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"Qualitätsentwicklung ist immer auch ein Stück Organisationsentwicklung"

  • 25.04.2019

Seit dem 1. April ist Ueli Bürgi Geschäftsstellenleiter eduQua und zuständig für Qualitätssicherung und -entwicklung. Zu seinen Hauptaufgaben wird die Revision der Normen beim Qualitätslabel gehören. Wir haben mit Ueli Bürgi über Qualität, die Revision und den Wert eines Zertifikats gesprochen.

Interview Ronald Schenkel

Was bedeutet Qualität für Sie?
Ueli Bürgi: Qualität hat für mich sehr viel zu tun mit erfüllten Erwartungen. Die Ansprüche an Qualität sind aber immer subjektiv oder zumindest gesellschaftlich geprägt. Sie müssen deshalb definiert oder vereinbart werden. Qualität in meiner Arbeit wiederum bedeutet, genau hinzuschauen. Das heisst, am Anfang eines Projekts oder einer Aufgabe zu klären, worum es geht und was für alle Beteiligten ein gutes Resultat wäre. Am Ende muss überprüft werden, ob die Ziele erreicht wurden und ob das Vorgehen passend war. Und man sollte aus dem Prozess lernen.

In der Arbeit gehen Sie also reflektierter mit dem Qualitätsanspruch um als im Alltag?
Es hat etwas zu tun mit einem bewussten Herangehen. Und auch das Innehalten und Überprüfen, was man da eigentlich tut, ist mir wichtig.

Qualität ist ein Massstab, um Arbeit zu beurteilen, aber nicht der einzige. Wie wichtig ist sie Ihnen?
Ich bin jemand, der gerne genau arbeitet, der hohe Anforderungen an die eigene Arbeit und die von anderen stellt etwa in Bezug auf eine klare Sprache. Aber ich stelle das nicht über den Inhalt, beides gehört zusammen. Am Ende müssen auch Qualitätsansprüche im Verhältnis zu dem stehen, was man erreichen möchte und welche Ressourcen zur Verfügung stehen.

Und in der Weiterbildung?

Bei der Weiterbildung ist besonders, dass die Bezügerinnen und Bezüger der Dienstleistung am Erfolg entscheidend beteiligt sind. Deshalb scheint es mir wichtig, dass die Qualitätsanforderungen und die Verantwortlichkeiten gut geklärt werden. Die Kundinnen und Kunden sollen Klarheit darüber haben, was sie erwarten können und wofür der Weiterbildungsanbieter die Verantwortung übernimmt. Gleichzeitig müssen sie auch Klarheit darüber haben, wofür sie als Teilnehmende selber verantwortlich sind. Das muss ausgehandelt werden.

Sind sich Kursteilnehmende dessen tatsächlich bewusst?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Kundinnen und Kunden, die den Standpunkt vertreten, den Kurs gekauft zu haben und damit auch gleich das Abschlussdiplom. Andere kommen mit der Haltung in den Kurs, einen eigenständigen Lernprozess zu durchlaufen. Zum Teil muss man die Leute aber auch zu dieser Haltung hinführen.

Wer ist am Ende eher enttäuscht? Der Konsument oder der selbstverantwortliche Kursteilnehmende?
Bei den Anbietern, die ich kenne, kommen Personen mit einer reinen Konsumhaltung wohl nicht auf ihre Rechnung. Aber in der Regel gelingt es, die Teilnehmenden dafür zu gewinnen, dass sie sich auf einen Prozess einlassen – vor allem, wenn es um Personen geht, die sich mit dem Lernen auseinandersetzen wollen.

Sie sind Leiter Qualitätssicherung und -entwicklung. Worum geht es Ihnen zunächst? Ums Sichern oder ums Entwickeln?
Die Sicherung der Qualität in der Arbeit und in den Dienstleistungen ist für mich das naheliegende Anliegen. Wenn wir bei allem Wichtigen, was wir tun, darauf achten und auch mit geeigneten Instrumenten überprüfen, ob wir die gewünschte Qualität erreichen und entsprechende Massnahmen zur Verbesserung treffen, ist das schon sehr viel. Qualitätsentwicklung stützt sich darauf ab und geht darüber hinaus. Für die Qualitätsentwicklung braucht es bewusste Ziele und konkrete Projekte in der Organisation.

