Hauptinhalt

Lebenslanges Lernen als soziale Innovation

  • 17.06.2019

Wir stehen vor der Notwendigkeit, den unvermeidlichen Wandel unserer Gesellschaften nachhaltig zu gestalten. Könnte lebenslanges Lernen bei dieser Transformation eine Rolle spielen? Der Autor plädiert für eine integrative Neuinterpretation der ursprünglichen drei Dimensionen lebenslangen Lernens und stellt ein transformatives Weiterbildungsformat vor, das die persönliche, professionelle und gesellschaftliche Funktion lebenslangen Lernens auf innovative Art und Weise miteinander verbindet.

Björn Müller, EP 2/2019

Als die EU zu seiner Zeit Bildung und Weiterbildung zur «höchsten politischen Priorität» (EU, 2002, S. 4) erkor, gab es eine vielschichtige Vision lebenslangen Lernens; gezielt wurde im Sinne der «persönlichen Entwicklung aller Bürger» und der «Partizipation in allen gesellschaftlichen Bereichen, von aktiver Bürgerschaft bis zur Arbeitsmarktintegration» (ebd.) – jeweils als eigenständige Dimensionen gedacht. Seitdem haben sich allerdings sowohl der Diskurs als auch die Praxis des lebenslangen Lernens verengt. In einer vom ökonomischen Primat getriebenen Wissensgesellschaft wird die politische Idee des lebenslangen Lernens immer eindimensionaler in ihrer zentralen Aufgabe der Aufrechterhaltung von Arbeitsmarktfähigkeit («employability») einer alternden Arbeitsbevölkerung proklamiert.

Einst als gesellschaftliches Projekt und Bürgerrecht gedacht, ist lebenslanges Lernen immer mehr zu einer individuellen Aufgabe und Pflicht im Rahmen der Humankapitalentwicklung geworden (Biesta, 2006). Von Privatpersonen verfolgt, erwartet von den Unternehmen und (ideell) unterstützt vom Staat, wurde aus der wohlgemeinten Vision des lebenslangen Lernens schlussendlich ein gigantisches Programm zur Erhaltung und Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit – für den Einzelnen, die Firma und das Land.

Die neoliberale Gesinnung einer «Lernökonomie» (Brown, 2015) führte Marktprinzipien und Metriken in die (Weiter)Bildung ein, unter denen Bürgerinnen und Bürger zu Konsumierenden von Bildungsprogrammen, Investorinnen und Investoren in eigener Sache, geworden sind. Immer auf der Suche nach einem «positiven Return-on-investment» (ebd.) geht es um «Up­skilling» und die vermeintlich richtigen Zertifikate.

Problemstellung

Was gehört zum lebenslangen Lernen? Und welche Ziele sollen damit verbunden sein? Dies ist weder eine theoretische noch eine rhetorische Frage, da je nach Antwort Ressourcen unterschiedlich verteilt werden. Solange die unterschiedlichen Dimensionen lebenslangen Lernens getrennt betrachtet werden, also entweder persönliche Entwicklung oder berufliche Weiterbildung oder gesellschaftlicher Beitrag, ist die Entwicklung eindeutig. Lebenslanges Lernen wird mehr und mehr zu einem privat(wirt-schaftlichen) Gut, von Arbeitskraftunternehmern und Unternehmen zu ökonomischen Zwecken verfolgt, und dementsprechend werden weniger gemeinschaftliche Ressourcen hierfür aufgewendet; eine persönliche und / oder gesellschaftliche Relevanz wird so verunmöglicht (siehe Biesta 2006, S. 177).

Das Problem liegt in der Trennung der unterschiedlichen Dimensionen. Vertreterinnen und Vertreter einer Lernökonomie und neoliberaler Programmatiken sehen offensichtlich wenig Wert in der Förderung von Mal-, Theater- oder Gartenkursen, hier stellvertretend für meist unter der Kategorie Hobby deklarierte Angebote, durch Steuergelder. Auf der anderen Seite wird gesellschaftliches Engagement in unserer Gesellschaft meist im Ehrenamt verortet und sowieso selten als relevante Weiterbildungsmöglichkeit erkannt.

