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Berufsbildende vor neuen Herausforderungen

  • 05.09.2018

Im Leitbild Berufsbildung 2030 werden aktuelle und zukünftige Anforderungen an die berufliche Bildung definiert. Bei der Umsetzung der Strategie sind die Berufsbildenden bzw. Berufsbildungsverantwortlichen entscheidende Akteure. Welche Kompetenzen müssen die Ausbildenden für die kontinuierliche Aus- und Weiterbildung der Berufstätigen erweitern oder neu entwickeln?

von Ueli Bürgi, Education Permanente 3/2018

Die Qualifikation der Berufsbildungsverantwortlichen1 BBV und die Ausbildung der Ausbildenden AdA in der Erwachsenenbildung wurden lange Zeit völlig getrennt voneinander entwickelt. Erst 2010 wurden im Rahmen des Projektes zur Durchlässigkeit von AdA-Baukasten und dem System der BBV die gegenseitige Anerkennung von bestimmten Lehrgängen ermöglicht und Übergangsmöglichkeiten zwischen den AdA-Abschlüssen bzw. Diplomen des Bundes geschaffen2. In der Folge nahmen vor allem einige Bildungsinstitutionen der Erwachsenenbildung auch Angebote für Berufsbildner/innen in ihr Programm auf. Die Akademie für Erwachsenenbildung aeB Schweiz hat darüber hinaus Studiengänge für hauptberufliche Lehrpersonen an Berufsfachschulen und an höheren Fachschulen aufgebaut, in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Luzern PHLU. Aufgrund der langjährigen Erfahrungen an der aeB Schweiz zeigt sich deutlich, dass es neben relevanten Unterschieden auch eine Reihe von Bezügen zwischen den beiden Bereichen und viele gegenseitige Einflüsse sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Ebene gibt.

Das Leitbild Berufsbildung 2030 zeigt wesentliche Chancen und Herausforderungen für die Berufsbildung auf und formuliert zentrale strategische Leitlinien für die Aufgabe, Struktur und Qualität der beruflichen Bildung. Gestützt darauf sowie auf weitere Quellen zu den künftigen Anforderungen an das berufliche Lernen und Lehren, werden im Folgenden zentrale Kompetenzen von Berufsbildenden und Folgerungen für deren Ausbildung aufgezeigt. Dabei werden einzelne Bezüge zur Ausbildung in der Erwachsenenbildung hergestellt.

Berufsübergreifende Kompetenzen

Das Leitbild Berufsbildung 2030 legt bei der künftigen Ausrichtung der Berufsbildung ein grosses Gewicht auf die berufsübergreifenden Kompetenzen und die Allgemeinbildung. Gut qualifizierte Berufsleute brauchen mittelfristig bessere Sprachkenntnisse und mehr Kompetenzen in den Bereichen Information, Kommunikation, Technologie IKT und Nachhaltigkeit. Das Fachwissen soll noch mehr mit der Entwicklung von beruflicher Kompetenz verknüpft erworben werden. Gleichzeitig werden berufsübergreifende, transversale Kompetenzen und Soft Skills immer wichtiger. Dazu gehören das abstrakte, systemische und kritische Denken sowie die Fähigkeit, sich digital zu vernetzen (SBFI 2017, S. 8f.). Angesichts der rasanten Veränderung der relevanten Wissensbasis gewinnt auch die Lernfähigkeit an Bedeutung, im Sinne der Bereitschaft, überholtes Wissen loszulassen. Zentral geht es auch um die Fähigkeit, fachliche Aussagen zu hinterfragen und die Quellen kritisch zu prüfen, insbesondere diejenigen im Internet (SBFI 2017, S. 12f.).

Spezifische Berufsbilder werden also weiter an Bedeutung verlieren, die gemeinsamen, berufsübergreifenden Kompetenzen sollen gefördert und vermehrt in speziellen Modulen angeboten werden. Die Idee scheint interessant und innovativ. Die Herausforderung besteht in der Entwicklung von wirksamen und handlungs-orientierten Lernsettings, wie sie etwa in der Situationsdidaktik vorgeschlagen werden. Die transversalen Kompetenzen müssen in der Ausbildung von Berufsbildenden in Verknüpfung mit dem Handeln in Ausbildungssituationen aufgegriffen, erarbeitet, geübt und reflektiert werden. Die methodischen Erfahrungen aus der Erwachsenenbildung und vielen betrieblichen Trainings können dabei genutzt werden.

