Contenu principal

Im Fiat Panda zum Lebenssinn

  • 17.01.2019

Die Philosophen sind in der Weiterbildung angekommen. Nicht nur Alain de Botton, der mit seiner School of Life für Aufmerksamkeit sorgt. Auch in der Schweiz tut sich etwas. Beat C. Sauter und Harry Wolf sind Gründungs­mitglieder des Zürcher Instituts für Philosophische Praxis. Was unterscheidet sie von der Institution in London?

Philipp Schüepp, EP 4/2018

Die erste Diskussion kreist um den Wein auf dem Tisch. Er stammt aus Kalifornien, ist also um die halbe Welt gereist. Ist das schlecht? Um die Frage zu beantworten, müsste man die effektiven Produktions- und Transportemissionen studie­­ren und vergleichen, meint Imre Hofmann. Er leitet das «Café Philo», das an diesem Abend in einem kleinen, hell erleuchteten Gewerberaum mitten in Wiedikon stattfindet. Die Gruppe aus neun Personen hat sich jedoch nicht hier zusammengefunden, um über Wein zu diskutieren, sondern über das Thema «Kein Lebenssinn ohne Transzendenz (des Ego)?».

Als ich nach eineinhalb Stunden wieder auf die Strasse trete, schwirrt mir der Kopf. Nicht allein des kalifornischen Weines wegen. Als wäre die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht gewichtig genug, treibt mich der Gedanke um, ob ich nun eigentlich an einer Weiterbildung teilgenommen habe. Zur Klärung beitragen wollen Harry Wolf und Beat C. Sauter. Sie sind wie Imre Hofmann Gründungsmitglieder des Zürcher Instituts für Philosophische Praxis und treffen sich mit mir zum Gespräch.

Herr Sauter, Herr Wolf, auf Ihren Webseiten findet man Beratungen, Gruppengespräche, Seminare, Workshops: Das klingt sehr bekannt in unseren Ohren. Sind Sie eigentlich Weiterbildungs­anbieter?
Beat C. Sauter: Der Bildungsgedanke wurde in den letzten 30 Jahren einem konsequenten Effizienzgebot unterstellt. Das heisst, alles Quantifizierbare wurde dem Musischen, Künstlerischen und Schöngeistigen vorgezogen. Solche Inhalte fehlen später und es ist meiner Ansicht nach eine Aufgabe der praktischen Philosophie, diese Lücke zu füllen.

Das klingt ein bisschen so, als seien Sie aus der Grundbildung in die Weiterbildung verdrängt worden?
Harry Wolf: Nein, nein, so ist es nicht. Ich bin auch immer noch mit diesem Bildungszweig verbunden. Aber für mich ist es auch eine persönliche Entscheidung: Ich bearbeite philosophische Themen lieber mit Erwachsenen.
Sauter: Ich habe über die Jahre als Lehrer an der Berufsmaturitätsschule erfahren, dass es ein sehr grosses Bedürfnis ist, Sinnfragen nachzugehen, Modelle zu besprechen, dialogisch miteinander umzugehen. Daher habe ich 2014 meine Praxis parallel zum Unterrichten eröffnet und dann später entschieden, mich vorzeitig pensionieren zu lassen und ganz in die Praxis zu wechseln. Ich wurde nicht verdrängt. Aber es ist schon so: An allen Institutionen, die auf Effizienz aus sind, werden diejenigen Fächer unter die Lupe genommen, die nicht quantifizierbar sind.

Haben denn Ihre erwachsenen Kunden nicht auch Effizienz­ansprüche?
Sauter: Wenn man eine persönliche Beratung sucht, muss man bereit sein, sich darauf einzulassen. Wenn es nur darum geht, von jemandem schnell und teuer Rat abzuholen, dann ist es denkbar, dass es nicht viel nützt.
Wolf: Ich habe nichts gegen Effizienz, aber man muss wissen, wo sie Sinn macht.
Sauter: ... und wenn es um den Lebenssinn geht, dann ist Effizienz fehl am Platz!

Womit wir beim Kern der Sache angelangt wären: der Frage nach dem Sinn des Lebens. Eine Frage, die für Multiple-Choice-Prüfungen wenig hergibt. Es geht den beiden Philosophen vor allem um Messbarkeit, wenn sie von Effizienz sprechen. «Philosophie unterrichten heisst auch, lernen zu scheitern», sagt Beat Sauter. Die Aussage deutet auf einen wesentlichen Punkt hin: Während «Erfolgreich Scheitern» problemlos als Titel eines Bestsellers der Ratgeberliteratur durchgehen könnte, dürfte er als Schulfach keine Chancen gegen Frühenglisch haben. Auf dem freien Markt der Weiterbildung sieht das anders aus. Lebenssinn als Angebot, wie funktioniert das?

