Hauptinhalt

„Wir werden wachsam bleiben“

Die Förderung von Grundkompetenzen tut auch hierzulande not. Trotzdem spart etwa der Kanton Zürich just in diesem Bereich. Für SVEB-Direktor Bernhard Grämiger ist dies nicht nur ein falsches Signal zum Start des Weiterbildungsgesetzes, sondern auch ein Trugschluss.

Interview Ronald Schenkel, Leiter Kommunikation

Ein Pfeiler des neuen Weiterbildungsgesetzes, das am 1. Januar in Kraft treten wird, ist die Förderung der Grundkompetenzen. Der Kanton Zürich scheint sich darum zu foutieren. Er will in den nächsten drei Jahren 5,8 Millionen Franken im Bereich der allgemeinen Weiterbildung sparen. Wird das neue Gesetz dadurch nicht als Papiertiger entlarvt?


Im Grundsatz ja. Der Entscheid des Kantons Zürich zeigt ganz klar auf, wie die Machtverhältnisse in Bezug auf die Umsetzung dieses Weiterbildungsgesetzes liegen. Der Bund und andere Stakeholder haben keine Möglichkeit, einen Kanton zur Umsetzung des Gesetzes zu zwingen. Wenn der Kanton nicht will, dann muss er nicht.

Also nicht gerade ein gute Start für das Gesetz.

Das würde ich so nicht sagen. Ob es ein guter Start ist oder nicht, das sehen wir Ende April. Bis dann müssen die Kantone beim Bund einen Antrag auf eine Leistungsvereinbarung im Bereich Grundkompetenzen stellen.

Zeichnen sich Tendenzen ab?


Ich gehe davon aus, dass ein Grossteil der Kantone das tun und die zur Verfügung stehenden Mittel auch abholen wird. Bestimmt wird es aber auch einzelne Kantone geben, die darauf verzichten.

Aber hat der Entscheid des Kantons Zürich keine Signalwirkung?


Als einer der wirtschaftlich stärksten Kantone ist Zürich bestimmt einer der prominentesten. Ich hoffe dennoch, dass andere Kantone dem Beispiel nicht folgen werden. Man muss allerdings dazu sagen, dass Zürich auch zu jenen Kantonen gehört, die in den letzten Jahren am meisten im Bereich Grundkompetenzen unternommen haben.

„800'000 erwachsene Personen in diesem Land können nicht richtig lesen und schreiben.“

 

Grundkompetenzen umfassen Rechen- und Lesefähigkeiten. Haben wir in der Schweiz damit tatsächlich ein Problem?

Wir haben ein sehr grosses Problem damit. 800'000 erwachsene Personen in diesem Land können nicht richtig lesen und schreiben. 400'000 können keine einfache Rechenaufgaben lösen und mehrere hunderttausend Personen vermögen mit einem Computer nicht richtig umzugehen. Diese Menschen laufen Gefahr, aus dem Arbeitsleben auszuscheiden oder sind bereits erwerbslos. Sie können sich weniger gut in die Gesellschaft integrieren und haben Schwierigkeiten, am kulturellen Leben teilzunehmen.

Wir rühmen uns doch eines ausgezeichneten Bildungssystems. Wie kommt es, dass so viele Menschen durch die Maschen fallen?

Viele dieser Menschen weisen lückenhafte Schulkarrieren auf, waren zum Beispiel lange krank oder sind oft umgezogen. Es ist aber auch eine Tatsache, dass viele Erwachsene das Lesen und Schreiben schlicht verlernen, weil sie diese Kompetenzen nicht nutzen, weder am Arbeitsplatz noch privat. Und schliesslich beherrschen viele Zuwanderer unsere Landessprachen nicht oder haben Schulsysteme durchlaufen, die nicht hiesigen Qualitätsstandards entsprechen.

„Die betroffenen Personen wissen mitunter gar nicht, dass sie sich weiterentwickeln sollten.“

 

Wie weit ist bei der Förderung der Grundkompetenzen tatsächlich der Staat gefordert. Handelt es sich da nicht um die Pflicht des Einzelnen, die Defizite auszuräumen?