Digital gestützte Lernprozesse

Die digitale Transformation der Arbeitswelt und Gesellschaft führt zu grundlegenden Veränderungen in der Berufsbildung und zu neuen Anforderungen an die Ausbildung von Berufsbildenden. Der Hauptmotor der Veränderung kommt aus der Arbeits- und Lebenswelt selber und zeigt sich auch im veränderten Lernverhalten sowie dem oft hohen technologischen Stand der Studierenden. Ausbildende brauchen sowohl fachliches Wissen über technologische Veränderungen im Berufsfeld als auch didaktische Kompetenzen in aktuellen digitalen Settings beim Lernen und Lehren. Folgende Kompetenzen sind für Berufsbildende zentral:

  • Einsatz und Gestaltung von digitalen Settings, Lerngefässen und Lernformen, z.B. Formen des Blended Learnings.
  • Medienkompetenz: Kenntnisse von digitalen Medien und Tools und didaktisch sinnvoller, reflektierter Umgang damit.

Berufsbildende müssen also auch ihr technologisches Wissen erweitern. In der Ausbildung geht es zentral um die Fähigkeit, dieses Wissen mit dem didaktischen und inhaltlichen Wissen zu verbinden und wirksame Lernprozesse zu gestalten (Koehler u.a. 2013). Dies gilt in besonderem Mass in der Berufsbildung, aber auch in der Erwachsenenbildung.

In der modernen Arbeitswelt entwickeln sich zunehmend prozessorientierte Arbeitsformen.

  • Wissensaustausch und gemeinsame Lösungssuche in Netzwerken und Communities.
  • Projektartiges Arbeiten und Lernen, zeitlich und örtlich flexible Strukturen mit hohem Anteil an Selbstorganisation.

Angesichts dieser Veränderungen sollen Berufsbildende darauf vorbereitet werden, zeitlich und örtlich flexible Lerngefässe und selbstorganisierte Lernsettings zu gestalten und zu begleiten. Projekt- und netzwerkartiges Lernen kann in geeigneten Formen des Blended Learning und des kooperativen Lernens gefördert werden. Selbstständige Gruppen arbeiten räumlich getrennt in gleichzeitigen oder ungleichzeitigen virtuellen Formen. Im Präsenzlernen werden Ergebnisse ausgetauscht, vertieft, angewandt und reflektiert.

Gleichzeitig verändern sich die Rollenbilder von Ausbildenden. Die Autorität als Fachexperte/in und Lehrperson verliert an Gewicht. Lehrende werden mehr zu einem Teil der lernenden Gemeinschaft und übernehmen vor allem Aufgaben in der Lern- und Prozessbegleitung. Entscheidend ist der Aufbau von Beziehungen mit den Studierenden und die Glaubwürdigkeit und Klarheit als Lehrperson.

In der Ausbildung zum Diplom HF in Erwachsenenbildung an der aeB Schweiz gibt es langjährige und fruchtbare Erfahrungen in Selbstorganisation und projektartigem Unterricht. Neu bearbeiten die Studierenden während rund der Hälfte der Präsenzlernzeit selbst definierte Schwerpunkte in selbstorganisierten Lern- und Arbeitsgruppen, die je nach Bedarf von Fachdozierenden begleitet werden. Dieses innovative Lernsetting wird ab 2019 in allen modularisierten Diplomstudiengängen umgesetzt, sowohl für Bildungsfachleute in der Erwachsenenbildung als auch für Lehrpersonen an Höheren Fachschulen oder an Berufsfachschulen.

Die wichtigsten Aufgaben der Berufsbildung bleiben die Entwicklung der geforderten beruflichen Kompetenzen und die Integration der Berufsleute in den Arbeitsmarkt. In der Vision zur Berufsbildung 2030 wird die Wirtschafts-nähe an erster Stelle postuliert. Gleichzeitig werden aber auch die Perspektiven für die individuelle Entwicklung stark gewichtet. Auch in den Rahmenlehrplänen BBV wird das Spannungsfeld zwischen den Erwartungen der Wirtschaft und dem Ziel der persönlichen Ent-wicklung aufgezeigt (SBFI 2015, S. 5). In den grundlegenden Überlegungen zur Berufsfeld-didaktik in der höheren Berufsbildung betonen Schubiger und Rosen den Stellenwert des persönlichen Bildungswegs und der individuellen Entfaltung. Die berufliche Bildung soll im Sinne von Persönlichkeitsbildung auch eine kritische Haltung gegenüber den marktorientierten Zielen der beruflichen Qualifikation einnehmen (Schubiger & Rosen 2013, S. 13).