Es besteht Ihrer Meinung nach ein Kausalverhältnis zwischen Sicherung und Entwicklung. Welches aber ist die schwierigere Aufgabe?
Aus meiner Sicht ist die Qualitätsentwicklung anspruchsvoller. Qualitätsentwicklung ist immer auch ein Stück Organisationsentwicklung. Das bedeutet, die Geschäftsleitung einer Organisation muss die Qualitätsvorhaben zu ihrer eigenen Sache machen. Dann müssen die Mitarbeitenden involviert und entsprechende Ressourcen dafür bereitgestellt werden. Dazu braucht es Planung und geeignete Prozesse.

Qualitätsentwicklung als tiefgreifender Prozess also?

Als ein Veränderungsprozess. Ja.

Ein Blick auf die Bildungslandschaft: Gehört Qualitätsentwicklung heute zur Normalität oder hat man es eher mit Ausnahmeerscheinungen zu tun?
Viele Anbieter stellen sich heute diesem Prozess bewusst, auch wenn es darum geht, Abläufe zu digitalisieren. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber bei den grösseren Anbietern würde ich von einem Standard sprechen.

Welche Qualitätsaspekte können von einem Label wie eduQua gesichert werden?
Seit der letzten Revision 2012 stellt eduQua ein ganzheitliches System dar, das viele wichtige Aspekte abgedeckt: Sowohl Bildungsprozesse und das Handeln der Ausbildenden in der Lernsituation als auch Führungsprozesse. Das erlaubt einen systematischen Blick auf die Qualitätskreisläufe. Andere Labels setzen andere Akzente. EFQM zum Beispiel bezieht sich mehr auf die Prozesse in der Organisation.

Sie sagen, seit der letzten Revision sei mehr dazugekommen. Besteht die Gefahr, dass man die Labels überfrachtet?
Das ist natürlich eine Herausforderung. Man muss die Balance im Auge behalten zwischen dem Nutzen für die Anbieter und den aktuellen Anforderungen, die ein Qualitätslabel eben stellen muss.  

Sie standen bis vor Kurzem selbst im Dienst eines Anbieters, der eduQua-zertifiziert ist. Wie ist man in der Praxis mit dem Label umgegangen?
Immer besser! Wir haben gelernt. Mit der Zeit wurde in beiden Institutionen, in denen ich als Qualitätsbeauftragter mitgewirkt habe, die Überprüfung im Rahmen von eduQua immer mehr gestützt auf die realen Prozesse durchgeführt. Die Organisation hat entsprechend nicht nur das Label erreicht, sondern auch von realen Verbesserungen des Qualitätsmanagements profitiert.

Heisst das, dass das Label selbst zu einem Arbeitsinstrument geworden ist?
Ja, bestimmt. Das Label half mit, Qualitätsanstrengungen passend zur Organisation weiterzuentwickeln.

Für Organisationen müsste das eigentlich wichtiger sein als Label selbst.
Man sollte zumindest beides wollen – das Label und die Effekte, die durch den Zertifizierungsprozess ausgelöst werden können. Doch ist es natürlich eine Realität, dass die meisten Unternehmen ein Label anstreben, weil sie es brauchen – etwa für den Bezug von Subventionen. Aber im besten Fall merkt man, dass das Label eben noch viel mehr abwirft.

Es gibt einen Wettbewerb unter Qualitätslabel. Wie schwierig ist es für Anbieter zu entscheiden, welches das richtige für sie ist?
Natürlich muss sich ein Anbieter einen Überblick verschaffen und schauen, welches Label was bringt. Aber die Auswahl ist nicht so gross, dass dies für mittlere oder grosse Anbieter ein Problem darstellen würde. Entscheidend scheint mir, in welchen Märkten und Bereichen sich die Bildungsorganisation bewegt.

Sie sprechen von mittleren und grossen Anbietern. Wonach sollen sich kleine Anbieter orientieren?

Auch das hängt sehr davon ab, in welchem Bereich ein kleiner Anbieter tätig ist. Die entscheidende Frage ist, ob ein Label wie eduQua in diesem Markt eine Aussagekraft hat oder ob nicht andere Aspekte, zum Beispiel fachliche Standards, nicht eine grössere Bedeutung haben. Das Label kann aber auch dazu dienen, dass man sich als kleiner Anbieter legitimieren kann.  