In Zeiten gewaltiger gesellschaftlicher Herausforderungen, nicht zuletzt einer kriselnden Demokratie an sich, ist die Trennung und einseitige Bewertung der drei Dimensionen lebenslangen Lernens ein Unglücksfall und eine verlorene Chance (Biesta, 2006). Dort, wo Weiterbildung technisch geschultes Humankapital produziert, anstatt auch die kritische und persönlich motivierte Teilnahme am öffentlichen Leben zu fördern, bedroht die einseitige Vision und Form lebenslangen Lernens unsere Gesellschaft durch das Verhindern des dringend benötigten Einbezugs kreativer Bürgerinnen und Bürger in die herausfordernde Transformation unserer Gesellschaft.

Damit lebenslanges Lernen einen Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel leisten kann, müssen die meist separat verstandenen Dimensionen zusammen und in ihren wechselseitigen Beziehungen gedacht werden (siehe auch Hof, 2017). Wie verhält sich lebenslanges Lernen zu einer lebendigen Demokratie? Wie hängen persönliche Entwicklung und gesellschaftlicher Wandel miteinander zusammen? Wie könnte «Upskilling» dem gesellschaftlichen Engagement dienlich sein? Wie wichtig ist die persönliche Dimension für die professionellen Herausforderungen der Zukunft? Was wären beispielhafte Weiterbildungsformate, die gleichzeitig dem persönlichen Wohl, der Arbeitsmarktfähigkeit und der Gesellschaft dienen würden?

Diese Fragen sind nicht neu und wurden auch an anderer Stelle schon gestellt, vor allem im Rahmen der Erst- oder Zweitausbildung, wo sich integrative Bildungskonzepte und Pädagogiken wie z.B. «Global Citizenship Education» (siehe Pigozzi, 2006) und «Bildung für nachhaltige Entwicklung» (siehe Huckle & Wals, 2015) finden lassen. Im Bereich der Erwachsenenbildung gibt es jedoch verhältnismässig wenig konzeptionelle Arbeiten und konkrete Beispiele zur systematischen Integration der drei genannten Dimensionen lebenslangen Lernens.

Praxisbeispiel

Als Beispiel eines neuartigen, integrativen und transformationsorientierten Weiterbildungsanbieters stelle ich im Folgenden die Zürcher Stride unSchool vor. Als Weiterbildungs-Reallabor (vgl. Schneidewind, 2014) konzipiert, experimentiert Stride als gemeinnütziger Anbieter mit Weiterbildungsformaten, in denen persönliche Sinnerfüllung, das berufliche Weiterkommen und gesellschaftliches Engagement integrativ miteinander verbunden werden. Seit zwei Jahren bietet Stride hierzu ein neuartiges achtmonatiges Weiterbildungsprogramm an, das sogenannte unDiploma in Collaborative Leadership & Social Innovation.

Die Integration der persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Dimension wird über ein Prozessdesign ermöglicht, in dem sich die Freiheit individuellen Lernens, ein strukturierendes Prozessgerüst und eine Kultur des gemeinsamen Erforschens gegenseitig bedingen. Massgeblich sind hierfür zwei zentrale konzeptionelle Entwicklungen: die (un)pädagogische Herangehensweise des sog. Unschooling (vgl. auch Thomas & Brown, 2011), und das Verständnis von lebenslangem Lernen als transformatives Lernen (vgl. Laros, Fuhr & Taylor, 2017) und Ko-Kreation (Müller, 2018) im Projektrahmen «sozialer Innovation» (vgl. Howaldt & Schwarz, 2010).

Ganz konkret treten pro Klasse maximal 16 Teilnehmende an, «etwas zu unternehmen». Der Motor des Lernens bei Stride ist das sog. Social Innovation Teampreneurship: Gruppen von drei bis fünf Personen finden sich rund um eine für sie relevante gesellschaftliche Fragestellung und entwickeln auf unternehmerische Art und Weise ein soziales Innovationsprojekt. Die Teilnehmenden erhalten kein Thema oder Projekt, sondern müssen nach acht Monaten selber «etwas gegründet haben» – in der Bandbreite sozialer Innovation, zwischen marktbasierten Social Entrepeneurship Startups und Drittmittel-finanzierten Hilfsprojekten und Kampagnen.

