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Kon-Tiki – Metapher für die Erwachsenenbildung?

  • 11.09.2019

Die Weiterbildung ist weitgehend marktwirtschaftlich organisiert. Was aber verkaufen Weiterbildungsanbieter eigentlich? Um welches Produkt handelt es sich bei der Bildung? Oder ist es vielleicht gar kein Produkt im wirtschaftlichen Sinn?

PD Dr. Svenja Möller, EP 3/2019

Sich zu bilden, ist wie eine Reise, man trifft auf Menschen und unbekannte Orte, manchmal ist man fast perfekt ausgestattet, manchmal hat man sich auf eine andere Situation vorbereitet und muss sich mit den Gegebenheiten anfreunden oder zumindest arrangieren. Eine Reise lässt sich selten vorhersehen, weil es einige Unbekannte gibt, die nicht zu kalkulieren sind. Alleine das Wetter kann als höhere Gewalt einen Strich durch die Rechnung machen und die Reisenden ungewollt in unbekannte Gefilde führen.

Die Fahrt des Norwegers Thor Heyerdahl 1947 mit dem Balsaholzfloss Kon-Tiki von Peru nach Polynesien war so eine geplante Reise mit offenem Ausgang. Allen Prophezeiungen zum Trotz machte er sich mit seiner fünfköpfigen Mannschaft auf die Reise über den Pazifik und erreichte nach 101 Tagen die Insel Raroia (vgl. Heyerdahl 1949). Die Überzeugung, die Hoffnung und der Glaube, das Richtige zu tun, gepaart mit dem Vertrauen in die eigenen Kräfte und Kompetenzen sowie ein Quantum an Unterstützung von Mitstreitern machten das Unmögliche möglich.

Gleichzeitig war es eine gewagte Expedition. Der aufgrund einer Nahtoderfahrung in seiner Kindheit wasserphobische Heyerdahl überwand seine Angst vor dem Wasser, widerlegte die damaligen wissenschaftlichen Erkenntnisse und bewies, dass alleine durch die Ausnutzung der Winde Polynesien von Südamerika aus erreicht hätte werden können. Vor der Reise wurde sein Aufsatz zu dieser Theorie abgelehnt, hinterher wurde er dafür gefeiert. Die Anerkennung seiner Theorie und seine Reputation folgten auf dem Fusse (vgl. Möller 2019, S. 58ff.). Bildungserwerb ist mit dem Charme der Entdeckung, Erforschung und Zufälligkeit behaftet, er ist nur bedingt planbar. Rahmenbedingungen und Lehr-Lern-Arrangements unterstützen, während das Subjekt lernt, bewusst und unbewusst.

Bildung ist einzigartig

Dennoch scheint die Frage, ob und inwieweit Bildung ein Produkt ist, eine grosse Faszination zu besitzen. Warum will man Bildung oder Weiterbildung überhaupt käuflich erwerben? Bildung – als mehr oder weniger Endprodukt eines Lernprozesses – kann weder verkauft noch erworben werden. Vielmehr bleiben grosse Teile davon dem lernenden oder produzierenden Subjekt unbewusst. Im Gegenteil: die Ver­äusserung unseres «Produkts» Bildung ist dabei eine besondere Herausforderung. Um die subjektive Bildung nach aussen zu objektivieren, sind Hebammen, Coaches, Mäeutiker nötig.

Bildung ist komplett individuell, gehört dem Subjekt und ist einzigartig. Keine Bildung gleicht der anderen. Jede hat ihre eigenen Facetten, ihre subtilen und sublimen Anteile. Bildung ist weder perfekt noch vollendet. Bildung bildet sich selbst immer weiter aus. Selbst, wenn Teile von ihr zu verschwinden scheinen, tauchen sie nach Jahrzehnten wieder auf. Teile müssen wiederholt, vergessen und aufgefrischt werden.

