Hauptinhalt

Serbien: Demokratie verlernen

  • 06.06.2018

Die demokratische Aufbruchsstimmung in Serbien nach dem Krieg wurde auch von der Erwachsenenbildung getragen. Inzwischen widmet sich diese vornehmlich der beruflichen Weiterentwicklung. Demokratiebildung findet lediglich in einer alter­nativen Szene statt, obwohl sie heute dringender wäre denn je.

*Katarina Popović, Education Permanente 2/2018

Kann man Fremdenhass, Autoritarismus und Intoleranz lernen? Die jüngeren Ereignisse und Tendenzen in Europa, der Aufstieg von Populismus und Rechtsradikalismus sowie Migrationskrise sind deutliche Beweise dafür, dass dieses «Lernen» sehr schnell passieren kann bzw. ein «Umlernen» von demokratischen und humanistischen Werten hin zum oben genannten leicht vonstatten gehen kann. Mit Blick auf den Krieg auf dem Balkan konnten wir – fast neidisch auf die Effizienz – beobachten, wie formale Bildung und Schule durch nationalistische Curricula Feindbilder geschaffen und autoritäre Denkweise verstärkt haben. Und das tun sie immer noch!

Aber auch die Erwachsenenbildung war und ist nicht unschuldig – durch nonformale und informelle Bildung inklusive Presse, Fernsehen und Social Media wurden solche Tendenzen gestärkt und Erwachsenenbildung auch für antidemokratische Ziele eingespannt.Missbrauch der Erwachsenenbildung – so könnte man dieses schamhafte Kapitel am Vorabend des Jugoslawien-Kriegs umschreiben.

Aber das Imperium schlägt zurück: Nach dem Krieg und nach der politischen Wende fand Erwachsenenbildung eine ganz neue Rolle. Nach der Instrumentarisierung zur Zeit des Sozialismus (für ideologische Zwecke des Einparteiensystems), während des Milošević-Regimes und des Krieges (für Kriegstreiberei, Nationalismus und Persönlichkeitskult) konnte sie ihre Potenziale «aktivieren» und zur Demokratisierung des Landes und der europäischen Integration beitragen. 

Pflanzen auf dürrem Feld

Die Aufgabe war gewaltig: Demokratische Traditionen waren keine vorhanden. Ansätze dazu musste man wie kostbare Pflanzen auf einem dürren Feld pflanzen. Zum einen war es wichtig, die Inhalte zu vermitteln, die auch in traditionellem Sinne zur politischen Bildung gehören – die Bevölkerung musste mit den Mechanismen und den Funktionsweisen der repräsentativen Demokratie vertraut gemacht werden, etwa mit den Gründen für die Gewaltenteilung (exekutive, legislative, Judikative), der Art und Weise, wie die Bürger die Regierung kontrollieren und zur Rechenschaft ziehen. Zum anderen war aber auch wichtig, die Zerrbilder der nationalen Geschichte, die populistischen Zwecken gedient hatten, anzusprechen und die Feindbilder abzubauen. Es ging darum, nicht nur Kenntnisse, sondern auch Werte zu vermitteln.

Man könnte von einer Art political literacy sprechen. Rechte und Pflichten der Bürger, Aktivismus, Verantwortung, kritisches Denken waren die wichtigsten Themen bei vielen Erwachsenenbildungskursen, Seminaren, Vorlesungen und anderen Veranstaltungen. In den Medien konnte man viel darüber lesen und hören, auch prominente Politiker und Intellektuelle engagierten sich für diese Art politischer Aufklärung. Vor allem waren aber die NGOs tätig, oft mit Unterstützung von internationalen Organisationen; der Europarat zum Beispiel unterstützte das Programm «Education for democratic Citizenship» und damit verbundene Initiativen massiv.

Hoffnungsschimmer

Die empfindliche Pflanze der Demokratie fing an zu wachsen und ein langer, schwieriger Prozess der Transformation des Landes begann, in dem sich Erwachsenenbildung als wesentliche Kraft erwies. Aber man beging den Fehler, der übrigens auch in manchen anderen euro­päischen Ländern zu beobachten war: politische Bildung und staatsbürgerliche Erziehung als etwas Einmaliges anzusehen, als etwas, das man in Not tut, um ein konkretes gesellschaftliches Problem zu lösen. Schien dieses Problem gelöst, trat ihre Bedeutung in den Hintergrund und man widmete sich einem anderen Bereich, der kontinuierlich an Bedeutung gewann: Weiterbildung im Kontext wirtschaftlicher Entwicklung. Damit wurde der Erwachsenen­bildung eine andere Rolle als prioritär zugeschrieben: Lernen für die Jobsuche und für die Karriere, zur Befähigung im Umgang mit neuen Technologien und zum Kampf gegen Arbeitslosigkeit.

 

Rückkehr der Ideologien

Der Leerraum, der nach dem Abbau von zahlreichen Kursen, Aktivitäten und demokratiefördernden Initiativen geblieben war, konnte nicht lang leer bleiben. Was nicht gründlich gelernt worden war – Kenntnisse, Werte und eine bestimmte Haltung –, wurden schnell wieder «verlernt». Erneut füllten die Ideen des Populismus, Nationalismus und Zentralismus das Vakuum. Die Verweigerung der Rechten, sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen, das mangelnde Verantwortungsbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger sowie deren verstärktes Vertrauen gegenüber hierarchischen Machtstrukturen und extrem autoritären Entscheidungsprozessen gewannen die Oberhand. Die nonformale und informelle Bildung – Bücher, Zeitungen, Vorträge, Social Media – fanden sich wieder in der alten Rolle: Sie sollten autokratische und patriarchalische Strukturen, repressive Prozesse, antidemokratische Entscheidungen und Vorschriften begründen, verbreiten und bestärken.

