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Demokratie braucht Erwachsenenbildung

  • 14.06.2018

Erwachsenenbildung böte vielerlei Möglichkeiten, Demokratie zu erfahren. In einer Zeit, in der die Gesellschaft auseinanderdriftet, wäre deshalb mehr demokratische Erwachsenenbildung wünschenswert. Doch die Zeichen deuten in eine andere Richtung.

*Klaus-Peter Hufer, Education Permanente 2/2018

Es ist ein Privileg, in einer Demokratie zu leben, aber es ist auch anstrengend. Einerseits ist eine Demokratie – und hier meine ich eine offene, plurale und liberale Demokratie – die Gesellschaftsform, die ein freies, menschenwürdiges Leben ermöglicht und garantiert. Andererseits erfordert die Freiheit auch, die Freiheit der Anderen zu tolerieren, sogar auszuhalten. Vielfalt statt Eindeutigkeit, Kompromisse statt Ultimativen, Umwege statt direkte Wege, möglicherweise nur 50 Prozent statt angestrebte 100 Prozent zu akzeptieren, das alles kostet Zeit, Beharrlichkeit und Gesprächsbereitschaft.

Letztendlich lebt Demokratie vom Verständnis für ihre Alternativlosigkeit, der Einsicht in demokratische Regelungen und Entscheidungswege, dem Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger für die Einhaltung und Verteidigung der Menschenrechte und ihrer Ablehnung von Ex­tremismus, Totalitarismus und Diskriminierungen. Das versteht sich nicht von selbst, denn die Menschen werden nicht unbedingt als Demokraten geboren. Der deutsche Sozialphilosoph Oskar Negt hat den vielzitierten Satz geprägt: «Demokratie ist die einzige politisch verfasste Gesellschaftsordnung, die gelernt werden muss – immer wieder, täglich und bis ins hohe Alter hinein.» (Negt, 2010, 13, S. 174). Doch wo lernt man das? Meine Antwort: in den Foren, Seminaren und Podien der Erwachsenenbildung.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es geht dabei um Bildung, nicht um Erziehung, Manipulation oder gar Indoktrination. Der Bildungsbegriff ist ein schier unendliches Thema, oft beschrieben, oft einseitig festgelegt, oft instrumentalisiert, oft missbraucht. Zweifelsohne aber ist Bildung «vor allem Selbstbildung» (Hastedt 2012, 7). Bilden müssen sich die Menschen selbst.

Zusammenhang herstellen

Gibt es dabei «Lernziele»? Zumindest dieses: «Zusammenhang herstellen!» (Negt 2010, 207). Es geht um die «Wiederherstellung der wirklichen Zusammenhänge der Welt. Der aufgeklärte Mensch ist der diese Zusammenhänge begreifende Mensch, und das ist die Grundlage seiner Mündigkeit.» (Negt 2010, S. 211). Das ist schwer in einer Gesellschaft, die als pluralisiert, individualisiert, ja als fragmentiert beschrieben wird.
Im Zitat von Oskar Negt tauchen zwei zentrale Begriffe auf, die alles umfassen, was Bildung zugrunde liegt und wobei sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrer Veranstaltungen unterstützen soll: Aufklärung und Mündigkeit.

Die klassische Definition von Aufklärung hat Kant gegeben: «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.» (Kant 1995, 162). Diese Aussage aus dem Jahr 1784 überragt die Zeiten.

Der zweite zentrale Begriff ist Mündigkeit. In der Mündigkeit des Einzelnen erfüllt Bildung ihren Zweck. Eine wie auch immer geartete Bevormundung, Fremdbestimmung und Vorgabe von zu erreichenden Bildungs- oder Lernzielen widerspricht der Prämisse von der Mündigkeit.

So verstandene Erwachsenenbildung bietet viele Anlässe, Demokratie zu erfahren: Menschen unterschiedlicher Interessen, Herkünfte, Hintergründe und Wertvorstellungen begegnen sich, diskutieren gemeinsam Fragen wie die nach Gerechtigkeit oder Freiheit in einer Gesellschaft und die, wie weit der eine Wert geht, ohne den anderen zu gefährden. Zusammen wägt man ab, in welchem Spannungsverhältnis die Individualisierungsprozesse moderner Gesellschaften zur notwendigen Solidarität stehen, die deren ziviles Leben ermöglicht. Oder wie gestaltet sich die Zukunft einer Gesellschaft, in der Menschen bisher «fremder» Kulturen einwandern und bleiben werden?