Vergleiche verschiedener materieller Produkte mit Bildung haben nicht nur eine lange, sondern auch eine fragwürdige Tradition, da sie ökonomisch motiviert sind. Bildung wird eigentlich immer nur dann mit einem wirtschaftlichen Produkt verglichen, wenn es darum geht, den Preis bzw. die Kosten für Bildung messbar zu machen, Bildung attraktiv zu machen oder Bildung mit einem Marketingaspekt anzureichern. Frühe Vergleiche mit Bildung als einem Produkt finden sich schon bei von Recum (Recum 1980, S. 192ff.), vor gut 30 Jahren folgten vermeintliche Gleichnisse von Bildung mit einem Auto und mit einem Schokoriegel (Motzko 1989, S. 360). Vermutlich ging es weniger um die Vergleichbarkeit von einem Auto und Bildung als vielmehr um die Aufforderung und die Überzeugung, Bildung könne wie ein Auto vermarktet werden. Die Verkäuflichkeit von Produkten stand im Vordergrund. Auch der Widerstand gegen diese Betrachtung hat eine Tradition und führte zu kreativen Vergleichen, wie von Lehmann, der Bildung nicht wie eine Packung Kekse verkaufen wollte (vgl. Lehmann 2003, S. 124).

Welche Gründe gibt es, Bildung verkaufen zu wollen?

Pädagogische Gründe: jemanden dazu bringen zu wollen, dass er bzw. sie sich (weiter-)bildet.
Ethische Gründe: Bildung soll nicht kostenlos, sondern mit Wertschätzung verkauft werden.
Ökonomische Gründe: Ein Bildungsangebot soll vermarktet werden.

Alle Gründe haben fremdbestimmten Charakter. Auffällig ist, dass es sich dabei immer um Zumutungen von aussen handelt. Dabei spielt der Glaube an den Nürnberger Trichter bei der Adaption von Bildung als Produkt eine entscheidende Rolle. Was oben reingeschüttet wird, kommt unten als fertiges Produkt, schön geformt, genormt und mundgerecht, passgenau heraus. Lerntheoretisch sind diese Vorstellungen eigentlich längst überholt (vgl. Holzkamp 1993). Bildung im Sinne eines Produktes als Folge eines subjektbestimmten Lernprozesses kann kein fremdbestimmtes Produkt werden. Bei Bildung – erworben in Lehr-Lern-Arrangements mit Hilfestellungen durch die Lehrenden – sind möglicherweise noch koproduzierte Anteile anzurechnen.

Besonderheiten des «Produkts» Bildung

An ein Produkt im wirtschaftlichen Sinne werden verschiedene Erwartungen geknüpft. Es soll sichtbar, lager- und reklamationsfähig, genormt, wiederholbar, nachvollziehbar, konsumierbar und vor allem verkäuflich sein.

Bildung, als Produkt betrachtet, erfüllt kaum eine dieser Anforderungen. Im Gegenteil, sie weist einige Besonderheiten auf (vgl. Möller 2011, S. 61ff).

Bildung lässt sich nicht konsumieren
Eine Voraussetzung für die Vermarktung eines Produkts ist seine Konsumfähigkeit. Bildung lässt sich nicht konsumieren. Im Gegenteil, sich zu bilden, ist meist recht anstrengend und vielleicht sogar schmerzhaft. Einen Schokoriegel kann man hingegen kaufen und lustvoll verzehren.

Bildung ist einmalig und individuell
Wirtschaftsprodukte werden serienmässig hergestellt und sind standardisiert. Bildung als Eigenprodukt eines Individuums ist selbstgestaltet und absolut einmalig.

Bildungserwerb ist situationsabhängig
Bildung ist darüber hinaus – ironisch formuliert – auch «anfällig» für Einflüsse und Lehr-Lern-Situationen. Es hängt vom Subjekt ab, ob es sich bildet, die Einflüsse auf sich wirken lässt oder (im Moment) vielleicht nicht dazu in der Lage ist, möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt feststellt, dass es etwas gelernt hat und dies ein Teil seiner Bildung ausmacht.

