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Karriereschub statt Unterforderung

  • 16.10.2018

Sie haben ihre Heimatländer als qualifizierte Berufsfrauen ver­lassen. Doch in der Schweiz müssen sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. Das Projekt ict@migrants von ECAP macht Migrantinnen fit für den Einstieg in die hiesige Informatikbranche.

von Flavian Cajacob, EP 3 / 2018 Berufsbildung 2030

Drei Frauen, drei Geschichten – ein gemeinsames Schicksal: Praveena Navaneethan aus Sri Lanka, Christine Phelopos aus Ägypten und Tatjana Rozniece aus Lettland haben in ihren Herkunftsländern studiert und verfügen eigentlich über das berufliche Rüstzeug, um Karriere zu machen. In der Schweiz allerdings führen Frauen wie sie Hunde spazieren oder arbeiten im Gastgewerbe, um über die Runden zu kommen. Sie arbeiten in Jobs, für die sie schlicht überqualifiziert sind.

Das geht Giuliana Tedesco, stellvertretende Geschäftsleiterin von ECAP Suisse, gehörig gegen den Strich: «Eine Schande ist das, schliesslich herrscht hierzulande ein Mangel an Fachkräften», sagt sie.

ECAP will diesen Umstand ändern. Deshalb hat die interkulturelle Stiftung mit Bildungsauftrag das Projekt ict@migrants ins Leben gerufen. Giuliana Tedesco umreisst das Ziel knapp und klar: «Es geht darum, diesen gut ausgebildeten Frauen die Möglichkeit zu eröffnen, einen Fuss in die Türe zur Informatikbranche zu bekommen.» Dennoch, und darauf legt sie grössten Wert, sei man keine Informatikschule. Es gehe darum, den Stellensuchenden anhand praktischer Beispiele aufzuzeigen, wie der Schweizer Arbeitsmarkt funktioniere. «Und der unterscheidet sich mitunter wesentlich von jenem im jeweiligen Herkunftsland unserer Kursteilnehmerinnen», so Tedesco.

«Viele Spezialistinnen und Spezialisten kommen mit einem Arbeitsvertrag in die Schweiz. Ich bin ohne gekommen. Mir ist wichtig, das Land und die Gepflogenheiten zu verstehen. Deshalb habe ich auch Deutsch gelernt. Wer bereits vor seiner Ankunft einen Job auf sicher hat, der muss das häufig nicht. Da­für sind diese Leute dann gesellschaftlich auch nicht wirklich integriert. Ich hingegen schon. Genützt hat mir das bisher noch nicht sehr viel. Aber wer weiss, vielleicht braucht das Networking einfach seine Zeit. Bei Bewerbungsgesprächen fällt mir immer wieder auf, dass es in der Schweiz häufig wichtiger ist, wie man etwas sagt als was man konkret sagt. Die Selbstvermarktung ist ungemein wichtig. Ich bin Elektroingenieurin, was mich fasziniert, sind all die Fragen und Möglichkeiten rund um das Internet der Dinge – da möchte ich beruflich hin!»

Tatjana Roznieve (30) aus Lettland.

Der Startschuss zu ict@migrants ist zu Beginn dieses Jahres gefallen. Aktuell durchlaufen rund zwanzig Frauen das Programm. Was den bisherigen Ausbildungs- respektive Berufsweg anbelangt, entstammt etwas mehr als die Hälfte von ihnen dem klassischen Informatikbereich. Bei den übrigen handelt es sich um Quereinsteigerinnen mit grosser Affinität zu Technik und Technologie. Die Gründe, weshalb sie in der Schweiz trotz hohem Bildungsniveau keinen adäquaten Job finden, sind vielfältig. Sie reichen von mangelnden Deutschkenntnissen über fehlende Zeugnisse und Lebensläufe bis zu längeren Absenzen vom Arbeitsmarkt aufgrund einer Babypause.

Zudem sehen sich viele der Kursteilnehmerinnen mit einer pauschalen Stigmatisierung konfrontiert. «Nicht immer sind es Kriege oder fehlende Zukunftsperspektiven, die diese Frauen in unser Land gebracht haben. Häufig sind es familiäre Umstände, etwa, wenn der Mann in der Schweiz eine Stelle gefunden hat oder er von seinem Unternehmen hierher versetzt worden ist», erklärt Giuliana Tedesco.

