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Der Pilz ist nur die Spitze des Myzels

  • 12.06.2019

Die Digitalisierung kann neuen Akteuren den Weg in die Weiterbildung ebnen. Zum Beispiel digitalen Schwergewichten wie Google, die das Feld überrennen könnten. Doch es gibt auch Quereinsteiger, die den Markt gar nicht einnehmen, sondern ablösen wollen.

von Philipp Schüepp, EP 2/2019

Ich mache ohne Widerrede mit: Im Kreis aufstellen und die Augen schliessen, kein Problem. Man kennt das ja, die Warm-ups, Check-ins und wie die Einstiegsübungen alle heissen. Heute beginnt keine Sitzung mehr mit schlichten Traktanden.

Auch das Austauschtreffen bei Openki beginnt mit einem Warm-up: Eine mentale Wanderung durch den eigenen Körper. «Startet bei den Zehen und wandert langsam nach oben.» Ich will gerade den Endspurt zum Scheitel ansetzen, als mich die Stimme des Moderators ins Straucheln bringt: «Jetzt spürt ihr eure Fusssohlen und geht langsam in Richtung Knöchel.» Aha, so langsam also! Dann bleibt ja noch Zeit zu erklären, was Openki eigentlich ist.

Auf den Pilz gekommen

Im Gegensatz zu den Warm-ups und Check-ins, ist Openki kein Anglizismus. «Finally!», bricht es aus mir heraus. Ausgerechnet hier, einen Stock über dem Impact Hub Zürich, wo sich Social Entrepreneurs in Coworking-Spaces gegenseitig Startup-Ideen pitchen. Aber Openki ist anders. Openki ist ukrainisch und bezeichnet einen Pilz. Oder, um ganz genau zu sein, sein Myzel; das unterirdische, bis zu mehreren Quadratkilometern weite Wurzelsystem, welches die kleinen Pilze an der Oberfläche zu einem gemeinsamen Organismus verbindet.

Die Pilze, die das Bildungsprojekt Openki miteinander verbinden will, sind wir. Und zwar um mit- und voneinander zu lernen. Das ist das Ziel von Urban Sand, der Openki 2010 mitbegründet hat: «Wir wollen einfache Tools zur Verfügung stellen, damit sich die Leute selbst organisieren können.»

Das wichtigste Werkzeug dafür ist eine Online-Plattform. Idee und Umsetzung sind bestechend einfach: Auf einer offenen Plattform kann jeder nach Kursen und Lerngruppen suchen, die bereits existieren, oder ein neues Thema vorschlagen und so weitere Interessierte, Gleichgesinnte oder auch Expertinnen und Experten dafür finden.

Sobald sich Personen zu einem Thema zusammenfinden, können sie online das Programm sowie Ort und Zeit vereinbaren, und schon poppt irgendwo eine neue Studiengruppe, ein neuer Schnupperkurs oder ein neues Seminar aus dem Boden. So entstanden bisher beispielsweise ein Singabend für alle, die nicht singen können, eine Lerngruppe zu partizipativen Organisationsstrukturen oder auch eine Einführung ins Programmieren.

Kommt die Gig-Economy?

Jeder kann auf Openki zum Kursleiter werden, jeder eine Lerngruppe starten, jeder Gastgeber sein. Der Vergleich mit bekannten Apps wie Uber oder Airbnb drängt sich auf, wo jeder zum Taxi oder Hotel werden kann. Kommt nun also die Gig-Economy auch in die Weiterbildung?

Falls ja, könnte man sich fürchten. Denn wenn aus der Carsharing-Idee ein Limousinen-Service wird, der den Privatverkehr ankurbelt und die Zwischennutzung von Privatwohnungen die Verdrängung von bezahlbarem Wohnraum nach sich zieht, was blüht dann der Weiterbildung?

«Damit haben wir uns von Anfang an auseinandergesetzt», meint Urban Sand auf die Gefahren der Uberisierung angesprochen. «Wir sind aber kein Start-up, das seine Investitionen wieder reinholen muss. Sonst wären wir schon lange an dem Punkt, wo Kurse kosten müssten.» Hinter Openki steht kein Investor, sondern viel unbezahltes Engagement und Herzblut.

