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«Eine starke Zivilgesellschaft spielt gerade jetzt in der Ukraine eine wichtige Rolle»

  • 22.03.2022

Aufgrund ihrer umfassenden staatsbürgerlichen Bildung sind die Ukrainerinnen und Ukrainer aktuell in der Lage, sich selbst zu organisieren, unterschiedliche Alltagssituationen zu bewältigen, soziale Medien zu nutzen und Informationen kritisch zu bewerten. Dieser Überzeugung ist Oleg Smirnow vom IDCIR, einer ukrainischen, auf Bildung spezialisierten NGO.

Von Heini Huhtinen, zuerst erschienen im ELM Magazine | 14. März 2022

Die russische Invasion in der Ukraine hat das Leben im Land drastisch verändert. Möglicherweise sind bereits Tausende von Zivilistinnen und Zivilisten in diesem Krieg ums Leben gekommen und ausserdem haben Millionen von Flüchtlingen das Land verlassen.

Viele Ukrainerinnen und Ukrainer sind jedoch im Land geblieben und mobilisieren sich, um ihr Land zu schützen und sich gegenseitig zu helfen. Heini Huhtinen vom European Lifelong Learning Magazine konnte mit Oleg Smirnow sprechen, der für die ukrainische NGO Integration and Development Centre for Information and Research (IDCIR) arbeitet.

 

Das IDCIR konzentriert sich auf die Förderung innovativer Ansätze zur interkulturellen und Friedenserziehung. Die Mission dieser Organisation besteht darin, die Entwicklung einer offenen Zivilgesellschaft und demokratischer Beziehungen vor allem durch die formale und nicht formale Bildung von Kindern und Erwachsenen zu fördern.


«Viele Menschen in unserem Umfeld bleiben hier in Kiew und versuchen bewusst, anderen Bürgern zu helfen, insbesondere Senioren, Behinderten oder der Armee. Sie unterstützen auch diejenigen, die ihr Zuhause in anderen Teilen des Landes verliessen.»


Neben seiner Tätigkeit beim IDCIR ist Smirnow Landesgeschäftsführer des Deutschen Volkshochschul-Verbandes DVV International in der Ukraine. Er ist ausserdem Mitglied des Vorstands der EAEA, dem europäischen Verband für Erwachsenenbildung. Smirnow wohnt gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn in der Hauptstadt Kiew.

Smirnow macht sich grosse Sorgen um seine Verwandten in der Stadt Mariupol, die von den russischen Truppen belagert wird. Seit dem 1. März kann er sie nicht mehr erreichen.

Trotz dieser Situation ist das IDCIR weiterhin aktiv. Welche Aufgaben können Sie im Moment erfüllen?
Derzeit verfügen wir über ein umfangreiches Netzwerk von Mitgliedern in allen Regionen der Ukraine. Das Team hat mehrere Online-Meetings abgehalten, um zu erörtern, welche Hilfe in den diversen Gebieten benötigt wird.

Die wichtigsten Massnahmen, die in den ersten Tagen der russischen Invasion eingeleitet wurden, betrafen die psychologische Unterstützung von Lehrenden und grösseren Gemeinschaften, vor allem in den von den Militäraktionen betroffenen Gebieten. Mehrere Teammitglieder beteiligen sich an der Kommunikation mit ausländischen Organisationen und der Beschaffung humanitärer Hilfe für das Land.

Wir versuchen auch, Familien mit Kindern, die in die westlichen Regionen der Ukraine oder in andere Länder der Welt ziehen, zu unterstützen. Mehrere Mitglieder liefern während des Krieges aktiv Informationen und decken Fake News und Falschinformationen in den sozialen Medien auf.

Beim Verband DVV International mache ich mir Sorgen um die neun Partnerorganisationen, die ALE-Zentren, die über die gesamte Ukraine verstreut sind. Eines der Zentren befindet sich im besetzten Gebiet von Melitopol, und die Bevölkerung der Stadt ist in Gefahr. Einer der Gründer des dortigen Zentrums wurde am Sonntag, dem 12. März, verhaftet. Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört.

