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«Mathematik auf alltägliche Anforderungen ausrichten»

  • 05.07.2019

In welcher Form und in welchem Masse beeinflussen digitale Technologien das mathematische Lernen von Erwachsenen? Dieser und anderen Fragen gehen Fachleute und Wissenschafterinnen am kommenden Wochenende an der 26. Adults Learning Mathematics Conference ALM26 nach. Für SVEB ist Martina Fleischli vor Ort.

Interview Flavian Cajacob

Martina Fleischli, was erwarten Sie von der diesjährigen ALM?
Martina Fleischli: In erster Linie geht es dem Forum darum, neueste Erkenntnisse aus dem Bereich der mathematischen Bildungsforschung zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Ich persönlich erhoffe mir, Denkanstösse zu erhalten und Wege aufgezeigt zu bekommen, wie Alltagsmathematik effektiv gefördert werden kann. Nordische Länder, gerade Schweden, sind weltweit führend, wenn es um die Verankerung der Weiterbildung in der Gesellschaft, um die staatliche Förderung der Erwachsenenbildung und um den Stellenwert des individualisierten Lernens geht. Insofern habe ich schon eine gewisse Erwartungshaltung, was konkrete Resultate anbelangt.

Neue Denkanstösse
ALM steht für Adults Learning Mathematics. Mit jährlich stattfindenden Konferenzen will das 1992 gegründete Forum führende Persönlichkeiten aus dem Bereich mathematische Bildungsforschung sowie der Politik und der praktischen Wissensvermittlung besser vernetzen und neue Denkanstösse liefern. ALM26 findet vom 7. bis 10. Juli in Lund (SWE) statt. Auf alm-online.net werden regelmässig Konferenzberichte und neueste Erkenntnisse zur mathematischen Bildungsforschung veröffentlicht.
www.alm-online.net


Im Gegensatz zur Sprachförderung hat die mathematische Förderung einen eher zweit-, wenn nicht sogar drittrangigen Stellenwert in der hiesigen Weiterbildung. Stimmt diese Einschätzung?
Sehr vereinfacht kann man das so sagen, ja. Es gibt dahingehend sicherlich Anbieter, allerdings hinkt das Angebot mit Blick auf die digitale Umsetzung der laufenden Entwicklung eher hinterher. Auch die Sensibilität gegenüber der Thematik ist nicht sehr ausgeprägt, weder in der Gesellschaft, noch seitens der Politik. Für mich ist klar: In der Erwachsenenbildung ist es ganz besonders wichtig, Mathematik nicht auf theoretische Werte, sondern auf alltägliche Anforderungen auszurichten.

Wie meinen Sie das konkret?
Rechnen im Kontext des Berufs. Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten am Spital und müssen eine Medikation auf das Körpergewicht der Patienten umrechnen. Oder Sie wissen, auf wann Ihr Vorstellungsgespräch angesetzt ist und müssen jetzt veranschlagen, wann Sie zu Hause los sollten, um pünktlich zum Termin zu erscheinen. Das sind ganz einfache Beispiele. Für jemanden, der diese Situationen in seinem Berufsalltag spielerisch meistert, ist vielleicht nur schwer nachzuvollziehen, dass man diese Aufgaben nicht lösen kann. Für jemanden hingegen, dem die grundlegendsten Mathematikkenntnisse fehlen, sind es unglaublich hohe Hürden, die kaum genommen werden können oder für äusserst peinliche Momente sorgen.

Alltagsmathematik als Integrationsaufgabe?
Ja auch, ob jemand in Sachen Mathematik sattelfest ist oder nicht, hat auch mit dem kulturellen Hintergrund zu tun. Aber nicht nur. Ich denke, wir alle können uns an Schulkolleginnen und Schulkollegen erinnern, die Ihre Rechenaufgaben – wenn überhaupt – jeweils nur mit Mühe und Not gelöst haben. Das hat häufig nichts mit Intelligenz zu tun, sondern damit, wie der Stoff vermittelt wird – respektive, wie und ob dieser überhaupt beim Empfänger ankommt.

Der digitale Wandel als Ausweg aus dieser Situation?

Die neuen technologischen Möglichkeiten verändern das Lernen fundamental, das kennen wir aus anderen Gebieten. Die Konferenz wird sich denn wohl auch weniger damit beschäftigen, was im Bereich Mathematik an Stoff vermittelt wird, sondern vielmehr damit, wie die grundlegendsten Kenntnisse inskünftig kommuniziert werden sollen – also die Mittel und Wege. Für mich persönlich stehen dahingehend die psychologischen und die sozialen Aspekte ganz klar im Vordergrund. Mathematik soll als «Werkzeug» vermittelt werden, das sinnvoll und nützlich ist.

Anmerkung: Über konkrete Ergebnisse und Erkenntnisse wird Martina Fleischli in Anschluss an die ALM26 an dieser Stelle berichten.

Martina Fleischli berichtet für den SVEB von der 26. Adults Learning Mathematics Conference ALM26 in Schweden.