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Flexibel lernen heisst erwachsenengerecht lernen

  • 08.01.2019

Zu den Leitlinien des Prozesses Berufsbildung 2030 gehört die stärkere Ausrichtung der Berufsbildung auf Erwachsene. Mit dem Angebot Informa im Bereich ITK und dem Label Modell F existieren in der Schweiz Formate, welche eine erwachsenengerechte berufliche Weiterbildung oder Neuorientierung ermöglichen sollen.

von Ronald Schenkel, EP 4 / 2018

Verschiedene Studien prognostizieren für die nahe Zukunft einen hohen Umschulungs- und Weiterbildungsbedarf in weitgehend allen Branchen. So geht etwa das World Economic Forum (WEF) davon aus, dass nicht weniger als 54% aller Mitarbeitenden bis 2022 eine signifikante Umschulung und Weiterbildung benötigen. Zu den Fähigkeiten, die bis 2022 weiter an Bedeutung gewinnen, gehören laut WEF analytisches Denken und Innovation sowie aktives Lernen und Lernstrategien. Die stark zunehmende Bedeutung von Fähigkeiten wie Technologiedesign und Programmierung würden ­zudem die wachsende Nachfrage nach verschiedenen Formen der Technologiekompetenz unterstreichen. «Menschliche» Fähigkeiten wie Kreativität, Originalität und Initiative, kritisches Denken, Überzeugungskraft und Verhandlungsgeschick würden schliesslich wichtiger werden, ebenso wie Aufmerksamkeit für Details, Widerstandsfähigkeit, Flexibilität und komplexe Problemlösung. Zudem sieht das WEF eine wachsende Nachfrage nach emotionaler Intelligenz, Führungsqualitäten und sozialem Einfluss sowie Serviceorientierung voraus.

Dass alle Unternehmen ihre Mitarbeitenden dabei unterstützen, sich für die neuen Anforderungen entsprechend weiterzubilden, ist nicht anzunehmen. Jedenfalls kommt die WEF-Studie zu diesem Ergebnis. Fast ein Viertel der befragten Unternehmen sei unentschlossen oder halte es für unwahrscheinlich, die Umschulung bestehender Mitarbeiter fortzusetzen. Zwei Drittel erwarten gar, dass sich die Arbeitnehmenden infolge Arbeitsplatzwechsels anpassen und zusätzliche Fähigkeiten erwerben würden.
Dies bedeutet einerseits, dass Berufsleute jeder Branche und Stufe selbst für den Erhalt ihrer Arbeitsmarktfähigkeit verantwortlich sind, auch in Bezug auf die dafür notwendigen zeitlichen und finanziellen Ressourcen. Anderseits muss angenommen werden, dass der Weg zu neuen Kompetenzen für manche über die Arbeitslosigkeit führt.

Es ist deshalb unumgänglich, dass Modelle zur Verfügung stehen, die den Bedürfnissen und der Lebensrealität von erwachsenen Berufsleuten entsprechen und auch Weiterbildung während der Arbeitslosigkeit ermöglichen. Im IKT-Bereich sammelt man seit 2012 Erfahrung mit «Informa». Das Projekt basiert auf dem Modell F, das einerseits die Ausbildung zeitlich flexi­bilisiert, anderseits bestehendes Wissen ­berücksichtigt. Inzwischen sind 13 Schulen Modell-F-zertifiziert. 

Wir sprachen mit Rebekka Risi, Projektleiterin von Informa, über die bisherigen Erfahrungen und die zukünftigen Entwicklungen:

Frau Risi, es ist unbestritten, dass man sich ständig neue Kompetenzen aneignen muss. Warum aber braucht es auch neue Abschlüsse?
Rebekka Risi: Die Digitalisierung und die Globalisierung verändern die Arbeitswelt so rasant wie noch nie zuvor und viele Branchen beklagen einen steigenden Mangel an Fachkräften. Es gibt sehr viele Fachleute in der Schweiz, doch gerade die älteren mit erheblicher Berufs- und Lebenserfahrung haben ihre Diplome zumeist vor 2007 erworben, bevor also die neuen Berufsbezeichnungen und das Bologna-System eingeführt wurden. Heute werden bei allen Stellenausschreibungen diese neuen Abschlüsse und Diplome vorausgesetzt. Fehlen die zwei, drei «richtigen» Dokumente und Abschlüsse im CV, werden die Dossiers unter Umständen nicht einmal näher geprüft; sofern es überhaupt Menschen sind, welche die Dossiers zuerst selektionieren.