Die Hauptzielgruppe des Angebotes sind Berufstätige aller Sparten zwischen 25 und 55.  In der letzten Klasse trafen sich, hier stellver­tretend genannt für die Bandbreite der vertretenen Professionen, ein Maschinenbauingenieur, eine katholische Theologin, ein IT-Experte aus der Finanzindustrie und eine ehemalige Kreativunternehmerin. Die Teilnehmenden haben meist gemeinsam, dass sie recht genau wissen, «was sie nicht mehr wollen», aber nicht, wie die persönliche und berufliche Entwicklung genau ausschauen soll. Sprichwörtlich geht es bei Stride also darum, auf unternehmerische Art und Weise zusammen mit anderen zu lernen, wie und mit was die berufliche Reise weitergehen kann.

Die zwei Hauptwege durch und nach Stride sind entweder die Gründung eines vielversprechenden und absehbar finanziell nachhaltigen Projekts im Bereich sozialer Innovation oder der Transfer in eine neue organisationale Rolle mit Aufgaben, entsprechend des neu entstandenen Kompetenzclusters «Kollaboration», «Leadership» und «soziale Innovation».

Unschooling bedeutet bei Stride, dass Lernen nicht in einem festen Curriculum von oben verordnet wird, sondern dass Lernen mit persönlich wie gesellschaftlich relevanten Fragen beginnt. Eine Kultur des gemeinsamen Forschens ermöglicht und fordert von den Teilnehmenden, sich eine gesellschaftlich relevante Fragestellung – beispielhaft von Klimawandel über Demokratiekrise und Migration bis zur Zukunft der Arbeit – zu eigen zu machen. Mit Thomas & Brown (2011, S. 81; Übersetzung BM) gesprochen: Was wäre wenn, zum Beispiel, Fragen wichtiger als Antworten wären? Was, wenn Studierende Fragen zu Herzensangelegenheiten stellen würden? Ziel eines solchen Ansatzes ist es, den Lernenden eine persönliche Relevanzsetzung zu ermöglichen, um so deren Motivation und Leidenschaft für eine tiefgehende Bearbeitung und die nötige Persistenz zu aktivieren. Generische Fragen, die den Studierenden dabei helfen, sind z.B.: Was ist dein Talent und damit verbunden dein möglicher Beitrag in dieser Welt?

Weiter und zentral bedeutet Unschooling, dass Weiterbildung selber zur offenen Frage und zur gemeinsam zu gestaltenden sozialen Innovation wird. Zusammen mit den sogenannten Lehrenden, die in diesem Zusammenhang selber zu Lernenden werden, wird von und miteinander gelernt, wie gemeinsames Lernen funktionieren kann. Die Teilnehmenden sind Teilhabende am Prozess und entscheiden mit über das Curriculum – von der logistischen Struktur bis zu einzelnen Themenblöcken.

Dies ist schlussendlich eine politische Frage und eine Übung in demokratischer Grundkompetenz: «The more people participate in the process of their own education, the more the people participate in the process of defining what kind of production to produce, and for what and why, the more the people participate in the development of their selves. The more the people become themselves, the better the democracy» (Horton & Freire, 1990, S. 145).

Fazit

Lebenslanges Lernen bietet Menschen einen potenziellen Freiraum, um sich unternehmerisch mit ihren eigenen Talenten und ihrem Beitrag zur gesellschaftlichen Transformation auseinanderzusetzen. Hierfür muss lebenslanges Lernen als integratives Gefäss verstanden werden, in dem die persönliche Sinnhaftigkeit, die berufliche Relevanz und der gesellschaftliche Mehrwert nicht gegenseitig ausgespielt, sondern miteinander gedacht und verhandelt werden. In diesem Zusammenhang ist Hannah Arendts (1961) Diktum, dass man bis zum Lebensende lernen könne, ohne jemals gebildet zu werden, nach wie vor äusserst zeitgemäss. Aus der vorgestellten integrativen Sicht ist lebenslanges Lernen «Weiterbildung 2.0»: Bildung bedeutete einst die Sozialisierung in eine gesellschaftliche Ordnung, um das Wissen und die Erfahrung für durchdachtes demokratisches Bürgertum und gebildete Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen (vgl. Brown, 2015).

