtigste Partner ist der Europäische Verband für Erwachsenenbildung (EAEA). Man könnte sagen, dies sei ein SVEB auf europäischer Ebene. Er ist die Stimme der Weiterbildung in Europa. Auf europäischer Ebene ebenfalls wichtig ist das European Basic Skills Network (EBSN). Dieses haben wir vor neun Jahren zusammen mit anderen Partnern aufgebaut.

Und über Europa hinaus?
Zum einen gibt es das UNESCO-Institut für lebenslanges Lernen mit Sitz in Hamburg. Es steuert den CONFINTEA-Prozess, also die Conférence Internationale sur l'Education des Adultes und daraus resultierenden Aktionspläne. Das UNESCO-Institut erstellt zudem globale Monitoringberichte zum Thema Weiterbildung. Daneben gibt es den International Council of Adult Education (ICAE), den Weltverband für Weiterbildung, in dem über 800 NGO zusammengeschlossen sind.

Zur Tagung vom 5. April in Zürich:

Internationale Weiterbildungspolitik
– Aktuelle Entwicklungen und Auswirkungen auf die Schweiz


Vergleicht man einzelne Länder, muss man doch riesige Unterschiede punkto Weiterbildung konstatieren. Können Länder wie die Schweiz und, sagen wir, Nepal überhaupt voneinander profitieren?

Es stimmt: Die Unterschiede sind massiv, was die Entwicklung der Weiterbildungssysteme anbelangt. Profitieren kann man aber vom Know-how-Transfer. Es gibt gewisse Aspekte in der Weiterbildung, die allgemeine Gültigkeit besitzen. Zum Beispiel im Bereich der Qualität. Unbestritten und global gültig ist, dass es gut ausgebildete Kursleitende braucht. Und auch deren grundlegenden Kompetenzen, um mit Erwachsenen arbeiten zu können, sind hier wie dort dieselben. Mit anderen Worten: Es ist sinnvoll, sich zu diesen Themen auszutauschen. Bezüglich der Entwicklung der Weiterbildungsstrukturen gibt es ganz eindeutig eine Best Practice. Und auch diese lässt sich von einem ins andere Land transferieren.

Der Austausch auf dieser allgemeinen Ebene ist also nützlich.
Austausch bringt immer Effizienzgewinn. Wir selbst haben das im Bereich Grundkompetenzen erlebt. Wir wären heute nicht so weit, wenn wir nicht das Know-how aus dem Ausland in die Schweiz hätten transferieren können. Unser GO-Modell war inspiriert von einem Modell in Neuseeland. Und wir konnten auch von Erfahrungen aus Norwegen und dem Vereinten Königreich profitieren.

Das heisst also, wenn die Schweiz an der Mid-Term-Review der CONFINTEA das Weiterbildungsgesetz präsentiert, kann das einen Einfluss haben auf ein Land wie Afghanistan?
Durchaus. In den Workshops zum Weiterbildungsgesetz sassen Landesvertreter, die ein ernsthaftes Interesse an unseren Erfahrungen hatten. Das Weiterbildungsgesetz ist in verschiedener Hinsicht Best Practice. Es legt Grundsätze fest wie etwa die Chancengleichheit und es stösst in spezifischen Bereichen den Aufbau von Förderstrukturen an.  So etwas kann man in auch in anderen Ländern adaptieren, auch in einem Land wie Afghanistan.

Das von Ihnen erwähnte UNESCO Institute for Lifelong Learning wurde 2006 gegründet. 10 Jahre später veröffentlichte das Institut den dritten Global Report on Adult Learning and Education. Gemäss diesem Report können in 139 Ländern noch immer knapp 800 Millionen Erwachsene keinen einfachen Satz lesen oder schreiben. Warum ist man nicht weiter?

Es gibt positive Entwicklungen in verschiedenen Bereichen. Das hat auch die CONFINTEA-Mid-Term-Review gezeigt. Die Problematik rund um das Thema Lesen und Schreiben wird jedoch nicht verschwinden. Ob und wie viel sich in den einzelnen Ländern entwickelt, hängt in erster Linie vom jeweiligen politischen Klima ab. Was die internationale Gemeinschaft machen kann und was sie auch tut, ist der Hinweis auf den Handlungsbedarf. Die UNESCO hat natürlich keinen Einfluss darauf, ob die Regierung in Nigeria ein Basic-Skills-Programm startet. Sie kann aber für das Thema sensibilisieren und dadurch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein Programm lanciert wird.

Sie sagen, sie kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen. Aber welchen Impact haben diese Hinweise auf den Handlungsbedarf tatsächlich?