Das IDCIR setzt sich für die Förderung einer starken Zivilgesellschaft und der Demokratie in der Ukraine ein. Wie hat sich diese Arbeit Ihrer Meinung nach in den letzten Wochen bemerkbar gemacht?
Für mich ist eine starke Zivilgesellschaft in der Ukraine eine der Errungenschaften der letzten Jahrzehnte und sie spielt gerade jetzt eine wichtige Rolle. Die Menschen sind bereit, sich selbst zu organisieren, verfügen über Kommunikationsfähigkeiten, wissen, wie sie unterschiedliche praktische Situationen bewältigen, die sozialen Medien nutzen und Informationen kritisch bewerten können. Ich denke, dass dies auf mehrere Faktoren zurückzuführen ist.


«Meine wichtigste Botschaft an alle, die im Bereich der Erwachsenenbildung tätig sind, besteht darin, Kanäle zu finden, um die Bürger Russlands zu informieren und zu bilden.»


Die Behörden auf nationaler und lokaler Ebene wissen um die Rolle von Aktivistengruppen beim Aufbau eines starken Staates. Die Reform der Dezentralisierung seit 2015 hat die Übertragung von Zuständigkeiten von offiziellen Strukturen auf lokale Gemeinschaften beeinflusst.

Lokale Aktivistengruppen, die sich zu Organisationen der Zivilgesellschaft (CSOs) zusammengeschlossen haben, konnten mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten einen wichtigen Beitrag zu diesem Wandel leisten. Wir können uns auf die jungen Menschen verlassen, die kritischer, anspruchsvoller, ehrgeiziger und ergebnisorientierter sind.

Gleichzeitig unterstützen viele internationale Projekte die Diversifizierung der Aktivitäten der CSOs. Wenn Sie sich die Liste der CSOs ansehen, die das Ziel verfolgen, die Entwicklung einer demokratischen Zivilgesellschaft voranzutreiben, werden Sie beeindruckt sein. Für die meisten CSOs ist es nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern konkrete Alltagsarbeit auf verschiedenen Ebenen des Gemeinschaftslebens.

Die Entwicklung der Zivilgesellschaft wird auch auf legislativer Ebene unterstützt. Eine wesentliche Entwicklung hat meines Erachtens im Verständnis der Menschen für ihre eigene Identität als Bürgerinnen und Bürger stattgefunden. Dies hängt mit der nationalen und kulturellen Identität, der Achtung anderer Kulturen und ethnischer Gruppen, der Fähigkeit, die ukrainischen Traditionen zu bewahren, und dem Verständnis für die Bedeutung des nationalen Erinnerns und dessen Einfluss auf soziopolitische Prozesse zusammen.

Welche Botschaft möchten Sie den Erwachsenenbildungsorganisationen in ganz Europa übermitteln?
Da ich mich in einem Zustand extremer Belastung befinde und den Krieg rund um mich herum spüre, fällt es mir nicht leicht, über Bildung als einen Prozess zu sprechen, der im Grunde sehr langwierig ist und tagtäglich ein gewissenhaftes Arbeiten erfordert.

Wir erleben die Folgen davon, dass den Menschen der Zugang zu einer offenen Diskussion und zur Pflege der wichtigsten Werte der Gesellschaft verwehrt wird: Demokratie, Freiheit, Verantwortung und Partnerschaft. Dies führt dazu, dass das Wissen eingeschränkt wird, Lügen verbreitet werden und Macht und Aggression ausufern.

Meine wahrscheinlich wichtigste Botschaft an alle, die im Bereich der Erwachsenenbildung tätig sind, besteht darin, Kanäle zu finden, um die Bürgerinnen und Bürger Russlands zu informieren und zu bilden.

Unsere Bemühungen sollten darauf abzielen, Werte zu kultivieren, die es den Menschen ermöglichen, Wege zur Selbstverwirklichung und Möglichkeiten der Integration in die breitere Gesellschaft zu finden, um ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber anderen Herausforderungen wie Korruption, Intoleranz und ökologischen Fragen zu gewährleisten.

Originalbeitrag vom 14.3.22 (in Englisch)