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«Cool ist, wer die dicksten Möhren im Garten hat.»

  • 24.03.2020

Für Niko Paech ist der Glaube an das stetige Wirtschaftswachstum ein fataler Irrglaube. Der Wirtschaftsprofessor fordert deshalb jedoch nicht primär die Politik, sondern die Gesellschaft auf, aktiv zu werden, sich zu wandeln und zu verzichten. Das aktuelle Bildungssystem betrachtet er auf diesem Weg eher als Hindernis. Im Interview erklärt er, welche neuen Lernorte und Lernformen es bräuchte, und lässt durchblicken, dass die Weiterbildung sowohl Teil der Lösung als auch des Problems ist.

Interview Philipp Schüepp, EP 1/2020

Die «Postwachstumsökonomie», wie sie Niko Paech fordert, beschreibt – verkürzt dargestellt – ein Wirtschaftssystem, in dem wir unser Bruttoinlandprodukt aus eigenem Antrieb halbieren. Das beinhaltet, dass wir statt 42 nur noch etwa 20 Stunden pro Woche arbeiten. In der freiwerdenden Arbeitszeit flicken wir beispielsweise unsere Jeans statt online vier neue zu bestellen und drei davon zurückzuschicken oder bauen unser eigenes Gemüse an.

Politisch haben solche Vorstellungen kein Gehör, das weiss der an der Universität Siegen lehrende Wirtschaftsprofessor, der sich auch schon mit der Grünen Partei angelegt hat, aus eigener Erfahrung. In der Gesellschaft gewinnen seine Ideen aber schrittweise an Terrain. Genau diese Veränderung in der Zivilgesellschaft ist das Ziel seiner Bemühungen. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle, sowohl im positiven wie auch im negativen Sinne.

Herr Paech, was müssen wir lernen, um in einer Wirtschaft ohne Wachstum zu bestehen?
Niko Paech: Es geht darum, dass wir uns eine Existenz zwischen der Inanspruchnahme indus­tri­eller Fremdversorgung auf der einen und der selbst zu erbrin­genden Subsistenzleistung auf der anderen Seite aufbauen. Das betrifft die eigene Produktion: Wie kann ich Nahrungsmittel an­­­bauen und sie haltbar machen? Es betrifft die Reparatur und das Upcycling. Und schliesslich auch die Gemeinschaftsnutzung: Menschen müssen sich so organisieren können, dass sie sich ein Auto, einen Rasenmäher und Werkzeuge teilen.

Das sind nicht gerade die Grundpfeiler unseres aktuellen Bildungssystems.
Nein, Generierung und Vermittlung von Wissen beschränken sich zusehends darauf, in einer global­i­­sierten Konsumgesellschaft klar­zukommen. Das heisst, manuelle Fähigkeiten, die es braucht, um Selbstversorgungsleistungen zu erbringen oder um mit mangelndem Komfort zurecht zu kommen, werden ausgemerzt. Statt­dessen wird darauf gesetzt, den Menschen anschlussfähig zu machen an die Digitalisierung, die Globalisierung – an eine Rund-um-die-Uhr-Vollversorgungs-Gesellschaft.

«Anschlussfähigkeit an die Digitalisierung» – das ist schon fast zu einem Mantra der Weiterbildung geworden. Damit ist sie Teil des Problems?
Absolut. Erwachsenenbildung macht da Sinn, wo es um die Reaktivierung der Fähigkeiten geht, deren wir uns mit dem hehren Ziel entledigt haben, die Emanzipation des Menschen darin zu begreifen, dass er keinen Arm mehr ausstrecken muss. Wir müssen zu einer gesunden Mi­schung aus eigener Mitwirkung und einem angemessenen moder­nen technischen Fortschritt zurückkehren. Und das ist auch sofort ein Bildungsauftrag.

Wie könnte dieser umgesetzt werden?
Wir brauchen neue Lernprozesse und eine neue Form von Wissen. Die Industriegesellschaft verlangt uns nichts mehr ab ausser abstraktem Wissen und Kommunikationsfähigkeit, weil wir alles, was mit materieller Produktivität zu tun hat, an Maschinen oder an die Sweatshops in Asien delegie­ren. Um aber fit für ein würdiges Leben in einer Postwachstumsökonomie zu sein, brauchen wir ganz andere Qualifikationen und Kompetenzen.