Die gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit brauchen Bürgerinnen und Bürger, die sich durch die Arbeit an sozialen Innovationen weiterbilden und gleichzeitig einen konkreten Beitrag leisten. In Zeiten gesellschaftlichen Wandels muss Demokratie neu belebt werden. Lebenslanges Lernen könnte ein ernstzunehmender Ort für diese Wiederbelebung sein, wenn es als Agora verstanden wird: als intermediärer öffentlich/privater Raum, in dem persönliche Anliegen in die Sprache öffentlicher Angelegenheiten übersetzt werden und soziale Innovationen für persönlich relevant erlebte Probleme getestet, verhandelt und entwickelt werden.

BÖJRN MÜLLER ist ausgebildeter Psychologe und promovierte an der Universität St. Gallen (HSG) in «Organisations- und Kulturtheorie». Für seine Arbeit als Berater, Coach und Dozent entwickelt er transformative Verfahren, die sich aus seinen Ausbildungen in Erlebnispädagogik, Psychodrama und systemisch-lösungsorientierten Ansätzen speisen. Als Bildungsunternehmer hat er die Stride unSchool mitgegründet.

Education Permanente bestellen

 

Literatur:

— Arendt, H. (1961). Crisis in education. In Between Past and Future (S. 170–193). New York: Penguin Books.
— Aspin, D. N., & Chapman, J. D. (2000). Lifelong learning: concepts and conceptions. International Journal of Lifelong Education, 19(1), 2–19.
— Biesta, G. (2006). What’s the Point of Lifelong Learning if Lifelong Learning Has No Point? On the Democratic Deficit of Policies for Lifelong Learning. European Educational Research Journal, 5(3–4), 169–180. doi.org/10.2304/eerj.2006.5.3.169
— European Commission. (2002). European Report on Quality indicators of Lifelong Learning. Abgerufen von www.aic.lv/bolona/Bologna/contrib/EU/report_qual%20LLL.pdf
— Hof, C. (2017). Is There Space for Bildung and Transformative Learning in the Lifelong Learning Discourse? In Laros A., Fuhr T. & Taylor E. W. (Hrsg.), Transformative learning meets Bildung: an international exchange. Rotterdam Taipei: Sense Publishers.
— Horton, M., & Freire, P. (1990). We make the road by walking: Conversations on education and social change (B. Bell, J.  Gaventa & J. Peters, Hrsg.). Philadelphia: Temple University Press.
— Howaldt, J., & Schwarz, M. (2010). «Soziale Innovation» im Fokus: Skizze eines gesellschaftstheoretisch inspirierten Forschungskonzepts. Bielefeld: Transcript.
— Huckle, J., & Wals, A. E. J. (2015). The UN Decade of Education for Sustainable Development: business as usual in the end. Environmental Education Research, 21(3), 491–505. doi.org/10.1080/13504622.2015.1011084
— Laros, A., Fuhr, T, & Taylor, E. W. (Hrsg.). (2017). Transformative learning meets Bildung: an international exchange. Rotterdam Taipei: Sense Publishers.
— Müller, B. (2018). Ko-Kreation. In T. Beyes & J. Metelmann (Hrsg.), Der Kreativitätskomplex – Ein Vademecum der Gegenwartsgesellschaft (S. 135–142). Bielefeld: Transcript.
— Pigozzi, M. J. (2006). A UNESCO view of global citizenship education. Educational Review, 58(1), 1–4. doi.org/10.1080/00131910500352473
— Schneidewind, U. (2014). Urbane Reallabore – ein Blick in die aktuelle Forschungswerkstatt. pnd online, III. Abgerufen von www.planung-neu-denken.de/images/stories/pnd/dokumente/3_2014/schneidewind.pdf
— Thomas, D. & Brown, J. S. (2011). A New Culture of Learning. Charleston, SC: Createspace.

Wenn sich die Dimensionen des Lebenslangen Lernens überschneiden, kann daraus mehr entstehen, als Employability oder ein privates Hobby (Illustration: Christina Baeriswyl)