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Die Ausweitung der Zielgruppe als logische Konsequenz

  • 11.09.2018

40 Prozent der Erwebstätigen mit Berufsabschluss bilden sich in der Schweiz beruflich nicht weiter. Die Förderstrategien von Bund und Kantonen, die sich bisher fast ausschliesslich auf Geringqualifizierte fokussieren, müssen deshalb erweitert werden. Bernhard Grämiger, SVEB-Direktor, schlägt ein auf drei Punkten beruhendes Förderprogramm vor, das im Rahmen der Berufsbildung 2030 umgesetzt werden kann.

Bernhard Grämiger, EP 3 / 2018 Berufsbildung 2030

Digitalisierung, Internationalisierung, Dienstleistungsorientierung, Flexibilisierung. Alle diese Megatrends auf dem Arbeitsmarkt haben eines gemeinsam: Sie erhöhen und verändern die Anforderungen an die Kompetenzen von Erwerbstätigen. Das ist keine neue Entwicklung – gerade technologische Fortschritte beeinflussten und veränderten seit jeher die Kompetenzanforderungen.

Neu ist, dass die Anforderungen immer rascher steigen: Die Digitalisierung verläuft exponentiell, gewinnt also laufend an Geschwindigkeit und Wirkung. Das erhöht parallel die Geschwindigkeit, mit der sich Erwerbstätige neue Kompetenzen aneignen müssen. Gefragt sind und immer wichtiger werden neben den Fachkompetenzen vor allem überfachliche Kompetenzen wie Sozialkompetenzen, Selbstkompetenzen und Methodenkompetenzen.

Es ist denn auch logisch, dass praktisch jede Studie zu den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt mit der Feststellung endet, dass lebenslanges berufliches Lernen immer wichtiger wird. Wer sich beruflich nicht laufend weiterbildet, wer nicht über die oben beschriebenen Kompetenzen verfügt, gehört schon bald zu den «Digitalisierungsverlierern» und ist stark gefährdet, aus dem Arbeitsmarkt auszuscheiden. Dies betrifft – auch das ist neu – Erwerbstätige in praktisch allen Branchen und auf allen Hierarchiestufen.

Weiterbildungsteilnahme unverändert


Wie der kürzlich veröffentlichte Bildungsbericht Schweiz 2018 (S. 289) zur Weiterbildung zeigt, haben die sich immer rascher ändernden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt und der steigende Weiterbildungsbedarf bisher nicht zu einer Erhöhung der Weiterbildungsteilnahme geführt. Die Daten zeigen deutlich, dass die Teilnahme seit über 20 Jahren auf dem gleichen Niveau verharrt.
Die Arbeitgeber, die den grossen Teil der beruflichen Weiterbildung finanzieren, sahen in den letzten zwanzig Jahren keine Veranlassung, den oben beschriebenen Entwicklungen mit erhöhten Weiterbildungsinvestitionen zu begegnen. Die Unternehmen investieren ausserdem weiterhin nur sehr selektiv in ihre Mitarbeitenden. In kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) wird nur rund ein Drittel der Mitarbeiter in ihrer Weiterbildung unterstützt, in grossen Unternehmen ist es lediglich etwas mehr als die Hälfte.

Die Zahlen aus dem Bildungsbericht zeigen zudem, dass die Erwerbstätigen (weiterhin) nicht bereit sind, die sehr selektive Weiterbildungstätigkeit ihrer Arbeitgeber durch eigene Investitionen in die berufliche Weiterbildung zu kompensieren. Nur fünf Prozent der Erwerbstätigen, die nicht von ihren Arbeitgebern unterstützt werden, nehmen selbstfinanziert an beruflicher Weiterbildung teil. Das im Weiterbildungsgesetz so hochgehaltene Prinzip der Eigenverantwortung versagt in der beruflichen Weiterbildung.

