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«Die grössten Sorgen mache ich mir um Leute zwischen 45 und 65 Jahren»

Das Traditionsunternehmen Victorinox im Kanton Schwyz bietet seinen Mitarbeitenden eine arbeitsplatzbezogene Weiterbildung nach dem GO-Modell an. Für Robert Heinzer, Global Leiter Organisation & HR, ist diese Form der Fortbildung für einige Mitarbeiter die einzige Chance, ihren Arbeitsplatz zu behalten.

Interview Ronald Schenkel

SVEB: Am Standort Schwyz arbeiten rund 970 Personen. Bei vielen orten Sie Probleme bei den Grundkompetenzen.

Robert Heinzer: Wenn es um Lese- und Schreibschwächen oder den Umgang mit digitaler Technologie geht, sind fünf bis zehn Prozent der Belegschaft betroffen, also 50 bis 100 Personen.

Für diese Mitarbeitenden bieten Sie nun eine Weiterbildung nach dem GO-Modell an. Wie viele Personen machen da mit?

Bis zu 30 Mitarbeitende erhalten im Rahmen der Weiterbildung direkt am Arbeitsplatz die Fortbildung, die sie zur Weiterführung ihrer Tätigkeit brauchen. Sie werden dabei von Berufsschullehrern unterrichtet.

Wie ist es zu dieser Weiterbildung gekommen?

Der Kanton hat das Projekt als Pilot an uns herangetragen. Für uns bedeutet die arbeitsplatzbezogene Weiterbildung eine ideale Ergänzung zu unseren anderen Weiterbildungsangeboten.

Was glauben Sie, hat den Kanton motiviert?

Kanton und Gemeinden sind heute bezüglich Arbeit ganz anders sensibilisiert als noch vor ein paar Jahren. Damals versuchte man einfach, die Infrastruktur zu verbessern und ein paar potente Steuerzahler in den Kanton zu holen. Inzwischen ist die Einsicht gewachsen, dass es nicht allein reicht, Wohnraum zur Verfügung zu stellen, es gehört auch Arbeit dazu, um einen Kanton lebenswert zu machen.

Auch wenn es um niederschwellige Arbeitsplätze geht?


Man muss auch für diese Menschen eine Arbeit generieren. Nicht alle Personen im Kanton Schwyz haben eine akademische Ausbildung.

Die Weiterbildungsmassnahme basiert ja auf einem GO-Next-Projekt des SVEB. Das heisst, die Berufsschullehrer werden indirekt durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation finanziert. Was leistet Victorinox?

Wir stellen Arbeitsplatz und Arbeitszeit zur Verfügung.

Was überzeugt sie an dieser Form der Weiterbildung?

Wir haben es zum Teil mit 50- und 55-jährigen Mitarbeitenden zu tun. Bei diesen Leuten ist es kaum realistisch, dass sie noch eine externe Ausbildung besuchen werden. Wir glauben, den grössten Erfolg erzielen wir, wenn wir diese Mitarbeitenden direkt on the job an die neuen Erfordernisse heranführen können.

Anstatt die Leute auszubilden, könnten Sie doch auch einfach neue einstellen, welche die Skills bereits mitbringen.

Es ist unsere unternehmerische Verantwortung, uns um die Mitarbeitenden zu kümmern, die bereits bei uns sind. Wir wollen mit ihnen den Weg in die Zukunft gehen. Dazu fühlen wir uns verpflichtet.

Weiterbildung gehört für Sie also als verantwortungsvolles Unternehmen zur Kultur.

Davon sind wir überzeugt.

Sehen wir mal von der moralischen Seite ab. Wie schwierig wäre es denn, die Leute zu ersetzen?


Bei der heutigen Arbeitsmarktlage wäre das nicht sehr schwierig. Inzwischen hat sich in der Schweiz zum Glück die Haltung durchgesetzt, dass man mindestens eine Berufslehre haben muss, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Vor 20, 30 Jahren war das noch nicht so. Viele sind nach der obligatorischen Schule in eine Fabrik gegangen, um zu arbeiten. Das war eine gefährliche Haltung. Die grössten Sorgen mache ich mir deshalb um diese Leute zwischen 45 und 65, die ohne Grundausbildung einfach eine Verrichtung gelernt haben, mehr aber nicht.

Diese Leute würden Sie an die Sozialhilfe übergeben, wenn Sie sie entlassen.


Es wäre zumindest unglaublich schwierig für sie, etwas zu finden.

Bei der aktuellen Weiterbildung handelt es sich um ein Pilotprojekt. Was passiert nachher?

Wir werden den Kurs genau evaluieren. Wenn wir ihn als erfolgreich einstufen, werden wir diese Ausbildungsform fortsetzen.

Wie reagieren die Betroffenen auf das Angebot?


Den Leuten ist bewusst, dass sie grössere Schwierigkeiten haben werden, wenn sie nicht an ihrer Arbeitsmarktfähigkeit arbeiten. Sie sind entsprechend motiviert, sich zu entwickeln.

Irgendwann werden die Menschen ohne Ausbildung, von denen sie gesprochen haben, aus dem Arbeitsprozess ausscheiden. Wird man das Problem dann gelöst haben?

Nein, es werden andere kommen. Wir bewegen uns in einer Spirale. Um mithalten zu können, ist die Geisteshaltung vom lebenslangen Lernen enorm wichtig.