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Wichtige Rolle der Weiterbildung in der Ukraine-Krise

  • 11.05.2022

Die durch den Krieg in der Ukraine ausgelöste Flüchtlingskrise stellt auch die Weiterbildung in der Schweiz vor grosse Herausforderungen. Doch die Institutionen wollen sich diesen stellen und sind auch in der Lage, den Geflüchteten professionelle Bildung zu vermitteln. Unser Autor Ronald Schenkel hat mit verschiedenen Akteuren gesprochen und bietet einen Überblick über Weiterbildungsangebote für Flüchtlinge mit Schutzstatus S.

Der Zürcher Sozialvorsteher Raphael Golta spricht von der grössten Flüchtlingskrise dieses Jahrhunderts. Tatsächlich haben bereits über 44'000 ukrainische Flüchtlinge in der Schweiz Asyl gefunden. Mehr werden kommen. Viele werden bleiben, für länger oder gar für immer. Die Mehrheit sind Frauen. Das Durchschnittsalter liegt bei 36. Viele sind gut ausgebildet, verfügen oft über einen Hochschulabschluss. Die Geflüchteten aus der Ukraine erhalten den Schutzstatus S und sind somit berechtigt, zu arbeiten. Wie Umfragen zeigen, möchten das viele.

Zunächst die Sprache

Damit jedoch die Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt gelingt, spielt die Erwachsenenbildung eine zentrale Rolle. Zunächst geht es um den Erwerb der lokalen Sprache: Deutsch, Französisch oder Italienisch. Später wird die Weiterbildung dafür sorgen müssen, dass die Geflüchteten sich die entsprechenden Kompetenzen oder Diplome zur Ausübung bestimmter Berufe aneignen können.

Dass dies mit der entsprechenden Professionalität geschieht, ist Guglielmo Bozzolini, Geschäftsführer des Erwachsenenbildungsinstituts ECAP, ein wichtiges Anliegen. «Flüchtlinge haben ein Recht auf professionelle Weiterbildung», sagt er mit Nachdruck und nicht von ungefähr; denn zurzeit herrscht ein gewisser Wildwuchs. 

Zurückhaltung bei ehrenamtlichen Kursen

Die Hilfsbereitschaft unter der Bevölkerung ist gross, auch was die Unterstützung beim Spracherwerb angeht. Improvisierte Kurse schiessen aus dem Boden. Die Schulen wiederum sehen sich mit Anfragen nicht nur nach Kursen, sondern auch nach Kursmaterial konfrontiert. Die ECAP hat deshalb eine Website aufgeschaltet, die ihre Bildungsangebote aufführt, welche für Personen mit S-Status zugänglich sind. Hinzu kommen Informationen zu Teilnahmebedingungen in den verschiedenen Kantonen. Diese weisen in der föderalistischen Schweiz naturgemäss deutliche Unterschiede auf. Information ist deshalb eine der wichtigsten Massnahmen, um eben diesem Wildwuchs zu begegnen. 

Guglielmo Bozzolini ist auch nicht der Einzige, der sich wegen der Freiwilligenkurse Sorgen macht. Lis Artho, Geschäftsführerin der Akrotea.ch GmbH, spricht diesen zwar nicht ihre Berechtigung ab und hält sie für einen guten Anfang. Sie befürchtet jedoch, dass den Teilnehmenden falsche Versprechungen gemacht werden. «Es ist extrem frustrierend, wenn die Leute später in einer professionellen Einstufung auf ein tieferes Niveau gesetzt werden, als sie nach einem solchen Kurs annehmen, erreicht zu haben.» Zwar seien die Freiwilligenangebote wertvoll für Menschen, die sonst nur zuhause sitzen würden. Aber es wäre viel gewonnen, wenn man diese nicht als Sprachkurse bezeichnen würde, sagt Artho. Sie selbst hat einen solchen Freiwilligenkurs organisiert, nennt ihn aber bewusst «Deutsch-Treff».