Das Fernsehen bietet seit dem Wechsel fast ausschliesslich kommerzialisierte Programme, die höchst selten einen edukativen Charakter aufweisen: Reality-Shows für unmündige Massen statt Bildung der verantwortungsvollen Bürgerinnen und Bürger.

Die empfindliche Pflanze der Demokratie vertrocknete, worauf eine paradoxe Situation entstanden ist: Einerseits ist der Bedarf nach politischer Bildung grösser denn je, weil die Demokratie sogar in ihren grundlegendsten Funktionsweisen bedroht ist. Andererseits gilt Erwachsenenbildung zur Förderung der Demokratie als ein Relikt aus alten Zeiten, als etwas Altmodisches, Nutzloses, im besten Fall als etwas Exotisches. 

Demokratie wird inzwischen als reine Formsache praktiziert. Sie besteht lediglich aus Wahlen, bei denen jede vom offiziellen Diskurs abweichende Meinung stigmatisiert wird. Plu­­ralität in der Auseinandersetzung über wichtige gesellschaftliche Themen wird als Schwäche angesehen. Die wenigen NGOs, die noch demokratiefördernde Bildung betreiben, verlieren ihre Ressourcen sowie die Unterstützung sowohl nationaler wie auch internationaler Geber, weil der Fokus auf die berufliche Bildung verschoben wurde, als wäre eine stabile, nachhaltige, inklusive wirtschaftliche Entwicklung ohne Demokratie möglich.

In der alternativen Szene

Doch die Demokratiebildung in Serbien ist nicht gänzlich verschwunden. In einer ganz neuen, alternativen Szene, die auch nonformale Erwachsenenbildung nutzt, lebt sie in freien, demokratischen, partizipativen Initiativen und Organisationsformen auf. Es handelt sich um Grassroots Civic Engagement, um basisbürgerliche Bewegungen, sei es kultureller, politischer oder künstlerischer Art. Ihre Zahl wächst. Die Aktionen sind manchmal gegen undemokratische und autoritäre Entscheidungen des Regimes gerichtet, gegen Massnahmen und Tendenzen, die die Bürger von der Teilnahme ausschliessen (z.B. neue, willkürlich errichtete Bauten in der Stadt, Vernichtungen von Stadtteilen zugunsten kommerzieller Zwecke, klandestine wirtschaftliche Absprachen, Miss­managment von öffentlichen Geldern etc.).

Diese Initiativen «von unten» erobern auch neue Räume fürs Lernen: öffentliche Plätze, Parks, Strassen, verlassene Fabriken, Stadtteile, die zur Gentrifizierung vorgesehen sind. Nichttraditionelle Lernumgebungen eignen sich für neue Lernformen, die von Bürgerinnen und Bürgern selbst initiiert, organisiert und gesteuert werden. Wichtig dabei ist, dass sich Bürgerinnen und Bürger nicht nur Kenntnisse und Informationen zu relevanten Fragen des öffentlichen Lebens erhalten (weil sie in den vom Staat kontrollierten Medien nicht vorhanden sind), sondern dass sie durch die Praxis auch selbst lernen, durch eigenes Engagement die Trans­formationsprozesse in sich selbst und in der ­Gesellschaft initiieren, steuern und erleben. Sie werden damit aktive Subjekte der Demokratiebildung. Diese Aktivitäten haben auch einen nachhaltigen Charakter, weil sie nicht nur kognitive Prozesse unterstützen und Kenntnisse verbreiten, sondern das Embodied Learning beinhalten – durch bürgerliche Aktionen wird das emotionale Lernen angeregt und das Engagement gefördert.

Die Verantwortung und aktive Rolle der Bürgerinnen und Bürger wurden durch die kollektiven Initiativen gestärkt, die Konzepte von Gemeinsamkeit, von Community und vom Bürger bekommen einen konstruktiven Charakter. Demokratie entsteht durch learning by doing. Diese Bewegungen erinnern an eine serbische «Erfindung» aus den neunziger Jahren – die Studentenbewegung Otpor (Widerstand), die durch gewaltlosen, kreativen, humorvollen Widerstand zum Sturz des Diktators Slobodan Milošević beitrug. Doch was damals eine wichtige Rolle gespielt hat, fehlt heute: die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft und der demokratischen europäischen Staaten. Die Demokratie in Serbien muss den harten Weg alleine schaffen.

KATARINA POPOVIĆ ist Professorin an der Abteilung für Andragogik (Erwachsenenbildung) der Philosophischen Fakultät der Universität Belgrad und Generalsekretärin des Internationalen Rates für Erwachsenenbildung (ICAE).

Szene in einem Belgrader Café.
Demokratiebildung ist in der serbischen Gesellschaft der Gegenwart ganz auf Bürgerinitiativen angewiesen. Der Staat untersützt sie in keiner Weise mehr. (Bild: Matteo Gariglio)

Demokratie

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe "Demokratie" der Education Permanente erschienen.

Jetzt bestellen