Was bedeutet das konkret?
Wir brauchen andere Lernorte: Werkstätten, landwirtschaftliche Betriebe, Orte, wo wirklich Nah­rung entsteht, wo Dinge endgefertigt oder repariert werden. Auch Notebooks natürlich! Es geht nicht darum, ins Mittelalter zurückzufallen. Aber die Entfremdung von der Physik unseres Wohlstandes ist heute so enorm, dass Menschen keinen Bezug mehr zu den Gütern und der Mate­rie haben, aus der Güter ent­stehen. Das können wir nicht über reine Kognition beherrschen. Es bedarf des Haptischen, des Ma­nu­ellen, des Handwerklichen und des Künstlerischen. Es geht also auch darum, wie sich Wis­sen manifestiert. Denn diese Fä­higkeiten lassen sich in gewisser Weise zwar durch Schrift, Sprache und Symbolik unterstützen, aber in erster Linie ist die Weitergabe abhängig davon, dass dieses Wissen gelebt wird. Ich denke da an Konzepte des Erfahrungswissens: Das ist nicht textuell, wird nicht über Symbole oder Zeichen weitergegeben und lässt sich nicht als explizites Wissen darstellen. Es ist nur über die unmittelbare soziale Inter­aktion vermittelbar.

Und dieses Erfahrungswissen haben wir verloren?
Wir haben im Zuge der Modernisierungsprozesse, die wir durchlaufen haben, alles getan, um dieses Wissen zu dezimieren – nicht bewusst, sondern unbewusst! Es ist klar, dass ein Mensch nicht mit einem Nürnberger Trichter jegliche Kompetenzen nebeneinander aufbauen und stabilisieren kann. Es gibt in der Lernforschung den Begriff der Exnovation: Ich kann irgendwann nur noch Neues aufnehmen, wenn ich Altes vergesse. Und die Zeit, die ein Mensch braucht, um Dinge zu durchdringen, ist einer totalen Verwendungskonkurrenz ausgesetzt. Ich kann nicht gleichzeitig ein Akademiker, Programmierer und Zimmermann sein. Also verdrängt Ersteres das Letztere.

Sie selbst haben sich für den Weg des Akademikers entschieden.
Ja, und ich will die Akademiker auch nicht ausrotten. Wir brauchen einen gewissen Prozentsatz an hochakademisierten Menschen. Es geht ja um Gottes Willen nicht um eine Rote-Khmer-Strategie! Es geht um eine Balance zwischen Akademikern und denen, die auch gut gebildet sind und die auf keinen Fall einen geringeren sozialen Status haben dürfen, aber die schlicht und ergreifend mit hochgekrempelten Armen auch phy­sische Arbeit verrichten. Diese Balance wird im 21. Jahrhundert viel wichtiger, als wir es uns vorstellen können.

Aber wie wird selektiert, wer hochgebildet ist und wer die Ärmel hochkrempelt?
Wir müssen den Mut haben, den Jungen nicht mehr in der Akademisierung das Blaue vom Himmel zu versprechen. Man muss daraus eine kulturelle und psychologi­-sche Aufgabe machen: Jeder Psy­chologe kann ihnen erklären, wie wichtig es unter dem Aspekt der Lebensqualität ist, sinnlich die Ergebnisse des eigenen Schaffens erfahren zu können, statt nur Teil einer völlig spezialisierten und global entfremdeten Wertschöpfungsmaschinerie zu sein. Mir geht es als Wachstumskritiker auch nicht nur darum, die Öko­sphä­re zu retten, sondern zu er­kunden, ob nicht zufälligerweise die Massnahmen, die dazu unab­dingbar sind, positive Neben­­effekte haben. Zum Beispiel die Entfremdung konstruktiv so zu wenden, dass wir damit die so­ziale Integration von Menschen stärken. Indem wir etwa sagen, cool ist nicht nur, wer einen Dok­tortitel hat, cool ist auch, wer die dicksten Möhren im Garten hat.

Derzeit steht man mit einem Doktortitel aber besser da als mit Möhren. Wir müssten nicht nur das Bildungssystem umbauen, sondern auch die daraus ent­stehenden Wertzuschreibungen?
Ich denke, wir brauchen eine Revolution des Bildungssystems. Die Akademisierung, die darin die Krönung darstellt, ist zu einem Sargnagel für die Menschheit geworden, weil sie zu einer systematischen Beunfähigung der Menschen führt. Und wir werden auch im Bildungssystem selektiv vor­gehen müssen – und ich meine damit nicht, dass wir Menschen selektieren, sondern Inhalte und Kompetenzen. Wir müssen uns fragen, ob wir zukunftsfähig wer­den oder ob wir den Traum einer bequemen White-Collar-Gesellschaft weiterträumen wollen.