Seit vielen Jahren unverändert sind schliesslich die grossen Unterschiede der Weiterbildungsbeteiligung zwischen den unterschiedlichen Bildungsstufen. Während über 80 Prozent der Erwerbspersonen mit einem Tertiärabschluss an beruflicher Weiterbildung teilnehmen, sind es bei den Erwerbstätigen mit Berufsabschluss 60 Prozent, bei den Erwerbstätigen ohne Berufsabschluss nur 33 Prozent.

Die Kosten der Nichtteilnahme


Die oben dargelegten Zahlen zur Weiterbildungsteilnahme in Verbindung mit den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt zeigen es deutlich: Der «freie Weiterbildungsmarkt», der auf der Eigeninitiative der Unternehmen sowie der Erwerbstätigen basiert, führt zu einer Weiterbildungsteilnahme, die auf Grund der immer rascher steigenden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt deutlich zu tief liegt. Die von Arbeitsmarkt- und Bildungsexperten wie auch von Politikern gleichermassen geforderte konstante berufliche Weiterbildung ist für grosse Teile der Erwerbsbevölkerung heute keine Realität. Und es gibt bisher keine Anzeichen, dass sich an dieser Situation etwas ändern wird.

Die Folgen liegen auf der Hand und sie sind für den Wirtschaftsstandort Schweiz gravierend. Einerseits führt die ungenügende Ausnützung des volkswirtschaftlichen Lern- und Leistungspotenzials zu Kosten in Form von tieferer Produktivität und Flexibilität – und damit auch international zu Wettbewerbsnachteilen. Andererseits führt die zu geringe Weiterbildungsteilnahme von Erwerbstätigen zu sozialen Kosten in Form der Belastung der Arbeitslosenkasse. Diese Kosten verlagern sich wiederum mittelfristig in die Sozialhilfe und bleiben dort nachhaltig bestehen. Die Sozialhilfestatistik zeigt, dass die durchschnittliche Verweildauer in der Sozialhilfe in den letzten Jahren gestiegen ist. Die Schere zwischen Digitalisierungsgewinnern und -verlierern öffnet sich laufend weiter.

Es besteht bereits ein Konsens darüber, dass die «zu tiefe» Teilnahme grundsätzlich staatliche Massnahmen zur Förderung der beruflichen Weiterbildung von Erwerbstätigen rechtfertigt. Mit dem neuen Weiterbildungsgesetz und schon seit längerem mit dem Berufsbildungsgesetz sowie dem Ausländer- und Integrationsgesetz verfügt die öffentliche Hand über Grundlagen für entsprechende Fördermassnahmen.

Aktuelle Förderpolitik greift viel zu kurz


Ein Blick auf die Förderpolitik von Bund und Kantonen zeigt aber, dass der Spielraum für Interventionen nur äusserst zurückhaltend genutzt wird. Zu den wichtigsten Bemühungen von Bund und Kantonen zur Erhöhung der Weiterbildungsbeteiligung von Erwerbstätigen gehören der vom Bundesrat im 2017 beschlossene, zeitlich begrenzte Förderschwerpunkt «Grundkompetenzen am Arbeitsplatz» sowie die Initia­tiven im Bereich «Berufsabschluss für Erwachsene». Die Förderstrategien im Bereich der Integrationsförderung sowie der «allgemeinen Grundkompetenzen» richten sich teilweise ebenfalls an Erwerbstätige. Gemeinsam ist diesen Massnahmen, dass sie sich auf die Zielgruppe der Geringqualifizierten fokussieren. Dieser Fokus basiert auf der Argumentation, dass diese Zielgruppe die Unterstützung besonders nötig habe. Das ist natürlich richtig. Im Kontext der oben beschriebenen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt greift diese Förderpolitik aber entschieden zu kurz.

