Contenu principal

Alltagsmathematik in einer internationalen Perspektive – Rückblick auf die Konferenz Adults Learning Mathematics 2019

  • 23.07.2019

Die jährliche Konferenz des internationalen Forums Adults Learning Mathematics (ALM) bietet Akteuren aus Forschung und Lehre aller Bildungsbereiche die Möglichkeit, ihre Forschungsergebnisse und Erfahrungen zu präsentieren, zu diskutieren und sich auszutauschen. Martina Fleischli, Projektleiterin beim SVEB und Autorin dieses Textes, hat an der Konferenz teilgenommen und einige Denkanstösse für die Schweizer Weiterbildungsgemeinschaft mit nach Hause genommen.

Text Martina Fleischli

Die diesjährige Konferenz in Lund, Schweden, widmete sich dem Thema der Förderung von Numeracy (hier: Alltagsmathematik) im digitalen Zeitalter. Plenarvorträge und Paperpräsentationen befassten sich mit dem Thema über drei Tage.


Forschungslücke zu numeralen Praktiken – Das Hamburger Numeracy Projekt

In der Erwachsenenbildung in Deutschland ist Alltagsmathematik gemäss der Universität Hamburg Teil eines «Kanons» der Grundbildung, wird aber derzeit kaum beforscht. Vor dem Hintergrund des Paradigmenwechsels von der Alphabetisierung zur Grundbildung möchte das Hamburger Numeracy Projekt diese Forschungslücke schliessen. Das Forschungsteam veröffentlicht dazu Berichte u.a. zur numeralen Praxis von vulnerablen Gruppen wie überschuldeten oder geflüchteten Personen oder Personen mit Lernschwierigkeiten.

Nützlich für die Schweiz werden die Ergebnisse des gross angelegten Forschungsprojekts sein, um Hinweise zu liefern, in welchen Situationen vulnerable Gruppen alltagsmathematische Kompetenzen anwenden und wo Förderbedarf besteht. 


Was ist Numeracy?

Über 60 Personen aus der ganzen Welt kamen nach Lund, weil sie sich in ihrer Arbeit intensiv mit Numeracy beschäftigen. Was Numeracy jedoch bedeutet und umfasst, variiert je nach Land und Bildungskontext stark. Die schwedischen Teilnehmenden verstehen darunter etwa die staatliche Förderung von Migrantinnen und Migranten in «grundlegender Schulmathematik», die holländischen Teilnehmenden verstehen unter Numeracy das Mathematikniveau auf Stufe Sek II. Während englische Forscher wie Beth Kelly oder Diane Dalby Numeracy schon lange als Handlungskompetenz im Kontext (numerate environment) betrachten, ergänzt das europäische Projekt CENF das Konzept um eine sozialtheoretische Perspektive.

Ein Konferenzteilnehmer beschrieb seine Unterscheidung von Mathematik und Numeracy als «thinking about numbers» versus «thinking with numbers».  In der Schweiz besteht indes keine Einigung darüber, was unter Alltagsmathematik verstanden wird. Das Weiterbildungsgesetz schafft zwar mit der Förderung der Grundkompetenzen Erwachsener – wozu auch die «Grundkenntnisse der Mathematik» gehören – einen Fördertatbestand. Welche Zielgruppen zu welchem Zweck wie gefördert werden, bleibt indes unklar.

Nützlich für die Schweiz könnte eine globale Definition von Alltagsmathematik sein, die verschiedene Situationen beschreibt, in der Alltagsmathematik angewendet wird. Als Beispiel könnte der Common European Numeracy Framework CENF dienen, der in einem europäischen Projekt u.a. von der Universität Utrecht entwickelt wird. Der Referenzrahmen ist als Kommunikationsinstrument gedacht und weniger als Instrument, um Niveaus und Richtwerte für die öffentliche Finanzierung zu definieren.

Individualisierung und Bedarfsorientierung dank digitaler Technologien?

Bildungsangebote der Erwachsenenbildung in Schweden sollen gemäss Gesetz individualisiert sein. Sie sollen Lerngruppen in Niveaus, Bedarfsorientierung und individuelle Begleitung der Lernenden sicherstellen. Ein Forschungsteam der Universität Linköpings unter Andreas Fejes widmete sich den Fragen, inwiefern digitale Technologien die Individualisierung in der Erwachsenenbildung sicherstellen können und welche Vor- und Nachteile sie mit sich bringen.

Ein ernüchterndes Bild zeigt sich für die zahlreichen Fernkurse, die in den letzten Jahren vorwiegend für Migrantinnen und Migranten u.a. im Bereich Numeracy angeboten wurden. Die Online-Kurse führten zu einem standardisierten und somit weniger individualisierten Unterricht.

Der Blick in Bildungsangebote der kommunalen Erwachsenenbildung und der Volkshochschulen zeigt jedoch auch auf, welche Vorteile die Verwendung von digitalen Technologien im Unterricht mit sich bringen kann. So kann beispielsweise eine grosse Gruppe unterrichtet werden, was jedoch wie bereits erwähnt die Individualisierung reduzieren kann. Jedoch bieten digitale Technologien die Möglichkeit, in einer Gruppe zu differenzieren und z.B. gemäss den Bedürfnissen der Lernenden verschiedene Übungen anzubieten. Schliesslich bieten z.B. Video-Tutorials den Vorteil, dass sie nach Bedarf wiederholt werden können.
Entscheidend für die erfolgreiche Verwendung von digitalen Technologien im Unterricht ist gemäss Fejes jedoch die gute Einführung und Schulung der Lehrpersonen.

 


Digitale Technologien im (Alltags-)Mathematikunterricht
  • Strategische Empfehlungen für die Entwicklung und den Einsatz von open educational resources (OER) im Mathematikunterricht von Erwachsenen der amerikanischen Luminary Lab (PDF).
  • Kreatives und kritisches Denken und Zusammenarbeit dank Escape Rooms. Entwicklung von Escape-Room-Übungen für den Unterricht.

 


Weitere Informationen zur Konferenz

Die Konferenz fand vom 7.-10. Juli 2019 in Lund, Schweden, statt. Sie wurde organsiert von ALM, den schwedischen Organisationen National Center for Mathematics Education (NCM, Teil der Universität Göteborg) und Adult Education in Cooperation (ViS).

 

Die diesjährige ALM befasste sich mit der Förderung von Alltagsmathematik im digitalen Zeitalter (Bild: kisspng).