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Lernen, was wirklich zählt – in arbeitsplatzorientierten Deutschkursen

  • 16.06.2020

In der Pflegeinstitution pflegimuri sollten auch diejenigen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, an der Kommunikation teilnehmen. Deshalb ermöglichte die Institution ihren Mitarbeitenden aus Reinigung, Wäscherei und Küche einen Grundlagen-Deutschkurs. Die Resultate des arbeitsplatzbezogenen Kurses können sich sehen lassen.

von Jennifer Zimmermann für fmpro

«Die Mitarbeitenden schauen mir jetzt selbstbewusst in die Augen und grüssen fröhlich und deutlich, wenn ich ihnen im Flur begegne», erzählt Verena Rey, Personalleiterin der pflegimuri. Man merkt ihr die Freude an, wenn sie von der Verwandlung einiger Mitarbeitenden erzählt, die früher sehr scheu waren und darum manchmal den Blickkontakt vermieden. Seit ein Dutzend Mitarbeitende aus Wäscherei, Küche und Reinigung vergangen Winter einen Deutschkurs besucht haben, ist viel «gegangen», bestätigt auch Esther Erni, Leiterin Hotellerie der Pflegeinstitution im aargauischen Muri. Gerade in der Hotellerie seien Sprache und Kommunikation immer wieder ein Thema, da Menschen aus der ganzen Welt hier arbeiten würden, sagt sie. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden sich aber schwertun, alleine einen Kurs zu besuchen. Sei es wegen Zeitmangel, oder weil sie sich unsicher fühlten.

Rey und Erni wollten dies ändern. Denn: «Die pflegimuri ist ein sehr grosses Haus und die Bewohnerinnen und Bewohner suchen immer wieder den Kontakt zu den Mitarbeitenden.» Sie täten dies, egal in welchem Bereich die Beschäftigten arbeiteten, sei es im Restaurant ‹benedikt›, wo sie sich ein wenig austauschen wollten oder aber in der Wäscherei, wenn eine Bewohnerin ihr Hemd suche. Besonders gern plauderten die Bewohnenden mit ‹Externen› oder fragten auch mal nach Hilfe. Da sei es wichtig, dass man sich gegenseitig verstehe. «Das ist für beide Seiten angenehmer», sagt Erni, die seit rund elf Jahren hier arbeitet.

«Selbstbewusstsein und Wir-Gefühl stärken»

Schnell war klar: Die nahegelegene Volkshochschule Oberes Freiamt, die Firmenkurse anbietet, würde den arbeitsplatzorientierten Kurs durchführen. Und der Kurs würde während der Arbeitszeit der Mitarbeitenden und in den Räumlichkeiten der pflegimuri stattfinden. Eines der Hauptziele sei es gewesen, die Angst vor der Kommunikation auf Deutsch abzubauen, sagt Personalleiterin Rey. «Das Selbstbewusstsein und das Wir-Gefühl stärken, während das Verstehen und Reden im Fokus stehen», ergänzt Hotellerieleiterin Erni.

«Um das Selbstvertrauen der Kursteilnehmenden zu stärken, habe ich wie immer auf Humor gesetzt», erzählt die Kursleiterin Regula Stalder, die den Deutschkurs durchgeführt hat. «Ich will, dass gelacht wird, sonst ist mir nicht wohl!» In der Gruppe waren vorwiegend Frauen; unter anderem aus Portugal, Italien, Sri Lanka und Tibet. «Nicht alle haben nur positive Erinnerungen an ihre Schulzeit, sodass ich ihnen erst die Angst nehmen musste», sagt Stalder. Sie wolle der Gruppe ein grosses Lob aussprechen. Wie sie neben Familie und körperlich anstrengenden Berufen auch noch alle zwei Wochen während eineinhalb Stunden den Kurs absolviert und sich so engagiert hätten, habe sie sehr beeindruckt. Geübt wurde vor allem die mündliche Verständigung im Alltag. Uhr- und Tageszeiten sicher beherrschen, Sätze wie «Können Sie das bitte wiederholen?» oder «Können Sie bitte langsamer sprechen?» gehörten zu den Lerninhalten. Nach zwölf Kursabenden hätten sich auch die Scheusten in der Klasse zu reden getraut. «Es ist immer wunderschön zu sehen, wie stolz und glücklich die Teilnehmenden dann sind», sagt Stalder, die seit 30 Jahren unterrichtet.

Auch im Privatleben profitieren

Eine der grössten Herausforderungen seien die sehr unterschiedlichen Niveaus innerhalb der Klasse gewesen, so die Kursleiterin weiter. «Da braucht es viel Selbstverantwortung. Mein Motto ist aber: Niemand soll im Unterricht rumsitzen müssen und warten. Stellt euch selbst Aufgaben, helft euch gegenseitig. Und wichtiger noch: Geniert euch nicht!», sagt sie. In dieselbe Kerbe schlagen auch Verena Rey und Esther Erni: «Wir ermutigen unsere Mitarbeitenden immer wieder: Probiert es einfach! Ihr dürft auch Fehler machen. Das setzt von deren Seite ein Riesenvertrauen voraus und wir müssen dranbleiben und sie bestärken.» Wenn sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dann aber aktiv in Teamsitzungen einbringen, Formulare vom Personal besser verstehen und im Gang fröhlich und selbstbewusst grüssen, dann sei das für beide Seiten ein grosser Gewinn. «Dieser Kurs zeigt unsere Wertschätzung gegenüber unseren Mitarbeitenden und diese freuen sich, dass sie gefördert werden», sagt Rey. «Ich kann mir gut vorstellen, dass wir zukünftig weitere arbeitsplatzorientierte Kurse durchführen werden. Sei dies im Bereich Kommunikation oder auch im IT-Bereich, der immer wichtiger wird. Ziel soll es immer sein, dass die Mitarbeitenden nicht nur beruflich, sondern auch privat von der Weiterbildung profitieren.»

 

Arbeitsplatzorientierte Kurse – wo gibt es Unterstützung?
Seit 2018 ist der nationale Förderschwerpunkt «Grundkompetenzen am Arbeitsplatz» in Kraft. Der Bund unterstützt Betriebe finanziell dabei, massgeschneiderte arbeitsplatzbezogene Kurse für Mitarbeitende umzusetzen. Gelernt wird, was am Arbeitsplatz Mühe bereitet, wenn es zum Beispiel um das Verstehen oder Verfassen von Aufträgen, Anweisungen und Dokumentationen, um rechnerische Anforderungen oder, was immer wichtiger wird, um die Anwendung von Technologien direkt am Arbeitsplatz geht. Bei der Entwicklung der Kurse werden die Betriebe von Weiterbildungsanbietern unterstützt, die diese dann auch vor Ort umsetzen. Gesuche können mindestens bis 2024 beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) gestellt werden. Für Fragen können Sie sich direkt an das SBFI unter weiterbildung@sbfi.admin.ch wenden. Der Schweizerische Verband für Weiterbildung (SVEB) unterstützt Betriebe und Weiterbildungsanbieter durch fachliche Beratung. Mehr unter: https://alice.ch/de/dienstleistungen/go-upskilling-am-arbeitsplatz/

 

 

In der Pflegeinstitution pflegimuri arbeiten viele Personen in den Bereichen Wäsche, Reinigung und Küche, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. (Bild: Jennifer Zimmermann)