Dem lebenslangen Lernen kommt ein noch höherer Stellenwert zu. Dabei wird vor allem der Anspruch an die ständige Weiterentwicklung immer wichtiger. Die Anforderungen an Arbeitnehmende steigen weiter und der Druck auf eine Qualifikation auf Tertiärstufe nimmt zu. Insbesondere in der höheren beruflichen Bildung ist bei vielen Studierenden eine starke Nut-zenorientierung spürbar, die Effizienz hat einen hohen Wert. Das lebenslange Lernen kann aber auch als Chance für eigenständige Lernwege gesehen werden. Der Zukunftsforscher Stephan Sigrist betont, dass mehr Zeit für individuelle Lebensziele zur Verfügung stehen wird und notwendige Pausen im Berufsweg eingelegt werden können (SBFI 2017, S. 12).

Für die künftige Ausbildung der Berufsbildenden ist es zentral, die Kompetenzorientierung und Individualisierung des Lernens als wesentliche didaktische Prinzipien zusammenzuführen und sie wirksam umzusetzen. Die Ausbildenden an allen Lernorten sollen befähigt werden, den Rahmen sowie die angestrebten Kompetenzen klar aufzuzeigen und geeignete Formen der Überprüfung durchzuführen. Gleichzeitig brauchen die Berufsbildenden die didaktische Kompetenz, von den Ressourcen und Bedürfnissen der Studierenden auszugehen, individuelle Lernziele zu erfragen und unterschiedliche, selbstverantwortliche Lernwege zu ermöglichen. Ein grosses Repertoire an differenzierten, selbstständigkeitsfördernden Methoden und Lernarrangements wird damit noch wichtiger.

Fazit

Die beschriebenen Trends beziehen sich generell auf die Ausbildung von Berufsbildenden und müssen für die spezifischen Lehrgänge für Berufsbildnerinnen und -bildner im Betrieb und Lehrpersonen in der Grundbildung und der höheren Berufsbildung konkretisiert werden. Als Grundprinzip bleibt der «didaktische Doppeldecker» wirksam: Die beschriebenen Inhalte, Lernprozesse und Lernformen sollen in der Ausbildung erlebt und reflektiert werden, um gestützt darauf die Kompetenzen für die eigene Ausbildungstätigkeit in der Berufsbildung zu entwickeln.

 

1 Die Ausbildenden in verschiedenen Bereichen der Berufsbildung werden im Berufsbildungsgesetz als «Berufsbildungsverantwortliche» definiert. In den Rahmenlehrplänen für Berufsbildungsverantwortliche BBV legt der Bund die Berufsprofile für Berufsbildner/innen und Lehrpersonen sowie die Ziele und Inhalte der berufspädagogischen Bildung fest (SBFI 2015).
2 Ausbildende in der Erwachsenenbildung können sogenannte integrierte Lehrgänge mit AdA-Abschluss und SBFI-Diplom be­suchen, während Berufsbildende ein Ergänzungsmodul Richtung SVEB-Zertifikat Kursleiter/in oder eidg. Fachausweis Ausbilder/in absolvieren können.

- Koehler, M.J., Mishra, P., Kereluik, K., Shin, T.S. & Graham, Ch.R. (2013). The Technological Pedagogical Content 9 Knowledge Framework. In: J.M. Spector et al. (eds.) (2014). Handbook of Research on Educational Communications and Technology. © Springer Science+Business Media New York
- Schubiger, A. & Rosen, S. (2013). Manual der Berufsfelddidaktik der höheren beruflichen Bildung. Zur Entwicklung spezifischer Berufsfelddidaktiken mittels generischer Leitfragen. Hg. von Konferenz HF.
- Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI (2015), Hrsg. Rahmenlehrpläne Berufsbildungsverantwortliche. Stand 1.1.2015.
-Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI (2017), Hrsg. Berufsbildung 2030. Vision und strategische Leitlinien. Hintergrundbericht zum Leitbild.