900'000 Erwerbstätige betroffen


Volkswirtschaftlich wesentlich bedeutender und von der Förderpoltik von Bund und Kantonen bisher ausgenommen sind die 40 Prozent der Erwerbspersonen mit einem Berufsabschluss, die sich beruflich nicht weiterbilden. Das sind rund 900'000 Erwerbstätige, die innerhalb eines Jahres weder an Kursen, Workshops und Seminaren, noch an Konferenzen oder On-the-job-Schulungen teilgenommen haben. Diese Gruppe der nicht teilnehmenden Qualifizierten ist fast dreimal so gross wie die der nicht teilnehmenden Geringqualifzierten (ca. 230'000) und deshalb allein auf Grund der Anzahl volkswirtschaftlich betrachtet ungleich bedeutsamer.

Wie oben dargelegt, ist es aussichtslos zu hoffen, dass sich die starren Weiterbildungsinvestitionsmuster der Unternehmen bald von alleine verändern werden oder die Mitarbeitenden die Verantwortung für die eigene Weiterbildung in die Hand nehmen. Der Markt wird es nicht richten. Es braucht dringend eine Ausweitung der Förderstrategien.

Ein 3-Punkte-Programm


Nach einem staatlichen Investitionsprogramm nach dem Vorbild der Finanzierung der Höheren Berufsbildung (HBB) zu rufen, wäre sicher der falsche Weg. Die Mitnahmeeffekte wären wohl beträchtlich. Es braucht vielmehr eine ganzheitliche und nachhaltige Förderstrategie, welche gezielt die Hürden zur Teilnahme an beruflicher Weiterbildung abbaut und alle Akteure, insbesondere die Unternehmen, einbezieht. Im Kern muss eine solche Strategie auf folgenden drei Elementen aufbauen:

  1. Information und Beratung ausbauen: Notwendig ist eine gezielte nationale Informations- und Beratungsoffensive. Wesentliches Element sollten dabei aufsuchende Beratungsstrategien der kantonalen Beratungsstellen sein, die auf die Bedürfnisse der berufstätigen, qualifizierten Erwachsenen ausgerichtet sind. Eine wichtige Rolle spielen zudem die Sozialpartner und die Organisationen der Arbeitswelt (OdAs), die einen direkten Draht zu den Betrieben haben und die Bedürfnisse in den einzelnen Branchen sehr gut kennen.
  2. Finanzielle Anreize schaffen: Es braucht ein finanzielles Anreizsystem, damit Betriebe vermehrt in die berufliche Weiterbildung investieren. Das System muss so ausgestaltet werden, dass bestehende Investitionen nicht verdrängt, sondern optimal ergänzt werden. Denkbar ist ein von den Unternehmen und der öffentlichen Hand gleichermassen gespiesener, nationaler Weiterbildungsfonds, welcher (in Kombination mit entsprechender Information und Beratung) effektive Anreize für Investitionen in die Weiterbildung setzt.
  3. Bildungs- und Beratungsangebot weiterentwickeln: Die Weiterbildungsanbieter sind gefordert, ihre Bildungs- und Beratungsleistungen noch stärker auf die Bedürfnisse der Unternehmen auszurichten. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen stellen spezifische Anforderungen, welche von vielen Anbietern nicht erfüllt werden. In Bezug auf die immer wichtiger werdenden überfachlichen Kompetenzen braucht es zudem eine Systematisierung sowie einen Ausbau des Weiterbildungsangebots.
Prozess Berufsbildung 2030 als Chance


Im Rahmen des Prozesses Berufsbildung 2030 hat der Bund kürzlich ein Leitbild zur Entwicklung der Berufsbildung verabschiedet. Leitlinie 1 des Leitbilds nennt die Erwachsenen explizit als Zielgruppe der Berufsbildung. Ziel sei, alle Erwachsenen ein Leben lang fit für den Arbeitsmarkt zu halten. Falls es den Verbundpartnern mit dieser Zielsetzung ernst ist, muss die Umsetzung eines Förderprogramms, wie es oben beschrieben ist, die logische Konsequenz sein.

Literatur: SKBF (2018). Bildungsbericht Schweiz 2018. Aarau:  Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung.