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Gegen die Sprachlosigkeit

  • 13.06.2018

Wer mit fremden- oder demokratiefeindlichen Sprüchen konfrontiert wird, sogenannten Stammtischparolen, bleibt oft sprachlos. Das muss nicht sein. Der von Klaus-Peter Hufer ent­wickelte Kurs gegen Stammtischparolen wird auch in der Schweiz angeboten. Julia Dubois von Amnesty International erklärt, was man dabei lernt.

Interview Ronald Schenkel, Education Permanente 2/2018

Stammtischparolen werden be­kanntlich immer als absolute Wahrheit formuliert. Kann man dagegen überhaupt argumen­tieren?
Das ist genau der Kern der Kurse. Stammtischparolen sind vereinfachend, stereotyp, emotional. Hin­zu kommt, dass wir von ihnen überrumpelt werden. Zu den ersten Er­­kenntnissen unserer Teilnehmenden gehört denn auch, wie einfach es ist, mit solchen Parolen um sich zu schlagen, wie schwer hingegen, zu kontern. Als aufgeklärte und gebildete Menschen haben wir über­dies sehr hohe Ansprüche an uns selbst. Unsere Antwort soll mit Fak­ten belegt, rational und differenziert sein und unser Gegenüber überzeugen. Eine Einsicht im Kurs ist: Meist wird dies so nicht ge­lingen – wir müssen unsere An­sprüche herunterschrauben. Denn um einen argumentativen Austausch geht es am Stammtisch meist gar nicht, vielmehr geht es um Selbstbestätigung, Selbstbehauptung und Machtausübung. Trotzdem und genau deswegen ist es wichtig, bei Diskriminierung dagegenzuhalten!

Besteht darin die Kernbotschaft, die Sie vermitteln?

Das ist der Hintergrund. Die Kernbotschaft ist: Entschiedener Widerspruch bei Stammtischparolen ist sehr wichtig! Demokratie und Menschenrechte leben von Per­so­nen, die sich immer wieder dafür einsetzen. Wir gestalten diese Gesellschaft, jede und jeder Einzelne trägt Verantwortung, sich klar gegen Diskriminierung zu stellen. Der Widerspruch muss und kann nicht perfekt sein. Hauptsache, wir bekunden laut und deutlich,
dass wir nicht einverstanden sind.

Den Parolendreschern nicht das Feld überlassen: Darum geht es also.
Genau, argumentativ und mit anderen Strategien. In Stammtisch-diskussionen geht es nicht nur um Fakten die Stimme, die Körpersprache und die Gesprächsdynamik spielen auch eine grosse Rolle. Oft spielen sich die Beteiligten die Bälle zu oder wechseln sprunghaft die Themen. Davon darf man sich nicht irritieren lassen.

Seit wann wird der Kurs bei Ihnen angeboten?
In der Schweiz gibt es den Kurs seit 2015 und er stösst auf grosses Interesse. Die Kurse sind meist lange im Voraus ausgebucht. Wir werden auch von externen Insti­tutionen angefragt, ob wir Zusatzkurse anbieten. Von Klaus-Peter Hufer wissen wir, dass die Kurse auch in Deutschland sehr be­-gehrt sind.

Wer besucht sie?
Unsere Kurse stehen grundsätzlich allen Interessierten offen. Wir haben allerdings gemerkt, dass ihn Leute besuchen, die in ihrem Alltag konkret etwas gegen Rassismus tun wollen, Menschen, die privat damit konfrontiert sind oder beruflich damit zu tun haben: Lehrpersonen, Sozialar­beiterinnen und Sozialarbeiter, Studierende. Aber auch Polizisten haben den Kurs schon besucht oder Ärzte.

Das ist ein ziemlich breites Spek­- trum. Wie erklären Sie sich das?

Diese Stammtischparolen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wir begegnen ihnen bei der Arbeit, in der Öffentlichkeit, in der Familie und rasant zunehmend im Internet.

