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Besser lernen in der guten Stube

  • 12.10.2020

Bei der Grundkompetenzenförderung setzt der Kanton Zürich seit kurzem auf Lernstuben. Mit dem niederschwelligen Pilotprojekt soll eine Lücke im Angebot geschlossen werden, und es sollen auch Personen erreicht werden, die mit klassischen Schulzimmern negative Gefühle verbinden.

Thomas Mäder

Es ist hier tatsächlich fast so gemütlich wie in einer Stube. Der helle Raum im Erdgeschoss eines Verwaltungsgebäudes – vis-à-vis die Gemeindebibliothek, darüber KESB und Sozialbehörde – strahlt mit seinen Holztischen, einer Bar, vielen Grünpflanzen und Dekoration an den Wänden eine heimelige Atmosphäre aus. Befände sich dieser Raum im Zürcher Stadtzentrum, man könnte ihn für ein hippes Café halten. Tatsächlich befindet sich die Lernstube in der Zürcher Vorortsgemeinde Dübendorf und ist eine von drei ihrer Art im Kanton. Dass hier das Lernen und nicht das Kaffeetrinken im Vordergrund stehen soll, darauf deuten nur einige eher unscheinbare Details hin: «Das Lernen ist wie ein Meer ohne Ufer» steht ein Zitat von Konfuzius gleich auf mehreren kleinen Schiefertafeln geschrieben, ein grösserer Tisch ist als «Lerntisch» bezeichnet und auf der grossen Schiefertafel an der Wand ist nicht die Menükarte angebracht, sondern die Ankündigung des nächsten Workshops: «Website-Navigation – Suchbegriffe wählen und Website finden. Menüleiste und Suchfunktionen auf der Website finden. Informationen speichern.» Und gleich darunter: «Keine Vorkenntnisse nötig.»

Keine Schule bitte

Dass keine Vorkenntnisse nötig sind, um vom Angebot der Lernstube zu profitieren, ist das eigentliche Konzept. Denn das Angebot richtet sich genau an diejenigen Menschen, die üblicherweise von der Weiterbildung ausgeschlossen bleiben, weil ihnen elementare Kenntnisse in Lesen, Schreiben, Rechnen oder dem Umgang mit digitalen Hilfsmitteln fehlen. Dass diese Personen mit mangelnden Grundkompetenzen eher den Weg in eine gemütliche Lernstube als in einen Kursraum finden, davon ist Martina Alig überzeugt. Die Leiterin des Zürcher Pilotprojekts hat an einem Tisch in der Lernstube Platz genommen und sagt: «Wir wollten, das möglichst nichts hier an Schule erinnert.» Denn wer Mühe hat mit den Grundkompetenzen, hatte natürlich oft auch seine liebe Mühe in der Schule und entsprechend negative Assoziationen mit allem, was ihn oder sie daran erinnert.

Sichtlich stolz darauf, wie aus dem einstigen unscheinbaren Pausenraum ein gemütlicher Lernort geworden ist, ist auch Mariann Schwaller, die coronagerecht am Nebentisch Platz genommen hat. Die gelernte Kindergärtnerin ist so etwas wie die Gastgeberin hier; sie kennt die Klientinnen und Klienten der Lernstube alle mit Namen, unterstützt die Kursleitenden oder serviert auch einfach einmal Kaffee. Vor allem aber hat sie das Projektteam beim Aufbau der Lernstube in Dübendorf unterstützt, tauscht sich mit ihren Kolleginnen aus den anderen zwei Lernstuben in Zürich-Oerlikon und Kloten aus und ist nicht zuletzt darum besorgt, dass die Leute den Weg in die Lernstube finden.

Vorkursorisches Angebot

Wie so oft in der Grundkompetenzenförderung stehen nämlich auch die Lernstuben vor der schwierigen Aufgabe, die Zielgruppe überhaupt zu erreichen. Die Projektverantwortlichen haben Dübendorf bewusst als Standort ausgewählt, weil hier schon länger ein vom örtlichen Weiterbildungsanbieter WBK betriebener Schreibdienst besteht – ein Teil derjenigen, die hier Hilfe beim Verstehen und Verfassen von Briefen und anderen Texten in Anspruch genommen haben, sind nun zu Kundinnen und Kunden der Lernstube geworden. Ähnliche Überlegungen seien bei der Wahl der zwei anderen Lernstubenstandorte entscheidend gewesen, sagt Martina Alig. Auch dort sei darauf geachtet worden, dass die Trägerschaften und Kursanbieter gut etablierte Institutionen in der Region seien.

Die Dübendorfer Lernstube ist an drei Halbtagen in der Woche geöffnet;  zweimal pro Woche ist während dreieinhalb Stunden eine Grundkompetenzen-Lehrerin vor Ort – klassischen Unterricht erteile diese Lehrerin aber nicht, betont Mariann Schwaller. Es sei eher ein individuelles Fördern der Teilnehmenden, diese sollen sich holen können, was sie brauchen. Die einen kämen regelmässig, andere nur ab und zu. Und auch diese Niederschwelligkeit ist Teil des Konzepts.

«Es gibt sehr gute Grundkompetenzen-Kurse im Kanton Zürich – nur sind diese zum Teil nicht besonders gut besucht», erklärt Projektleiterin Martina Alig. Hier soll das niederschwellige Angebot der Lernstuben eine Lücke schliessen: Die Betroffenen sollen hier idealerweise so weit kommen, dass sie danach genügend Kompetenzen oder auch genügend Selbstvertrauen entwickeln, um einen solchen Grundkompetenzen-Kurs besuchen zu können – oder vielleicht auch nur die Freude am Lernen entdecken. Mariann Schwaller erzählt davon, wie hier kürzlich ein Workshop stattgefunden habe und gleichzeitig zwei Frauen an einem anderen Tisch ihre Deutschaufgaben machten und dabei aber immer wieder neugierig lauschten, was da in der anderen Ecke des Raums vor sich ging. Genau so solle die Lernstube funktionieren, sagt sie.

Corona verschob Projektstart

Lange gibt es die drei Zürcher Lernstuben noch nicht. Eigentlich hätten sie im Mai dieses Jahres starten sollen, doch dann kam Corona und verschob den Start auf August. Auch auf ein grosses Eröffnungsfest musste deswegen verzichtet werden. Mit einem Tag der offenen Tür am 30. Oktober (siehe unten) soll nun doch noch etwas Feierlichkeit aufkommen. Neben dem Feiern sei ein solcher Anlass aber auch wertvoll für die Vernetzung, sagt Projektleiterin Alig. Denn hauptsächlich via Vermittlungspersonen liesse sich die Zielgruppe überhaupt erreichen. Während Migrantinnen und Migranten noch vergleichsweise gut erreicht würden, sei bei Muttersprachlern mit Defiziten bei den Grundkompetenzen die Scham oft zu gross, als dass sie sich helfen lassen würden. Es bleibt zu hoffen, dass die gemütliche In-Café-Atmosphäre auch bei einigen von ihnen die Hemmschwelle zu senken vermag.

Innenansicht Lernstube Dübendorf
Heimelige Lernatmosphäre in Dübendorf
Willkomen-Schild auf Tisch der Lernstube Dübendorf

Tag der offenen Tür in der Lernstube Dübendorf

Am 30. Oktober veranstalten die drei Zürcher Lernstuben einen Tag der offenen Tür in Dübendorf. Um den Anlass Corona-konform durchführen zu können, ist eine Anmeldung erforderlich via grundkompetenzen@mba.zh.ch.

Willkomen-Schild auf Tisch der Lernstube Dübendorf