Wir haben heute ganze Generationen von jungen Menschen heranwachsen lassen und haben alles dafür getan, das Dogma zu verwirklichen, das Eltern ihren Kindern seit dem 2. Weltkrieg immer vermittelt haben: Ihr sollt es besser haben als wir. Also mach bloss keine Schreinerlehre, sondern eine akademische Laufbahn oder werde CEO. So schaffen wir die Arbeit ab und lassen andere Länder für uns arbeiten. Nur, die nächste Krise muss nicht mal eine Öl- oder Finanzkrise sein. Wenn allein die durch unsere Nachfrage erfolgte Umstrukturierung des Arbeitsmarkts in Indien und China dazu führt, dass die dort entstandene Industriearbeiterklasse anfängt, sich zu organisieren, kommt es zu einer Angleichung der Löhne. Und wenn diese Löhne steigen, dann bricht auch alles zusammen. Dann erkennen wir, dass wir nicht in der Lage sind, unseren ei­genen Wohlstand zu unterfüt­tern. Es ist die wichtigste Aufgabe des Bildungssystems, das zu verhindern.

Indem sich das Bildungs­system auf eine Postwachstums­ökonomie ausrichtet?
Es braucht ein Bildungssystem, das die Menschen dazu ermächtigt, in dezentralen Reallaboren einen Schritt nach vorne zu gehen.

Damit liegt die Verantwortung für diesen gesellschaftlichen Wandel beim Individuum?
Wir können gar nicht auf gesamtgesellschaftliche Einigungsprozesse warten. Ich sage den Leuten immer: Wartet nicht auf die Politik! Als Wirtschaftswissenschafter kann ich den Menschen keine Hoffnung machen, dass ir­gendwann eine geniale, demo­kratisch gewählte Politik uns durch Rahmenbedingungen dazu bringt, das Überlebenswichtige zu tun. Denn wenn meine These nicht ganz falsch ist, dass wir durch technischen Fortschritt allein unser Wachstumsmodell von den ökologischen Schäden nicht entkoppeln können, dann heisst das, dass die Politik, wenn sie die Rahmenbedingungen für eine ökologische Überlebensfähigkeit stellen will, gar nicht anders kann, als unseren Wohlstand zu redu­zieren. Sie muss uns Restriktionen auferlegen, uns etwas antun. Wer wählt aber eine Politik, die das tut? In der ganzen Umweltpolitik hat es noch nie einen Fall gegeben, wo in einer parlamentarischen Demokratie die Regierung der Ge­sellschaft vorausgeeilt wäre.

Also muss die Gesellschaft vorauseilen?
Ja, wir können doch im Kleinen anfangen. Solange wir fröhlich, friedlich und einladend bleiben, können wir auch unter dem Radar der Politik beginnen. Ich be­treibe selbst in Oldenburg zirka zehn «Repaircafés». Die werden von niemandem gefördert. Aber ich möchte nicht darauf warten, dass die Bundesregierung in Berlin in 20 Jahren beschliesst, dass Reparatur gut ist und sich an ein Gesetz wagt. Eine virulente, aufgeklärte Zivilgesellschaft sagt sich, wir nehmen der Politik etwas Arbeit ab und kommen ihr entgegen, indem wir jetzt schon anfangen, ohne Auto zu leben usw. und damit die Ge­sellschaft inspirieren. Ich bin ein vehementer Vertreter der These, dass wir die letzten Jahrzehnte in Wissenschaft wie Politik den Fehler gemacht haben, die Verant­wortung der Zivilgesellschaft zu pulverisieren. Aber es muss die Rolle der Zivilgesellschaft sein, ein Leben mit den Restriktionen, die so schmerzhaft erscheinen, schon vorzuleben, so dass es seinen Schrecken verliert.