Lücken in den Gemeinden

Die Frage stellt sich jedoch, ob überhaupt ausreichend qualifizierte Bildungsangebote zur Verfügung stehen, um alle lernwilligen Flüchtlinge aus der Ukraine zu versorgen. Guglielmo Bozzolini hält das Angebot zumindest in städtischen Gebieten für ausreichend. Zusätzliche Angebote brauche es allerdings in den Gemeinden. Lis Artho, deren Institut Standorte in den Gemeinden Bülach, Illnau-Effretikon, Pfäffikon ZH, Rüti ZH und Wetzikon unterhält, berichtet tatsächlich von Engpässen. Dafür ist allerdings nicht allein die Flüchtlingswelle verantwortlich.

Mit dem Ende der pandemiebedingten Restriktionen ist die Nachfrage nach Kursen explodiert. Nun kämen zu den zusätzlichen Buchungen die ukrainischen Flüchtlinge hinzu. «Wir verzeichnen einen massiven Mangel an Kursleiterinnen und Kursleitern», sagt Lis Artho. Gleichzeitig weiss die Geschäftsführerin nicht mit Sicherheit, wie sich die Teilnehmerzahlen mittelfristig entwickeln, weshalb sie zurzeit Neuanstellungen nur mit befristeten Verträgen versieht.

Engpässe bei den Behörden

Allerdings sind manche Gemeinden noch gar nicht so weit, ukrainische Flüchtlinge Kursen zuzuweisen. Die Situation in den Asylorganisationen sei extrem angespannt, sagt Lis Artho; es fehlt auch dort an personellen Ressourcen. Guglielmo Bozzolini bestätigt dies. Allerdings gibt es Kantone, die angesichts der behördlichen Überforderung pragmatische Lösungen gesucht haben. So könnten sich beispielsweise in Bern Flüchtlinge mit S-Status selbständig zu Kursen anmelden, erklärt Bozzolini. Das sei nicht ganz unproblematisch, wirft die Geschäftsführerin von Akrotea.ch ein, denn es sei nicht ausgeschlossen, dass aufgrund der spontanen Aufnahme von Flüchtlingen in Gastfamilien eine spätere Umverteilung in andere Gemeinden unerlässlich werde. «Nehmen zum Beispiel sieben Gastfamilien in einer kleinen Gemeinde Mütter mit Kleinkindern auf, sind die Kindergärten unter Umständen ziemlich rasch am Anschlag», illustriert Artho das Problem.

Gefragt sind gemäss Bozzolini und Artho vor allem Anfängerkurse und Deutsch-Intensivkurse. Die ukrainischen Flüchtlinge zeichnen sich aber in der Regel durch einen ausgeprägten Lernwillen aus und sind schulerfahren. Akrotea.ch hat deshalb anfänglich Kurse für Ukrainerinnen und Ukrainer separat geführt, weil diese deutlich raschere Fortschritte als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler gemacht hätten. Die Lernenden aus der Ukraine hätten auch wesentlich stärker nach zusätzlichen Aufgaben gefragt, berichtet Artho. Guglielmo Bozzolini spricht sich indes für gemischte Klassen aus. Die Geflüchteten aus der Ukraine müssten rasch mit der Gesellschaft in Kontakt kommen. Das passiere auch in Kursen mit Teilnehmenden aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Geschichten.

Viele wollen arbeiten

Aber der Lernwille der Ukrainerinnen und Ukrainer ist unbestritten. «Sie wollen nicht von der Sozialhilfe abhängig sein», erklärt die Geschäftsführerin die Motivation der Geflüchteten. Das Ziel, eine feste Stelle zu finden, treibe viele an, egal, wie lange sie in der Schweiz bleiben würden. Bei Institutionen, die sich traditionell um die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten kümmern, wie etwa dem Schweizerischen Arbeiterhilfswerk Zürich (SAH Zürich), herrscht allerdings noch weitgehend Ruhe. Claudia Klingler, Bereichsleiterin Bildung und Beratung sowie stellvertretende Geschäftsführerin, berichtet, dass sie bis jetzt noch keine Zuweisungen vom Kanton bekommen hätten. Dies könne auch noch etwas dauern, schreibt die Fachstelle Integration Zürich in einer Info-Mail.

Immerhin hat der Kanton inzwischen mit einer Website – auch auf Ukrainisch ­– auf das grosse Informationsbedürfnis reagiert.