Das Problem ist, dass im Bereich der Grundkompetenzen die Eigenverantwortung nicht funktioniert. Eigenverantwortlich handeln kann nur, wer über die notwendigen Informationen verfügt und auf ein Angebot zurückgreifen kann, das seinen Bedürfnissen entspricht. Beides ist in der Schweiz mangelhaft. Uns fehlen einerseits genügend Angebote. Andererseits fehlt es an Information: Die betroffenen Personen wissen mitunter gar nicht, dass sie sich weiterentwickeln sollten. Oftmals realisieren sie es erst, wenn sie den Job verlieren. Dieses Informationsdefizit zu beheben, obliegt dem Staat.

Ist es also gar nicht so sehr eine Frage der Angebote? Geht es in erster Linie um Information?

Nein, die Angebote fehlen tatsächlich vielerorts. Der Kanton Zürich bietet hier durchaus ein schönes Anschauungsbeispiel. Zwar weist die Stadt Zürich nach wie vor eine recht gut ausgebaute Angebotspalette auf. Richtet man aber den Blick auf die ländlichen Regionen, wird der Mangel offensichtlich.

Nehmen wir an, die Angebote werden geschaffen: Werden sie denn auch tatsächlich nachgefragt? Welche Indizien sprechen dafür?


Es genügt sicher nicht, einfach nur Angebote bereit zu stellen. Es braucht viel mehr, es braucht eine aktive Informationskampagne, Mund-zu-Mund-Propaganda. Ich bin überzeugt, dass auch in ländlichen Regionen die Nachfrage vorhanden ist. Aber man muss etwas tun, damit diese aktiviert wird.

Welche Auswirkungen haben mangelnde Grundkompetenzen auf die Gesellschaft und die Wirtschaft?


Für die Wirtschaft besteht zunächst einmal die Gefahr einer Produktivitätseinbusse. Menschen ohne die entsprechenden Grundkompetenzen sind weniger flexibel einsetzbar. Wenn zum Beispiel der Vorgesetzte krank wird, können sie nicht einspringen. Oder es kommt ein neuer Computer, eine neue Maschine, und diese Personen können sie nicht bedienen. Wir wissen auch, dass Erwachsene mit mangelnden Grundkompetenzen öfter krank sind und öfter arbeitslos werden. Das verursacht Krankheitskosten und Kosten für den Sozialstaat.

Lassen sich diese Kosten beziffern?

Vor ein paar Jahren wurde errechnet, dass allein die Lese- und Schreibschwäche in der Schweiz jährlich eine Milliarde Franken kostet. In den nächsten vier Jahren möchte der Bund nun fünfzehn Millionen Franken zur Bekämpfung der Defizite investieren. Man sieht relativ klar, dass es sich lohnt, Geld in die Hand zu nehmen.

So klar scheint dies in Zürich nicht zu sein.

Man betrachtet die Ausgaben immer noch als Kosten und nicht als Investition. Doch genau darum handelt es sich bei diesem Geld.

Sparmassnahmen der Kantone sind also letztlich ein Trugschluss?


Ja. Wenn man sich den Zusammenhang zwischen mangelnden Grundkompetenzen und der Abhängigkeit vom Sozialstaat vor Augen führt, ist es augenscheinlich, dass diese Sparmassnahme letztlich zu Mehrkosten führt. Das kann keine Lösung sein.

Sie sagen, der Beschluss Zürichs müsse nicht unbedingt eine Kettenreaktion auslösen. Wie sicher können sie sich da sein?

Natürlich herrscht zur Zeit in einer Reihe von Kantonen Spardruck. Und sparen lässt sich dort am einfachsten, wo die Lobby am schwächsten ist. Die Berufsbildung und die Tertiärbildung haben durchaus eine starke Lobby. Im Zusammenhang mit den Grundkompetenzen mussten wir jedoch einige Anstrengungen unternehmen, damit die Medien das Thema aufgreifen. Wir können also die Gefahr einer Kettenreaktion nicht einfach ausschliessen. Aber wir dürfen auch nicht zu pessimistisch sein.

Was tut der SVEB, um dem Anliegen des Weiterbildungsgesetzes Nachdruck zu verleihen?


Einerseits werden wir als Dachverband Leistungen erbringen und dazu beitragen, dass das Gesetz umgesetzt wird; wir haben Aufgaben im Bereich Information und Öffentlichkeitsarbeit. Wir werden auch aufzeigen, was Weiterbildung ist und warum sie wichtig ist. Wir werden auch im Bereich Qualitätssicherung Aufgaben übernehmen und eine koordinierende Funktion wahrnehmen. Darüber hinaus werden wir bildungspolitisch aktiv bleiben. Wir werden wachsam bleiben und darauf achten, was die Kantone tun.