Auf die Unterstützung des Ehemannes zu bauen, sei für die Gattin kaum eine Option. Die Männer nämlich würden sich häufig als Kar­rierekiller entpuppen, wenn es um die eigene Frau geht, bemerkt Tedesco. «Das hat aber kaum mit Boshaftigkeit oder Berechnung zu tun, sondern schlicht und einfach mit der Unkenntnis der hiesigen Verhältnisse.»

Und genau damit will das Projekt ict@migrants die Teilnehmerinnen vertraut machen. Das beginnt mit dem Vermitteln grundlegender Fakten, wie beispielsweise dem Umstand, dass ein künftiger Arbeitgeber von einer Bewerberin einen Lebenslauf und ein Zeugnis sehen will. Für uns, die wir hier in der Schweiz leben und arbeiten, eine Selbstverständlichkeit. In manchem Kulturkreis jedoch würden solche schriftlichen Bestätigungen und Beurteilungen einfach nicht existieren, führt Giuliana Tedesco aus. «Andernorts wiederum geziemt es sich für eine Frau nicht, einem Fremden mehr als ihren Namen preiszugeben.» Solche Einstiegshürden zu meistern, bedeute viel Arbeit. Für die Arbeitsuchende wie deren Beraterinnen. «Manchmal müssen wir zwei Schritte zurückgehen, um dann wieder einen vorwärts zu kommen.»

Insgesamt ist das Projekt ict@migrants in sechs Teilschritte gegliedert. Dabei werden gruppengerechte Aktivitäten mit individuellen und punktuellen Massnahmen verknüpft. Das sieht in der Praxis so aus:

1. Standortbestimmung: 20 Lektionen
2. Assessment Center: 12 Lektionen
3. Individuelle Orientierung: 4 Stunden
4. Individuelles Mentoring: 6–8 Treffen à 1 Stunde in max. 3 Monaten
5. Refresh-Module zum Thema Webentwicklung 2.0
6. Praktika/Stage in lokalen Unternehmen

Letztlich sollen für jede Teilnehmerin individuelle Strategien erarbeitet werden, wie diese einerseits zu einem Praktikumsplatz kommen und andererseits in einem Bewerbungsgespräch bestehen kann. «Wir fahren keinen Kuschelkurs, sondern führen ganz bewusst und gezielt eine Überforderung herbei», betont Giuliana Tedesco. «Die Frauen sollen schliesslich nicht nur in der Theorie reüssieren, sondern eben auch in der Realität. Und die ist, das wissen wir alle, ziemlich hart!»

Ende Jahr ist der erste, vom SECO mitfinanzierte Projektblock, abgeschlossen. Momentan befinden sich die Absolventinnen von ict@migrants in der Phase des individuellen Mentorings und sie suchen einen Praktikumsplatz (siehe Box). Dabei sieht Giuliana Tedesco auch Nutzen für die Arbeitgeber: «Die Frauen verfügen über viel Know-how, Lernbereitschaft und Motivation, sie bringen Vielfalt in ein Unternehmen und Energie. Was ihnen fehlt, ist einzig und alleine eine Chance, dies alles unter Beweis zu stellen.»

Tagung
«Fachkräftemangel und berufliche Integration qualifizierter Migrantinnen in der Schweiz» am Donnerstag 6. Dezember 2018 von 9.30 Uhr bis 13.30 Uhr bei Aroma Studio in Zürich Oerlikon. Anmeldung: ictmigrants@ecap.ch

Praktikumsplätze gesucht

ict@migrants sucht Betriebe, die Praktikums­plätze im Umfang von drei bis sechs Monaten anbieten können. Die Kompetenzprofile der Migrantinnen reichen vom IT-Support über Webdesign bis zur Soft­ware-Programmierung. Das Projekt ict@migrants wird vom SECO im Rahmen der Fachkräfteinitiative unterstützt, der SVEB ist zusammen mit Arbeitsintegration Schweiz als Projektpartner involviert. Kontakt: Giuliana Tedesco, gtedesco@ecap.ch, Tel. 043 444 40 70