Dadurch müssen weder Plattform noch Kurse einen Gewinn abwerfen. Und es ist die Grundlage für die einzige unumstössliche Forderung von Openki an die Veranstaltungen auf seiner Plattform: Es darf nur einen Richtpreis geben, eine freiwillige Spende der Teilnehmenden. Diese soll die Organisatoren für einen Teil ihres Aufwandes entschädigen, an Openki fliesst davon nichts – hier liegt der grosse Unterschied zu Uber und Airbnb.

Zwischen Aktivismus und Pragmatismus

Grund für diesen unrentablen Businessplan sind die Menschen, die hinter Openki stehen. Sie sind Quereinsteiger, die über die Digitalisierung in den Bildungsbereich drängen. Aber sie tun dies nicht, weil die Digitalisierung ihnen einen gewinnbringenden Markt öffnen würde, sondern weil sie ihnen die Verwirklichung einer Vision ermöglichen soll:

«Wir träumen von einer Gesellschaft, in der Bildung ein Teil des Alltags, selbstbestimmt und zugänglich für alle ist.»

Erster Satz der Vision und Mission von Openki

Openki will nichts geringeres, als ein alternatives Bildungssystem schaffen. Wer die Vision und Werte des Projekts liest, wird eine gewisse politische Einstellung vermuten, und eine Ablehnung gegenüber grossen Bildungsinstitutionen feststellen. Denn «selbstbestimmt» heisst nicht zuletzt auch unabhängig von einer höheren Instanz, seien dies Grosskonzerne, Schulen oder Staat. «Grosse Institutionen verfolgen andere Interessen als die Einzelnen. Sie haben eine bestimmte Agenda und ein Machtmonopol», erklärt der Mitbegründer.

Aber müssen marktorientierte Weiterbildungsanbieter nicht auch die Interessen der Einzelnen im Visier haben? Doch, aber sie seien dabei zu träge. Eine Institution muss den Bedarf an einer Weiterbildung erheben, diesen bewerten, Entscheide treffen und ein Programm entwickeln. Openki verbindet all diese Schritte: Es ist die Bedarfsanalyse und das Angebot in einem.

So weit der Grundgedanke. Doch damit dieser aufgeht, braucht die Plattform User. Nur wenn Openki in der breiten Gesellschaft ankommt, kann es die hohen Ansprüche seiner Initianten auch erfüllen. Für dieses Ziel hat das Projekt 2018 ein Lernfestival organisiert und Partnerschaften mit verschiedenen bestehenden Akteuren wie der Autonomen Schule, Gemeinschaftszentren und der Kunsthalle Zürich aufgegleist. Daneben arbeiten die Initianten vor allem an der Verbesserung des Tools selbst. Denn davon ist Urban Sand überzeugt, mehr Benutzerfreundlichkeit führt auch zu mehr Nutzern.

Flavia Fries ist skeptisch, ob die Funktionalität der Plattform alleine dafür ausreicht. Sie nutzt Openki aktiv, um sich in verschiedenen Lerngruppen Buchhaltung oder Ukulele beizubringen und unterstützt das Projekt. Damit die Plattform funktioniere, müssten die Menschen umdenken: «Heute fragt man entweder im privaten Umfeld oder sucht ein bestehendes Angebot, wenn man etwas lernen möchte. Niemand denkt daran, das Thema zuerst auf einer öffentlichen Plattform auszuschreiben und andere Interessierte dafür zu finden.»

Openki will die Bedürfnisse der Menschen ungefiltert abbilden. Aber was, wenn das Bedürfnis der heutigen Leistungsgesellschaft darin besteht, einen Kurs von einem akkreditierten Anbieter mit einem anerkannten Zertifikat abzuschliessen? Um auch das abzubilden, müsste die Plattform Richtpreis und Vision aufgeben.