Herr Wolf, auf Ihrer Webseite habe ich gelesen, die Frage nach dem Sinn des Lebens sei Ihr Spezialgebiet. Die Antwort darauf auch?
Wolf: Ich behandle auch die Antwort, aber zuerst gilt es die Frage und die Begriffe darin genau zu analysieren. Erst danach geht es um die Frage nach dem individuellen Sinn des Lebens, und da gibt es verschiedenste Antwortmöglichkeiten.

Sind Sie in Ihrer Praxis täglich mit dieser Frage konfrontiert?
Wolf:Ich bin mir gar nicht sicher, ob diese Frage bei unseren Angeboten noch im Vordergrund steht. Bei meinem «Café Philo» zu diesem Thema kam nur ein einziger Gast! Aber in der Werbung ist die Frage natürlich allgegenwärtig. Sie müssen ein Produkt mit Sinn aufladen, um es zu verkaufen.

Ein Beispiel?
Sauter: «Weil ich es mir wert bin» – ein Spruch aus der Kosmetikbranche.
Wolf: Oder bei Lebensmitteln: biologisch, vegetarisch, vegan. Das ist heute alles mit Wert aufgeladen.

Dann liegt der Lebenssinn also schon abgepackt im Einkaufs­wagen?
Wolf: In der Konsumgesellschaft bedeutet Shopping Glück. Und Glück ist auch eine Antwort auf die Sinnfrage. Früher war die Sinnfrage durch den religiösen Kosmos mit klaren Regeln, Werten und Geboten gegeben. Erst mit dem Niedergang der grossen Meta-Erzählungen musste sich das Individuum stärker der Frage nach dem Lebenssinn stellen.

Bis der Konsum als neue Meta-Erzählung dominant wurde?
Wolf: Das ist eine These, die ich in den Raum stelle. Dennoch ist das Individuum heute geforderter, denn die Vielfalt der Antworten ist gross.
Und Ihre Arbeit besteht in einer Hilfestellung bei der Auswahl?
Sauter: Einer Orientierungsmöglichkeit. Und da bietet die Philosophie einiges.

Die Orientierungshilfe, die in der Diskussionsrunde in Wiedikon verhandelt wird, ist die Transzendenz. Nicht im Sinne des Göttlichen, sondern im wörtlichen Sinne der Grenzüberschreitung. Und zwar der Grenze des eigenen Ichs. Ist ein Lebenssinn denkbar, der sich nur auf mich selbst beschränkt? «Glück durch Shopping» könnte dem nahekommen, doch wenn man bedenkt, dass gemäss der beiden Gesprächspartner jedes Produkt heute über seinen gesellschaftlichen Wert verkauft wird, stösst man auch hier schnell an eine Grenze bzw. darüber hinaus.

Das Schweizer Netzwerk für praktische Philosophie spricht in diesem Zusammenhang von einer «Ich-Ferne». Auf mein Nachfragen zum Begriff wird grosses philosophisches Geschütz aufgefahren, Platons Höhlengleichnis und Nietzsche zitiert. «Philosophie ist der Prozess der Distanzierung zu sich selber und dazu, worin man sich befindet», bringt es Harry Wolf auf den Punkt.

Und wie gehen Sie dafür konkret vor?
Wolf: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: das Zeitproblem. Durch die Beschäftigung mit philosophischen Texten, die den Begriff «Zeit» auseinandernehmen, verändern sich der Kontext und die Perspektive. Der Problemdruck nimmt ab. Danach geht es ums Zeitmanagement: Will man mehr in weniger Zeit schaffen, oder will man seine Zeit auf Dinge verteilen, die einem wichtig sind? Zweiteres ist, denke ich, die bessere Variante.

Sie sehen also schon zu Beginn einen Lösungsweg als besseren?
Wolf: Ja. Beim Philosophieren wird auch immer gewertet. Es geht aber darum, diese Wertungen zu diskutieren. Das ist die philosophische Arbeit: Wir nehmen Setzungen auseinander und schauen, was dafür- oder dagegenspricht.

