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Mehr Dampf für die Nachholbildung Erwachsener

  • 20.12.2019

Der duale Bildungsweg behauptet sich nach wie vor als schweizerisches Erfolgsmodell. Die berufliche Grundbildung ist allerdings ganz auf Jugendliche ausgerichtet. Die digitale Transformation, die demographische Alterung und der Fachkräftemangel stellen diese Ausrichtung heute in Frage.

Ronald Schenkel

Wir stehen vor einer radikalen Umwälzung auf dem Arbeitsmarkt. Verschiedene Studien – beispielsweise von McKinsey oder Avenir Suisse – gehen davon aus, dass eine Vielzahl von Jobs verschwinden wird. Neue werden dafür geschaffen. Während vor allem Beschäftigte, deren Jobs nur einfache kognitive, körperliche oder manuelle Fähigkeiten erfordern, mit einem Abbau rechnen müssen, steigt die Nachfrage in Bereichen, in denen soziale, emotionale und technologische Kompetenzen gefragt sind. Zudem verändern sich bestehende Berufe oder verschwinden ganz, während neue entstehen, an die bis vor kurzem niemand gedacht hat.

Qualifizierung

Wie in keiner Zeit der jüngeren Vergangenheit werden erwachsene Erwerbstätige mit einer lebenslangen Unsicherheit bezüglich ihrer Arbeitssituation konfrontiert sein. Für Erwerbstätige ohne Berufsabschluss oder mit einem Abschluss, der nicht mehr gefragt ist, heisst das: Eine berufliche Qualifizierung ist die einzige Möglichkeit, ihre Arbeitsmarktfähigkeit zu erhalten.

In seiner Vision «Berufsbildung 2030», die bereits 2016 lanciert wurde und deren Leitbild im vergangenen Jahr verabschiedet wurde, nehmen Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt diesen Gedanken auf. Die Vision rückt die Erwachsenen deutlich stärker in den Fokus. Die Berufsbildung soll in der Lage sein, auch erwachsene Personen mit oder ohne Berufsabschluss (nach-)zu qualifizieren und ihnen einen ersten oder einen neuen Berufsabschluss zu ermöglichen.

Es fehlen erwachsenengerechte Angebote

Doch das ist leichter gesagt als getan; denn die bestehenden Angebote für Erwachsene, die über den Weg einer regulären oder verkürzten Grundbildung zum Erwerb eines Berufsabschlusses führen, sind in den meisten Berufen nicht spezifisch auf die Bedürfnisse von Erwachsenen ausgerichtet. Zudem fehlen in den meisten Berufen und Regionen erwachsenengrechte Bildungsangebote, die auf die direkte Zulassung zur Abschlussprüfung vorbereiten.

Erwachsene brauchen ein flexibles System, welches ihnen einen möglichst hohen Grad der Selbststeuerung erlaubt. Sie haben schliesslich noch andere Aufgaben zu erledigen als zu lernen, 75 Prozent der Erwachsenen ohne Berufsabschluss sind berufstätig, haben vielleicht Familie, sind auf ein regelmässiges Einkommen angewiesen und verfügen nur über begrenzte Zeitreserven. Zudem brauchen sie vieles, das in der Ausbildung von Jugendlichen sinnvoll ist, nicht mehr; die Sozialisierung für ein Leben als Erwerbstätige haben sie hinter sich. Sie besitzen – hoffentlich – eine gefestigte Identität. Was Erwachsene brauchen, sind Fachkompetenzen, die sie sich dann aneignen können, wenn es sie sie brauchen.

Weiterbildung als Vorbild

Ein Berufsbildungssystem für Erwachsene muss deshalb eher nach Konzepten der Weiterbildung ausgestaltet werden als in Anlehnung an das bestehende Modell für Jugendliche. Das verlangt nicht zuletzt auch Zugeständnisse der Branchenverbände, die über Qualifizierungswege neu nachdenken müssen. Dass zudem über ein Finanzierungssystem nachgedacht werden muss, das auch Erwachsenen ohne die nötigen finanziellen Ressourcen eine Ausbildung ermöglichen, ist beinahe selbstredend. Einen ersten Schritt haben die Kantone im Januar 2018 unternommen. Sie haben entschieden, dass die direkten Kosten für die Berufsbildung, also die Kosten für die Berufsfachschule, überbetriebliche Kurse, das Qualifikationsverfahren sowie die Beratung, übernommen werden. Das grosse ungelöste Problem bleiben die indirekten Kosten, vor allem der Lohnausfall während der Ausbildung. Branchenfonds oder Gesamtarbeitsverträge bieten Möglichkeiten zur Mitfinanzierung. Diese werden aber bisher nicht ausreichend für den Berufsabschluss für Erwachsene genutzt. Die Weichen sind wohl gestellt. Aber der Zug in Richtung Nachholbildung für Erwachsene muss erst noch in Fahrt kommen.

Dieser Artikel ist zuerst in der Handelszeitung am 21. November 2019 erschienen.

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Die Berufsbildung für Erwachsene braucht mehr Dampf. (Bild: Pixabay)