Erneut drängt sich der Vergleich zu Airbnb und Uber auf: Beide haben den Schritt in die breite Gesellschaft geschafft. Nicht zuletzt aber, weil die ursprünglichen Ideen von den Userinnen und Usern schnell über Bord geworfen wurden. Kann der Schritt auch gelingen, ohne die Vision aufzugeben?

Langsamer Ausbruch aus der Bubble

Nicht auf die Schnelle, lautet die Antwort. Openki versucht bewusst langsam und organisch zu wachsen, ganz nach dem Vorbild seines namensgebenden Wurzelgebildes. Man will nicht den schnellen Hype. Vielmehr setzt man vorerst darauf, bestehende Gruppen zu finden, die bereits nach diesem Lernverständnis funktionieren, und sie auf der Plattform zu integrieren.

Das garantiert zwar, dass die Ideale des Projektes nicht zu schnell ins Wanken geraten, es begrenzt aber auch die Reichweite, wie Flavia Fries bestätigt: «Man spricht immer ein gewisses Publikum an. Wenn nur Leute wie ich die Plattform nutzen, spricht das wiederum nur ähnliche Kreise an.» Sie ist nicht nur Verfechterin der Vision von Openki, sondern als ausgebildete Juristin auch Akademikerin – noch eine Bubble, aus der man nicht leicht ausbricht.

Openkis Anspruch ist es jedoch, für alle offen zu stehen. Ob der blosse Wille dazu ausreicht, beurteilt Flavia Fries mittlerweile kritisch: «Ich hinterfrage nach zwei Jahren, ob selbstorganisiertes Lernen geeignet ist, um einen Bildungszugang zu schaffen. Viele sind noch nicht befähigt, etwas zu lernen, wenn man nur sagt: Hier kannst du dich selbst organisieren.»

Für sie wird es darum auch weiterhin Weiterbildungsinstitutionen brauchen; als Zugangspunkte und Begegnungsorte. Ergänzend dazu schafft Openki jedoch einen Lernbegriff, der nicht örtlich gebunden ist: Kurse und Lerngruppen finden nicht «bei Openki» statt, sondern irgendwo und irgendwann, unabhängig von einer Institution.

Für Flavia Fries ist dieser Gedanke unglaublich befreiend, ob die Gesellschaft aber bereits bereit dafür ist, ist eine andere Frage: «Die Vi-sion von Openki funktioniert vielleicht erst, wenn der Beruf einmal weniger Zeit einnimmt. Wenn sich die Frage stellt, wie man sich auch persönlich weiterentwickelt, ohne unbedingt mehr Geld zu haben, um ständig neue Kurse zu buchen.»

In diesem Sinne könnte Openki durchaus ein Wegweiser sein, ein Testlabor für eine mögliche Zukunft der Weiterbildung. Denn – so glaubt Fries, die sich auf Grund ihrer Leidenschaft für Lerngruppen ihren eigenen Weg in den Bildungsbereich bahnt – Selbstorganisation und kollaboratives Lernen sollten auch für grosse Anbieter immer wichtiger werden.

Sobald diese das erkennen, ist Openki für die Zusammenarbeit bereit. Denn zur Selbstorganisation und Vernetzung kann die Plattform auch innerhalb einer Institution funktionieren – gegen faire Bezahlung, dafür ohne Auflagen. So viel Businessplan muss sein, um einen Traum zu verwirklichen.

Urban Sand ist Mitbegründer von Openki. Das Bildungsprojekt will Menschen vernetzen, um von- und miteinander zu lernen. In der Pilotregion Zürich stehen dafür die Online-Plattform, Partnerschaften mit interessierten Akteuren sowie die Organisation eines Lernfestivals im Zentrum. Kontakt: urban@openki.net

Flavia Fries
ist selbstständige Lernbegleiterin, unter-stützt Openki und baut unabhängig davon die Projektgruppe «Co-Learning» auf, die sich mit selbstgesteuerten Lerngruppen auseinandersetzt. Kontakt: flavia.fries@gmx.ch

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Die Idee von Openki ist bestechend einfach: Einmal vernetzt, können alle von allen lernen (Illustration: Christina Baeriswyl).