Dabei haben Sie als Philosoph zu Ihrem Gegenüber einen gewissen Vorsprung. Besteht da keine Gefahr?
Wolf: Sie stellen die Qualitätsfrage. Esoterik boomt ja auch. Und ein Stück weit bewegen wir uns natürlich in einem ähnlichen Feld. Aber wir wollen den Einzelnen zur Mündigkeit bringen. Nicht die Guru-Thematik bewirtschaften.
Sauter: Oder die reine Spekulation. Vieles auf dem Markt sind unbegründete Behauptungen. Unser Qualitätsanspruch ist es, das wir nur «verkaufen», was wir auch erklären und belegen können. Unser Netzwerk besteht aus studierten Philosophinnen und Philosophen. Da leuchtet bei den Leuten natürlich der Elitarismus im Hinterkopf auf. Und dann kommt Alain de Botton und will die Philosophen aus dem Elfenbeinturm befreien. Aber die Ideen, von denen wir sprechen, erstrecken sich über die letzten dreitausend Jahre. Sie sind es wert, phylogenetisch über die ganze Geschichte betrachtet zu werden! Und das lässt sich ohne Ausbildung nicht in einem profunden Sinn angehen und diskutieren.

Ist Alain de Botton ein Guru?
Wolf: Ich würde ihn nicht in diese Ecke stellen. Seine Bücher sind durchaus philosophischer Natur. Man kann sich aber fragen, wie stark seine Angebote ideologisch eingeschränkt sind.
Sauter: Alain de Botton sagt, er spiele mit der Namensgebung School of Life. Ich denke, mit dem Begriff Schule sollte man nicht spielen. Es ist natürlich legitim, Teilnehmende durch Provokation zum Denken anzuregen. Das Wort Schule verspricht Theorievermittlung und Auseinandersetzung, die Ausschreibungen der School of Life habe ich aber nicht so gelesen, sondern in der amerikanischen Healing-Form: Du hast ein Problem, ich habe die Lösung und du fühlst dich danach toll. Es hat ja auch eine riesige Liste unter den Kursen mit Statements von Besuchern, die den Kurs anpreisen. Mit so etwas würde ich nie werben. Im Sinne der Qualität ist das nicht fair, denn wenn jemand zu mir kommt, dann ist nichts versprochen.

Damit sind wir wieder bei Effizienz und Messbarkeit?
Wolf: Wir sind einfach in einer Marktwirtschaft. Man kann es kritisieren, aber es funktioniert. Alain de Botton hat gute Bücher geschrieben und konnte dank dem Erlös diese Schule aufziehen. Ich hätte auch gerne eine eigene philosophische Schule!
Sauter: Ja natürlich, aber dann würden wir die Kurse dort anders ausschreiben.
Wolf: ... aber wir haben diese Mittel nicht.

Weil Sie Ihre Angebote anders ausschreiben?
Wolf: Vielleicht. Aber wir stecken ja auch noch in den Anfängen.
Sauter: Um es ganz deutlich zu sagen: Es ist sein gutes Recht, damit Geld zu verdienen. Die Leute zahlen es ja. Man kann einen Bentley kaufen oder sich mit einem Fiat Panda zufrieden geben.

In diesem Vergleich sind Sie nun aber der Fiat Panda?
Wolf: (lacht) Vom Betrag her schon! Das Problem ist: Wir konfrontieren die Menschen mit Fragen. Da gibt es gewisse Widerstände. Und wenn man das so deklariert, dann kommen weniger Leute. Wenn man etwas verkaufen will, muss man ein Bedürfnis ansprechen und dieses beliefern.

Die Meta-Erzählung des Konsums; auch die Philosophen unter den Weiterbildungsanbietern können sich ihr nicht entziehen. Am Ende des Café Philo drücken die Teilnehmenden Imre Hofmann zwanzig Franken für Gespräch und kalifornischen Wein in die Hand. Im Vergleich zur School of Life ein kleiner Preis. Zu Aussagen über die Inhalte und Ansätze ihres berühmten Konkurrenten werden sich Harry Wolf und Beat C. Sauter nicht hinreissen lassen. Das Marketing und der Erfolg der Institution von Alain de Botton bergen aber unbestreitbar Faszination und Stein des Anstosses. Und es wird klar: Die praktische Philosophie versucht einen schwierigen Spagat: Den Optimierungsgedanken der heutigen Leistungsgesellschaft als historische Erscheinung kritisch zu betrachten und gleichzeitig darin zu bestehen.

Harry Wolf (links) und Beat C. Sauter sind Gründungsmitglieder des Zürcher Instituts für Philosophische Praxis (Bild: Grafilu/SVEB).