Entscheidend ist stets, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den UNESCO-Konferenzen die Botschaften in ihre Länder zurücktragen. Gelingt es, die Stakeholder in den einzelnen Ländern zu sensibilisieren und auch ihnen begreiflich zu machen, dass auch ihre Länder keine Inseln sind, ist ein Impact durchaus wahrscheinlich. Das ist auch in der Schweiz nicht anders: Eine Teilnahme des SBFI, der Kantone und des SVEB an einer CONFINTEA-Konferenz bringt erst dann etwas, wenn wir anschliessend versuchen, den Prozess in der Schweiz bekannt zu machen und die Diskussion mit den Stakeholdern anzustossen.

Kehren wir nach Europa zurück. Leben wir hier, verglichen mit den Problemen in Entwicklungsländern, auf einer Insel der Glückseligen?
Europa ist sehr divers. Es gibt zum Beispiel ein Nord-Süd-Gefälle. Während im Norden die Förderstrukturen gut ausgebaut sind, begegnen wir im Süden erheblichen Mängeln. Wir können von Glück reden, dass wir die EU haben und somit eine europäische Weiterbildungspolitik, in der zumindest auf dem Papier Ziele festgelegt werden wie etwa die Verdoppelung der Teilnahme an der Weiterbildung.

Sie sagen „auf dem Papier“. Sind Sie mit der Umsetzung unzufrieden?

Die EU hat wenig Handhabe auf die einzelnen Mitgliedsländer. Brüssel kann Paris nicht vorschreiben, was das Land in die Weiterbildung zu investieren hat. Aber Brüssel kann mit Paris vereinbaren, in welche Richtung die Entwicklung gehen soll. Insofern ist die Ausgangslage vergleichbar mit der der UNESCO: Man vereinbart gemeinsam Ziele. Aber am Ende hängt es von den einzelnen Ländern ab, wie sich die Weiterbildung dort entwickelt.

Viele europäische Projekte werden durch das Austauschprogramm Erasmus+ finanziert. Nach der Annahme der Masseineinwanderungsinitiative hat die EU die Schweiz vom Programm ausgeschlossen. Wie funktioniert die Kooperation trotzdem?

Wir sind eigentlich wieder auf Feld eins. Vor Erasmus haben wir als selbstfinanzierte Partner an den Programmen teilgenommen. Das ist jetzt wieder der Fall. Das funktioniert im Grunde ganz gut und hat sogar den Vorteil, dass wir einen geringeren Administrationsaufwand betreiben müssen, weil wir direkt in die Schweiz rapportieren. Der grosse Nachteil ist, dass wir selbst keine Projekte entwickeln können. Wir können uns nur Projekten anschliessen.

Hätten wir das Potential und auch den Wunsch, eigene Projekte auf europäischer Ebene zu entwickeln?

Unbedingt. Im Bereich der Qualitätssicherung würde ich sehr gerne ein solches Projekt durchführen, das aus der Schweizer Perspektive heraus entwickelt wird.

Was bringen die EU-Programme der Schweiz?

Es gibt unterschiedliche Projekte, bei denen wir als Know-how-Träger unser Wissen einbringen, zum Beispiel Professionalisierungsprojekte wie Profi-Train. Bei diesem Projekt geht es um die Kompetenzen von Kursleitern, um im betrieblichen Kontext Grundkompetenzen zu fördern. Darüber wissen wir sehr genau Bescheid. Bei anderen Projekten lernen wir von andern. Das ist beispielsweise im Me2Me der Fall, bei dem die Weiterbildung in KMU im Zentrum steht.

Am 5. April findet in Zürich eine Veranstaltung zur internationalen Weiterbildungspolitik statt. Was darf man davon erwarten?

Zum einen erfährt man den Entwicklungstand der Weiterbildungspolitik auf globaler Ebene und man kann sich einen Überblick über die Situation in Europa verschaffen. Zum andern werden wir gemeinsam reflektieren, welche Auswirkungen diese internationalen Entwicklungen auf die Schweiz haben.

Wer sollte die Konferenz auf keinen Fall verpassen?

Alle, die sich mit dem Thema Weiterbildungspolitik befassen, sei es aus der Optik eines Weiterbildungsanbieters, sei es als Entscheidungsträger beim Bund, bei den Kantonen oder bei OdAs. 

Programm und Anmeldung

Bernhard Grämiger, SVEB-Direktor
Bernhard Grämiger: "Es gibt gewisse Aspekte in der Weiterbildung, die allgemeine Gültigkeit besitzen." (Bild SVEB)