Was heisst das?
Immer mehr grosse Firmen und Stellenvermittler führen automatisierte Bewerbungsprozesse ein. Ein Algorithmus versteht schlicht nicht, was ein Abschluss Ing. HTL vom Tech in Burgdorf aus dem Jahr 2002 ist. Weder existiert heute noch die Bezeichnung Ing. noch ein Tech Burgdorf. Hinzu kommt, dass bei WTO-Ausschreibungsverfahren für Grossprojekte in ICT und Engineering die Titel aller Mitarbeitenden aktuell sein müssen und ausgewiesen werden. Ein Unternehmen, das sich also an solchen Projekten beteiligen will, ist auf Mitarbeitende angewiesen, die aktuelle Titel führen.

Besteht das Problem bei allen Ausbildungsstufen?
Abschlüsse auf Stufe Grundbildung sind wenig betroffen. Auch Akademiker sehen sich seltener mit dem Problem konfrontiert. Schwierig ist die Situation für jene, die einen veralteten Fachausweis, ein Diplom oder einen HF-Abschluss besitzen, die es nicht mehr gibt, oder die damals ein Tech, eine HWV oder ein Seminar abgeschlossen haben. Diese Schultypen sind in Fachhochschulen aufgegangen. Die Möglichkeit der Titelumwandlung haben viele damals nicht genutzt. Aber es geht auch um Personen mit ausländischen Abschlüssen und Diplomen, die hier niemand kennt, um Personen mit abgebrochenen Studiengängen oder ohne eidgenössische Fähigkeitszeugnisse, obwohl viel Berufserfahrung vorhanden ist und interne Weiterbildungen gemacht wurden.

Aber allein um Diplome wird es ja auch nicht gehen.
Natürlich nicht. Vieles von dem, was heute unterrichtet wird, fehlt älteren Fachkräften. Für Personen über 50, in IKT-Berufen schon bei über 40-Jährigen, wirkt sich das auf ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus. Aber wir sind der Meinung, dass nicht die Menschen ausgewechselt werden sollten, sondern die Skills; denn neue Skills zu lernen, ist keine Altersfrage, sondern eine der Lernfähigkeit. Als ältester Absolvent im Rahmen von Informa hat ein 61-Jähriger das Diplomstudium HF Informatik durchlaufen. Er ist heute selbständiger Unternehmer, Prüfungsexperte EFZ Informatik und zudem Experte bei Informa. Er will bis 70 arbeiten und sei jetzt «up the date», wie er sagt.

In welchem Verhältnis stehen Informa und das Modell F?
Erst auf der Basis der nach Modell F zertifizierten Bildungsgänge und den anbietenden Schulen konnten wir das Projekt Informa entwickeln. Angefangen haben wir im Bereich IKT. Im Rahmen der Fachkräfteinitiative von Bundesrat Schneider-Ammann und mit Unterstützung des Seco konnten wir das Projekt auf die Berufsfelder Engineering, Wirtschaft und Detailhandel ausweiten. Zusammen mit den Behörden des Kantons Aargau, der von Restrukturierungen in der Industrie stark betroffen ist, konnten wir es zudem weiterentwickeln.

F steht für Flexibilisierung. Wie wird das eingelöst?
Entscheidend ist die Möglichkeit, die Weiterbildung jederzeit und ohne Angabe von Gründen unterbrechen zu können. Es geht hier um die Frage eines erwachsenengerechten Angebots, was auch im Sinne der Berufsbildungsstrategie 2030 ist (siehe EP 3/2018, Anmerkung der Redaktion). Erwachsenengerecht heisst, auf Lebensumstände Rücksicht zu nehmen, welche einen Unterbruch der Ausbildung zwingend machen. Und es heisst auch, eine Ausbildung zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufnehmen zu können, ohne getätigte Bildungsinvestitionen zu verlieren oder jedes Mal ganz von vorne anfangen zu müssen. Wenn bisherige Lernleistungen zudem angemessen angerechnet werden, steigert das die Attraktivität einer Weiterbildung, ja macht sie in den meisten Fällen überhaupt erst möglich!

