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Die Chefs gehören auf die Schulbank

Ringier-CEO Marc Walder kann wohl mit Fug und Recht als digital-affine Person bezeichnet werden. Er hat die Initiative «Digitalswitzerland» angestossen, mit der er das Land zu einem führenden digitalen Standort machen will. Würde es nach ihm gehen, würden die Kinder anstatt Geschichte Programmieren lernen. Auf die Schulbank setzt er sich aber auch gleich selber und nimmt dabei seine Konzernleitung mit. Jede Vorstandssitzung bei Ringier beginnt mit einer Lektion im Programmieren. Ziel der Übung ist natürlich nicht, die Chefs zu App-Entwicklern zu machen. Vielmehr sollen sie die digitale Welt verstehen – in ihrem Kern sozusagen.

Blick über den Tellerrand

Bei Ringier ist etwas im Gang, das anderen Unternehmen ebenfalls gut anstehen würde; denn viele Führungskräfte überschätzen ihre digitalen Kompetenzen schlichtweg. Gleichzeitig tun sie wenig, um sich ein Bild darüber zu machen, was sich in der digitalen Welt da draussen tatsächlich tut. Man tauscht sich auf der gleichen Hierarchieebene aus, bestätigt sich so im gegenseitigen Unwissen oder spricht allenfalls mit seinem IT-Verantwortlichen. Aber über den Tellerrand schaut man kaum.

Was ist eigentlich Digitalisierung?

Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass auch die Meinungen darüber, was Digitalisierung eigentlich bedeutet, höchst unterschiedlich sind. «Für einige ist Digitalisierung Beschleunigung, für andere mobil-flexible oder papierlose Arbeitsformen. Wieder andere denken an Social Media, Industrie 4.0, Big Data, Robotik oder künstliche Intelligenz.» Dies ist die Bilanz einer kürzlich veröffentlichte Studie, die das Institut für angewandte Psychologie der Zürcher Fachhochschule (IAP) unter 600 Schweizer Fach- und Führungskräfte durchgeführt hat. Digitalisierung ist wohl all das. Aber hat man im Bezug auf das eigene Tätigkeitsfeld und die Bedürfnisse des Unternehmens tatsächlich das Wesentliche erkannt und benannt? Das bleibt offen.

Defizite bei digitalen Kompetenzen

Die Studie «Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0» hat auch ergeben, dass etwas mehr als die Hälfte der Befragten bei ihren digitalen Kompetenzen Defizite orten und gefördert werden möchten. Sie stossen dabei in der Regel durchaus auf Wohlwollen ihrer direkten Vorgesetzte sowie der obersten Führung. Was in den meisten Unternehmen jedoch fehlt, ist eine spezifische Strategie, um unterschiedlichen digitalen Fähigkeiten von Mitarbeitenden zu begegnen. 60 Prozent der Befragten gaben an, dies in ihren Organisationen zu vermissen.

Eigentlich ist das erstaunlich, denn kein anderer Faktor sorgt für so massive und teilweise gar disruptive Veränderungen in der Arbeitswelt wie die Digitalisierung. Selbst vor Branchen macht sie nicht halt, die man landläufig noch immer als muskelgetrieben betrachtet wie beispielsweise die Bauindustrie. Doch auch auf der Baustelle geht ohne digitale Kompetenzen nichts mehr. Die digitale Weiterbildung vor allem von älteren Mitarbeitern muss deshalb zu einer zentralen Aufgabe jeder Unternehmensführung werden und sie gehört strategisch angepackt. Doch dazu müssen die Chefs eben Bescheid wissen. Sie gehören als erste auf die Schulbank. 

Ronald Schenkel, Leiter Kommunikation SVEB

Zuerst erschienen in "Fokus, Meine Zukunft", Tages-Anzeiger vom 10. Juni 2017