Was machen die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer mit ihrem Wissen? Gehen sie nach dem Kurs in die Beiz und diskutieren mit Stammtischgästen?

Eher nicht. Vielmehr setzen sie das Gelernte in ihrem eigenen Umfeld um, dort, wo sie eben mit dem Phänomen konfrontiert werden.

Oder anders gesagt: Der Stammtisch ist inzwischen überall.
Das kann man wohl so sagen. In den letzten Jahren hat sich die Debatte verschärft, sie ist hitziger geworden. Die Anonymität des Internets lässt die Hemmschwelle sinken. Zudem sind weltweit verschiedene politische Strömungen stärker geworden, die Stammtischparolen wieder salonfähiger machen.

Kommen im Kurs auch Themen wie Social Media zur Sprache?

Ja. Man kann die vermittelten Techniken auch im Netz anwenden und wir ermutigen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, das zu tun. Wir bieten jedoch auch noch einen anderen Kurs an, «Hass im Netz», bei dem es um ebendieses spezifische Phänomen geht.

Der Kurs gegen Stammtisch­parolen steht also auch in einem speziellen Kontext?

Ja, natürlich. Mit unserem gan­zen Bildungsprogramm möchten wir eine Kultur der Menschen­rechte etablieren, in der alle ihre Rechte kennen und wissen, wie man sich für andere und sich selbst einsetzen kann. Ganz wichtig ist für uns der Alltagsbezug. Unser Motto lautet «taking injustice personally», also Ungerechtigkeit persönlich nehmen. Der Kurs ist deshalb auch eine Art Aushängeschild, weil man ganz konkret lernt, sich im Alltag für Menschenrechte einzusetzen.

Menschenrechtsbildung und Demokratiebildung sollten ja eigentlich Schulstoff sein. Warum ist Ihrer Meinung nach ein An­gebot für Erwachsene notwendig?
Die schulische Menschenrechts- und Demokratiebildung legt einen wichtigen Grundstein. Amnesty leistet hier mit Work­shop-Angeboten und eigenen Schulungs­materialien einen wichtigen zu­sätzlichen Beitrag. Bei Erwachsenen kommen neue Themen hinzu, sie bewegen sich in verschiedenen Umfeldern, lernen neue Menschen kennen. Menschenrechtsbildung ist nicht etwas, das man einmal lernt und es dann kann. Vielmehr müssen Menschenrechte immer weiter entwickelt und entsprechend auch immer neu vermittelt
und verhandelt werden.

Sie meinen zum Beispiel den Umgang mit Fake News oder mit  Manipulationen in sozialen Medien.
Ja. Als ich noch zur Schule ging, waren das keine Themen. Jetzt sind sie allgegenwärtig.

Welche Möglichkeiten gibt es für Personen in der Erwachsenen­bildung, sich für solche Kurse
als Dozent oder Dozentin zu qualifizieren?

Klaus-Peter Hufer, der den Kurs ins Leben gerufen hat, bietet in Deutschland inzwischen Multiplikatorinnen-/Multiplikato­ren-Kurse an. In der Schweiz ist im Moment noch nichts geplant. Denkbar wäre dies aber durchaus.


Julia Dubois
Julia Dubois ist seit 2013 Bildungsverantwortliche von Amnesty International. (Illustration: Grafilu, Pascal Staub)

Kurse mit Klaus-Peter Hufer bei Amnesty International

Der nächste Kurs «Argumentieren gegen Stammtischparolen» findet am 31. August in Basel statt. Er wird von Klaus-Peter Hufer geleitet.

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«An der Grenze zum Rassismus» heisst ein weiterer Kurs von Klaus-Peter Hufer für Amnesty International. Dabei geht es um versteckten Rassismus. Der Kurs will dazu befähigen, die rassistische Ideo­logie hinter populistischen Sprachmustern zu entlarven und Gegenpositionen zu entwickeln. Er findet am 1. September statt. 

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