Der Austausch von Meinungen und Argumenten, der kommunikative Diskurs – das heisst das gleichberechtigte, suchende Gespräch ohne Überwältigungen – ist eine der zentralen Arbeitsformen in der Erwachsenenbildung. Damit werden andere Meinungen kennengelernt, die eigenen Einsichten vertieft, Kenntnisse und Akzeptanz gefördert – unverzichtbare Voraussetzungen einer demokratischen Gesellschaft. Menschen, die sich ansonsten nie begegnen würden, versammeln sich unter einem gemeinsamen Thema. Das schafft Nähe und Anerkennung. Unterschiede werden deutlich, ohne dass daraus Gegnerschaften entstehen. Psychologen nennen das «Ambiguitätstoleranz». Damit ist die Fähigkeit gemeint, Mehrdeutigkeiten und Widersprüche bei Interessen, Meinungen und Handlungen zu ertragen. Das sind elementare Voraussetzungen für eine stabile Demokratie. Sie sind nötiger denn je.

Entgrenzte Zeiten

Denn wir leben in entgrenzten Zeiten, in denen unsere Gesellschaft auseinanderdriftet. Aber es bedarf eines Zusammenhalts, sollen nicht Anomie, Gleichgültigkeit und Egoismus die bestimmenden Merkmale und Handlungen der hier lebenden Menschen sein. In der Erwachsenenbildung dagegen wird in reflexiver Weise über ein verantwortungsethisches Handeln nachgedacht. Jedoch ist das Feld nicht einfach bestellt, es gibt Konflikte und Friktionen.

Vor über einem Vierteljahrhundert bereits hat der deutsch-britische Soziologe Ralf Dahrendorf in den westlichen Demokratien den Verlust der «Ligaturen» beschrieben. Das sind «tiefe kulturelle Bindungen, die Menschen in die Lage versetzen, ihren Weg durch die Welt der Optionen zu finden». (Dahrendorf 1992, S. 41). In der modernen Demokratie übernahmen diese Aufgabe beispielsweise Parteien, Kirchen und Gewerkschaften. Sie alle müssen seit Jahren einen massiven und offensichtlich unaufhaltsamen Schwund ihrer Mitglieder hinnehmen. Die Folgen für eine repräsentative Demokratie und für die Bindekräfte einer auf Humanität und sozia­len Ausgleich verpflichtete Gesellschaft sind jetzt schon erkennbar.

Es gibt gegenwärtig zwei weltweite Tendenzen, die die Arbeit öffentlich geförderter Erwachsenenbildung gefährden: Einmal wird der Staat «verschlankt», viele Einrichtungen werden privatisiert und/oder einem «Markt» übergeben. Aus dieser neoliberalen Grundhaltung heraus werden Einrichtungen aus den Bereichen Kultur, Soziales und Bildung zur Dispo­sition gestellt. Auch die Existenz öffentlich-rechtlicher Medien wird angezweifelt Erwachsenenbildung im hier beschriebenen Sinne bedarf, dieser Tendenz diametral entgegengesetzt, der öffentlichen Förderung. Wenn das Leben immer mehr betriebswirtschaftlich gedacht und in fast allen Facetten nur noch so entschieden wird, wenn nur noch der eigene ökonomische Vorteil zählt, dann bleiben Gerechtigkeit und Solidarität auf der Strecke. Die «Freiheit» wird zur Freiheit der Konsumentscheidung und der Wert wird zum Preis.

So wird der moralische Kitt für eine Gesellschaft verbraucht. Dagegen ist es eine elementare Leitidee von demokratischer Erwachsenenbildung, das Wechselverhältnis von Freiheit und Gleichheit/Gerechtigkeit auszuloten.Eine zivile Gesellschaft lebt von der wechselseitigen Anerkennung unterschiedlicher Lebensentwürfe, Kulturen und Herkunft: Diese ist aber durch Fundamentalismen, autoritäre Einstellungen und totalitäre Ideologien gefährdet. Erwachsenenbildung ist dagegen eine Anwältin für Menschenrechte und Toleranz. Insgesamt schwinden die Zentrifugalkräfte der Gesellschaft, das, was sie zusammenhält, erodiert. Wenn wir da nicht mehr demokratische Erwachsenenbildung wagen, riskieren wir, dass unsere Gesellschaft insgesamt zum Wagnis wird.

Literatur
  • Dahrendorf, Ralf: Der moderne soziale Konflikt, Stuttgart 1992.
  • Hastedt, Heiner (Hrsg.): Was ist Bildung? Eine Textanthologie, Stuttgart 2012.
  • Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, in: Immanuel Kant, Werke in sechs Bänden,   Band 6, hrsg. von Rolf Toman, Köln 1995, S. 162–170.
  • Negt, Oskar: Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, Göttingen 2010.


*Klaus-Peter Hufer, Dr. rer. pol. und phil. habil, ausser-planmässiger Professor an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen, Verfasser zahlreicher Schriften zur Erwachsenenbildung und politischen Bildung, u.a. hat er das auch in der Schweiz verbreitete Argumentationstraining gegen Stammtischparolen entwickelt.