Klingler hält die Chancen, dass Flüchtlinge aus der Ukraine in der Schweiz eine Stelle finden, für mehr als nur intakt. Die Arbeitgeber seien interessiert, sagt sie. Und auch spezifische Ausbildungsangebote für besonders nachgefragte Berufe wären theoretisch vorhanden. Auf Anregung eines Arbeitgebers hat das SAH Zürich beispielsweise ein Ausbildungsprogramm für Astbest-Sanierer entwickelt. Dieses wartet allerdings noch auf die Akkreditierung des Kantons. Ohne die geht es in Zürich nicht.

Allerdings könnten gerade ukrainische Geflüchtete dank ihrer guten Vorbildung auch einen direkteren Weg in die Arbeitswelt finden. Davon geht der Verband Angestellte Schweiz aus. Zusammen mit dem Unternehmen Dynajobs stellt er den Geflüchteten eine KI-gestützte Plattform zur Verfügung, auf der einerseits Stellensuchende ihr Profil hinterlegen, andererseits Unternehmen ihre freien Stellen posten können. Dynaskills heisst die Website, die es nun auch in ukrainischer Sprache gibt.

Ukrainische Geflüchtete gegen Fachkräftemangel 

Die Künstliche Intelligenz sucht nicht nur nach Übereinstimmung zwischen Kandidatin/Kandidat und ausgeschriebener Stelle, sie ermittelt auch einen eventuellen Weiterbildungsbedarf und schlägt dank einer eigenen Datenbank entsprechende Angebote vor. Angestellte Schweiz liess das Tool vor zwei Jahren für ihre eigenen Mitglieder entwickeln. Stefan Studer, Geschäftsführer von Angestellte Schweiz, wie auch sein Partner bei Dynajobs, Tino Senoner, denken dabei nicht zuletzt an die Probleme der Schweizer Unternehmen. In vielen Branchen sei die Lage dramatisch, sagen sie. Der Fachkräftemangel spitze sich nicht allein deswegen zu, weil die Babyboomer sich aus dem Arbeitsmarkt verabschieden und die nachrückenden Generationen die Lücken nicht mehr schliessen würden. «Es ist auch kaum mehr möglich, im Ausland zu rekrutieren», sagt Senoner. 

Er glaubt, die grosse Flüchtlingswelle stehe erst noch bevor, und hält es für möglich, dass bis zu 200'000 Menschen in die Schweiz kommen könnten. Diese könnten zwar den Fachkräftemangel nicht beseitigen, aber zumindest lindern, heisst es bei Angestellte Schweiz und Dynajobs. Es liege deshalb im ureigenen Interesse der Unternehmen, die stellensuchenden Geflüchteten im Bedarfsfall weiterzubilden. Die Investition lohne sich auf jeden Fall, sagt Studer – auch wenn die Geflüchteten wieder in ihre Heimat zurückkehren. So könnten sie dank Zusatzausbildungen einen besseren Beitrag zum Aufbau ihres Landes leisten, sie blieben aber auch der Schweiz und Schweizer Unternehmen verbunden, betont Studer.

Win-win also?

Guglielmo Bozzolini vom Bildungsinstitut ECAP ist skeptisch. Bisherige Erfahrungen zeigten, dass eine Integration von Flüchtlingen in den Schweizer Arbeitsmarkt ihre Tücken hat. Nicht zuletzt geht es auch um kulturelle Unterschiede bis hin zur Art und Weise, wie man einen Lebenslauf erstellt. Aus früheren Projekten weiss Bozzolini, dass es zusätzliche Massnahmen in Form von Beratung oder Coaching braucht. Das stellt auch Tino Senoner von Dynajobs nicht in Abrede. Er formuliert es einfach positiv: «Oft kommt es darauf an, jemandem die Vorstellung zu vermitteln, dass er oder sie eine bestimmte Aufgabe erfüllen kann.» Warum, fragt Senorer, sollten beispielsweise Frauen keine Lastwagen fahren?

Wie auch immer man auf die Problematik blickt, klar ist, dass es ohne intensive Weiterbildungsbemühungen nicht gelingen wird, der Flüchtlingskrise zu begegnen. Dass dabei nicht alle Probleme über Nacht aus dem Weg geräumt werden können, ist verständlich. Die Weiterbildungsinstitutionen indes sind parat, ihre Aufgabe wahrzunehmen.

Autor: Ronald Schenkel