Wo steht eduQua im Wettbewerb?
Mit über 1000 zertifizierten Anbietern ist eduQua auf dem Schweizer Weiterbildungsmarkt gut positioniert. Als Label für die Erwachsenenbildung besitzt es ein eigenes Profil und entspricht hervorragend den Schweizer Bedürfnissen etwa im Zusammenhang mit Subventionen. Gleichzeitig hat eduQua als Schweizer Label einen Nachteil gegenüber internationalen Zertifikaten wie zum Beispiel der ISO-Norm oder EFQM. Bei der anstehenden Revision der eduQua-Norm wird es unter anderem darum gehen, die Passung mit anderen Labels noch zu verbessern und eine gute Balance zwischen Anforderungen und Nutzen für die Anbieter zu finden.

Sie haben die Revision angesprochen. Kompatibilität mit anderen Labels ist ein Ziel dieser Revision. Andere?
Neben vielen formalen Aspekten sind es vor allem inhaltliche. Wir erleben, dass sich das Verständnis von Lernprozessen aktuell stark verändert. Digitale Lernprozesse etwa waren im Rahmen von eduQua bis jetzt kein Thema, obgleich die letzte Revision doch erst knapp zehn Jahre zurückliegt. Auch die Kompetenzorientierung muss noch stärker berücksichtigt werden oder die «agilen» Lernformen. Mit anderen Worten: Es stellen sich einige Anforderungen an die Revision, damit das Label zukunftsfähig bleibt.
 
Wenn man sich unter neuen Anbietern umschaut – etwa bei Google oder den Online-Angeboten von LinkedIn –, so sucht man vergebens nach Qualitätslabels. Könnten diese auch mal ausgedient haben?

Da sprechen Sie einen interessanten Aspekt an. Internationale Konzerne und Organisationen, besonders im IT-Bereich, haben die Tendenz sich über nationale oder internationale Normen zu stellen oder eigene Ansprüche zu definieren. Aus meiner Sicht setzt sich der SVEB hier stark dafür ein, grundlegende Qualitätsanforderungen in allen Bildungsbereichen durchzusetzen. Aber die Qualitätslabels werden sich nur halten können, wenn sie auch die neuen digital gestützten und «agilen» Lernformen sinnvoll erfassen und abbilden können.

Jetzt haben wir vor allem von Schwierigkeiten gesprochen. Worauf aber freuen Sie sich in Ihrer neuen Tätigkeit?
Der SVEB setzt sich auf einer nationalen und internationalen Ebene für die Förderung und Entwicklung der Weiterbildung ein, das ist eine neue, interessante Dimension für mich. Es freut mich sehr, dass ich zusammen mit den vielen engagierten und kompetenten Leuten beim SVEB auf dieser übergeordneten, verbands- und bildungspolitischen Ebene tätig sein kann. Besonders spannend finde ich, dass ich bei den beiden grossen Revisionsprojekten mitdenken, mitwirken und meine Erfahrungen einbringen kann, im AdA-Bereich und vor allem bei der Entwicklung der neuen eduQua-Norm.

Ueli Bürgi
Ueli Bürgi, seit dem 1. April 2019 Leiter der Geschäftsstelle eduQua und Leiter Qualität in der Weiterbildung. (Bild SVEB)

Zur Person

Ueli Bürgi war bis zu seinem Antritt beim SVEB bei der Akademie für Erwachsenenbildung aeB Schweiz als Angebotsleiter für die AdA-Angebote (Stufe 1 und 2) verantwortlich sowie bis vor kurzem als stellvertretender Geschäftsleiter auch für das Qualitätsmanagement zuständig. Zuvor war er in verschiedenen Funktionen und an verschiedenen Institutionen der Erwachsenenbildung tätig. Ueli Bürgi hat Geschichte studiert und an der aeB in Luzern den Diplomstudiengang in Erwachsenbildung absolviert. Zuletzt hat er ein Diploma of Advanced Studies in Leadership des Instituts für Angewandte Psychologie IAP der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften erworben.