Beziehungsweise von einer Minderheit der Gesellschaft?
Machen wir uns doch nichts vor, es hat noch nie einen gesellschaftlichen Wandel gegeben, der nicht in einer Nische vorbereitet worden wäre. Diese Nischen werden dann glorifiziert: Denken sie an die Garage von Bill Gates oder die Werkstatt von Gottlieb Daimler. Die Geschichte des Wandels war schon immer die Geschichte einer sukzessiven Durchdringung der Gesellschaft mit Lösungen, die vorher von Avantgardisten in Nischen erprobt wurden. Und entlang dieser Tendenzen sitzt irgendwann die Politik auf. Die Politik hat sich in Deutschland daran gemacht, eine Einspeisevergütung für Windstrom zu zahlen, nachdem bereits zwei Jahrzehnte Leute, die man für verrückt erklärt hat, auf eigenes Risiko Windanlagen zusammengebaut haben. So bilden sich Ziele heraus. Indem kulturel­­le Angebote aus den Nischen heraus unterbreitet werden. Das ist ja nicht subversiv, es ist nicht gegen Gesetze, es ist nicht gewaltsam. Es ist einfach ein fröhliches Ange­bot an die Gesellschaft, nach dem Motto: Ihr jammert alle über den Kimawandel, hier sind Lösungen! Und wenn sie Mist sind, dann bitte, es war nur ein Versuch.

Und reicht diese Art des Wandels auf Grund individuellen Verzichts noch, um die Klimakatastrophe abzuwenden?
Es ist fraglich, ob es überhaupt zu einer grossen Katastrophe kommt oder ob es nicht einfach ein langsames Abrutschen ist. Das können wir gar nicht mehr wissen, weil die Welt einfach zu komplex ist und die Interaktion zwischen Technosphäre, Öko­sphäre und dem Sozialen nicht mehr auflösbar ist. Aber was man sagen kann, ist, je mehr Men­schen einüben, was in einer Krise beherrscht werden muss, desto grösser ist die Wahr­scheinlichkeit, dass der grosse Teil der Gesellschaft, der im Moment noch nicht in Resonanz zu ver­setzen ist und der sich auch nicht von der Politik bändigen lässt, im Falle einer solchen Krise nicht in Orientierungslosigkeit abdriftet. Stattdessen können sie die vorgelebten Praktiken auf­greifen, also vom Erfahrungs­wissen aus den bereits existierenden Reallaboren profitieren.

Wenn ich Sie also frage, wie Gesellschaften lernen, dann wäre Ihre Antwort zusammengefasst: über Vorbilder?
Ich bin so konservativ, dass ich wirklich an die Kraft der Vorbilder glaube. Ich stütze mich dabei aber auf kommunikationstheoretische Grundlagen. Die zeigen, dass ein Mensch vieles ablegen und umlernen kann, aber niemals die Tatsache, dass er ein soziales Tier ist, wie Peter Sloterdijk das zu sagen pflegt. Was heisst das? Er beobachtet andere und er beobachtet andere dabei, wie sie ihn beobachten. Sein Wohl und Wehen ist immer davon abhängig, wie er von anderen gesehen wird und wie er in einem kulturellen und sozialen Sinne anschlussfähig ist. Das bedeutet in einer öko­nomischen Konsequenz, dass der Mensch am ehesten in der Lage ist, etwas zu verändern, wenn er diese Veränderung bei anderen schon erkennt oder wenn er erlebt, dass die anderen in seinem sozialen System dieser Veränderung einen positiven Sinn zuweisen.

Und was bedeutet das für die Bildung?
Es bedeutet, dass die vorgelebte Alternative in der sozialen Interaktion das entscheidende Kommunikationselement ist und nicht der frontale Unterricht, wo die Lehrerin sagt: «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut, und ein guter Reparateur sei er auch noch.» Das kann man ma­chen, aber es reicht nicht aus. Wir brauchen den sozialen Raum, die Reallabore, die alternativen Lernorte, wo durch Erfahrung und Erprobung Wissen generiert  wird. Ich muss die Möglichkeit haben, Fehler zu machen, um daraus zu lernen. Das geht nur durch Handwerk, durch das Ausstrecken des Arms, der versucht, Materie in etwas zu verwandeln. Die Rückkehr zu der Erprobung von Dingen und die Rückkehr zum Einschalten von Vorbildern, diese Interaktion im doppelten Sinne, halte ich für ganz wichtig, wenn es um Nach­haltigkeit geht. Genau dort stellen wir uns doch immer die Frage: Was konsumieren wir, wie entsteht das, können wir es selber machen, können wir die Nutzungsdauer verlängern? Das ist jetzt ganz profan, aber diese Fragen erledigen sich quasi mit, wenn wir die Strategie der Orientierung am Erfahrungswissen wählen.

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Niko Paech ist seit 2018 ausserplanmässiger Professor für Plurale Ökonomie an der Universität Siegen. Er gilt als einer der be­kanntesten Wachstumskritiker Deutschlands und hat den Begriff der «Postwachs­tumsökonomie» geprägt. (Bild: Grafilu)