Mit anderen Worten: Ohne Modell F bzw. Informa hätten sich viele gar nicht für eine Weiterbildung entschieden?
Richtig. Die Evaluation hat ergeben, dass es in vielen Fällen nicht um die Frage ging, eine Ausbildung in einer Modell-F-zertifizierten Schule oder in einer ohne das Label zu absolvieren. Vielmehr waren die Möglichkeiten, die mit einer Ausbildung an einer Modell-F-zertifizierten Schule einhergehen, ausschlaggebend, dass überhaupt eine Weiterbildung in Angriff genommen wurde.

Durch die Anerkennung von erbrachten Lernleistungen wird das Studium ja auch kürzer und günstiger. Wie hoch ist die durchschnittliche Zeit- und Kostenersparnis?
Die Anerkennung von Lernleistungen, die zum Erlass von Bildungsleistungen führt, liegt bei rund 50%.

Wie viele Personen haben bisher an Informa teilgenommen?
Seit 2012 haben rund 800 Personen den Prozess durchlaufen. Das war die Projektphase. 2019 geht Informa in den Regelbetrieb über. Die Strukturen sind nun bereit für sehr viel mehr Teilnehmende.

800 Personen seit 2012. Warum nicht mehr?
Wir hatten von der Projektsteuerung her während der Projektphase nicht das Ziel zu skalieren, weil es wichtig ist, dass alle Akteure mit grösster Sorgfalt und Respekt vor den Teilnehmenden arbeiten. Unser oberstes Ziel ist: Die Leute müssen auch mit Anrechnung von Bildungsleistungen intakte Chancen haben, den Abschluss zu bestehen, wird doch der gesamte Stoff geprüft, der für einen Abschluss vorausgesetzt wird.

Wie hoch war die Durchfallquote?
Sie lag bei 0.

Und die Abbruchquote?
Es gab viele Unterbrüche, aber keine Abbrüche.
 
Sie sprechen von Sorgfalt. Diese müssen Sie wohl zuallererst bei den Schulen einfordern. Was muss eine Schule mitbringen, wenn sie das Modell-F-Zertifikat erhalten will?
Ich denke, die Schulen müssen eine Kultur der Offenheit und auch der Diversität wollen und Freude haben an einer anderen Sorte Studierender. Viele Schulleitungen und Rektorate streben diese Kultur bereits an, wenn sie sich für das Label Modell F entscheiden.

Wahrscheinlich müssen sie auch einen organisatorischen Aufwand bewältigen.
Der organisatorische Ablauf wird sogar einfacher mit dem Modell F, dafür kommen viel mehr Studierende an diese Schulen!

Und administrativ?
Der Zertifizierungsprozess unterstützt die Bildungsanbieter ganz konkret darin, das Modell F in die jeweiligen Rahmenbedingungen einzufügen. Hat sich eine Schule erst einmal auf das Modell F eingestellt und die administrativen Prozesse angepasst, spart sie viel Zeit und Aufwand. Dafür öffnet das Modell F den zertifizierten Schulen den Zugang zu ganz neuen Zielgruppen.

Wer profitiert noch vom Modell?
Für Unternehmen macht es die Förderung älterer Fachkräfte attraktiv, da sie dadurch schneller und günstiger fit für die Jobs von heute und morgen gemacht werden können.

Wie geht es weiter?
Wie erwähnt, wird ab 2019 Informa in den Regelbetrieb übergehen. Zudem wird ab 1. Januar 2019 eine neue Version des Labels Modell F in Kraft gesetzt. Und wir planen weitere Projekte...

Rebekka Risi sieht im flexiblen Zugang zu Ausbildungsgängen einen Schlüssel für eine erfolgreiche berufliche Weiterbildung von Erwachsenen (Bild: Grafilu/SVEB)