Bildung ist nicht reklamationsfähig
Eines der schlagendsten Argumente, weshalb Bildung kein gewöhnliches Produkt ist, ist die Tatsache, dass Bildung nicht reklamationsfähig ist. Ein fabrikneues Auto lässt sich zurückgeben und die Mängel lassen sich reklamieren. Händler geben sogar eine Geld-zurück-Garantie. Dieses Versprechen für die Rückabwicklung des Kaufes ist nicht übertragbar auf Bildungserwerb.

Bildung ist nicht vorproduzierbar
Das «Produkt» Bildung lässt sich nicht im wirtschaftlichen Sinne vorproduzieren, sondern produziert sich ständig selbst.

Bildung ist nur bedingt planbar und vorhersehbar
Dadurch, dass Bildung einmalig und individuell, ihr Erwerb situations- und motivationsabhängig ist, ist sie auch weder plan- noch vorhersehbar. Für ein klassisches Produkt ist dies jedoch eine Grundvoraussetzung, um es zu bewerben.

Bildung ist subjektiv und nicht unmittelbar sichtbar
Alles in allem ist Bildung in erster Linie sehr subjektiv. Bildung ist ein immaterielles Produkt und lagert sich als Wissen, Kompetenz und Erfahrung in das lernende Subjekt ein. Dadurch ist dieses Produkt per se nicht wirklich sichtbar, sondern visualisiert sich im Habitus und elaboriert sich in Gedanken, im Handeln, in der Interaktion und Kommunikation mit anderen und zeigt sich in Sprache, (Hand-)Schrift, Titel oder Reputation (vgl. Bourdieu 1979).

Konsequenzen aus den Ausführungen zu den Besonderheiten des «Produkts» Bildung sind folgende: Im klassischen Marketing gehen die Entscheidungen für den Einsatz der verschiedenen Marketinginstrumente auf das Produkt zurück und dieses ist, wie bereits oben ausgeführt wurde, besonders. Daher gilt für den Bildungsbereich allgemein: dass das «Produkt» nicht beworben werden kann, lediglich die Lehr-/Lernbedingungen lassen sich bewerben. Die Mittätigkeit des lernenden Subjekts lässt sich nicht bewerben, dies wäre nicht nur übergriffig, sondern ist auch unmöglich. Aufgrund der Freiwilligkeit der Teilnahme und der Subjektivität des Lernens stellt sich die Situation sogar vice versa dar, nicht das Produkt (Weiter-)Bildung kann beworben werden, sondern lediglich das Subjekt kann umworben werden.

Nachdem die Besonderheiten des «Produkts» Bildung und die Motive für eine Vermarktungslogik erörtert worden sind, stellt sich dennoch die Frage, ob der Gedanke Bildung und ihre Vermarktung überhaupt kompatibel ist. Denn unabhängig von unzulänglichen Vergleichen und ökonomischen Motiven, ist das Faszinosum von Bildung ihre Unabhängigkeit, Einzigartigkeit und Autarkie. Bildung ist ein Vademecum, das eine vermeintliche Marktlogik hinterfragt, durchschaut und kritisiert. Bildung vermarkten zu wollen, ist daher ein Widerspruch in sich. Bildung – frei, emanzipatorisch, aufgeklärt –verweigert sich ihrer Vermarktung als fremdbestimmtes, Interesse-gestütztes Handeln. Bei allem wirtschaftlichem Wunschdenken gleicht doch die (Weiter-)Bildung einer aufregenden Reise mit der Kon-Tiki.

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PD Dr. Svenja Möller hat nach ihrer Assistenzzeit bei Peter Faulstich (Universität Hamburg) verschiedene Lehrstühle an der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg, und der Technischen Universität Chemnitz vertreten. Derzeit forscht sie im Bereich der Inklusion und coached Langzeitarbeitslose mit Mehr­fachbehinderungen in Hamburg.

Kann man ein Preisschild auf Bildung kleben? (Illustration: Christina Baeriswyl)