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Mit viamia die berufliche Zukunft aktiv gestalten

  • 10.12.2021

viamia ist die Bundesinitiative zur beruflichen Standortbestimmung und Beratung für Personen über 40. Die Pilotphase in verschiedenen Kantonen wird Ende 2021 abgeschlossen. Erste Evaluationsergebnisse liegen bereits vor. Ab 2022 wird viamia schweizweit angeboten. – Im Gespräch mit dem Co-Gesamtprojektleiter Urs Brütsch.

Herr Brütsch, was ist das Ziel von viamia?
Dass Arbeitnehmende sich präventiv mit der eigenen Arbeitsmarktfähigkeit auseinandersetzen, mit ihrer eigenen beruflichen Zukunft. Und zwar bevor sie eine Stelle verlieren oder berufliche Probleme haben. Sie sollen wissen, was möglicherweise auf sie zukommt und welche Optionen ihnen offen stehen. Wir unterstützen sie dabei, entsprechende Schritte anzugehen.

Urs Brütsch, Co-Gesamtprojektleiter des nationalen Projekts viamia

Sind das auch die Erwartungen, mit denen die Menschen in die Laufbahnberatung kommen?
Die Erwartungen sind sehr breit gestreut: Die einen haben ganz konkrete Vorstellungen. Die anderen denken, ich möchte mal wieder etwas für meine berufliche Weiterentwicklung tun. Und wieder andere möchten gar nichts ändern, sind aber neugierig darauf herauszufinden, wo sie stehen.

Wie sehen die Motive konkret aus?
Eine ganze Reihe der Kundinnen und Kunden nehmen teil, weil es um eine Standortbestimmung geht. «Standortbestimmung» signalisiert, dass man kein festes Anliegen haben muss, sondern einfach mal vorbeikommen darf. Etwa so, wie wenn man ab 50 den Augendruck messen lässt. Dann gibt es aber auch jene Menschen, die zum Beispiel das Gefühl haben, ich wollte eigentlich schon lange etwas anderes tun, z. B. in den Sozialbereich umsteigen. Und jetzt gehe ich dem mal nach. Oder diejenigen, die einen allgemeinen Weiterbildungswunsch und das Gefühl haben, ich verbinde das jetzt mal mit einer solchen Standortbestimmung, um herauszufinden, in welche Richtung es gehen soll.

Eine berufliche Standortbestimmung für Menschen bereits ab 40 – wieso ist das sinnvoll?
Die heutige Zeit ist schnelllebiger geworden. Es ist für alle spürbar, wie die Digitalisierung rasend vorwärts schreitet und jetzt auch durch Corona verstärkt wird. Die Leute fragen sich darum eher, wie denn ihr Beruf in zehn Jahren aussehen wird. Und wenn man sich das mit 53 überlegt, dann fragt man sich, ob sich eine Veränderung überhaupt noch lohnt bis zur Pension. Aber wenn man das schon mit 40 angeht, dann steht man mit 53 an einem anderen Ort. So kann man also rechtzeitig die Weichen stellen, damit man sich später nicht plötzlich auf einem Abstellgleis befindet.

Das Angebot wurde vor der Covid-19-Pandemie lanciert…
Ursprünglich wollten wir das Pilotprojekt im Sommer 2020 starten und das wurde dann wegen Corona auf Januar 2021 verschoben. Die Vorarbeiten waren also bereits durch Corona geprägt. Das waren Umwälzungen, die uns alle überrumpelt haben.

Dann hatte die Corona-Krise also einen Einfluss auf das Pilotprojekt?
Das Pilotprojekt wurde zwar unabhängig von Corona vom Bundesrat lanciert und in Kooperation mit den Kantonen aufgebaut. Durch die Pandemie hat es aber einen deutlichen Schub erhalten. Das Angebot wurde ursprünglich im Rahmen der politischen Diskussionen um die Begrenzungsinitiative lanciert. Damals haben sich Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbände dafür eingesetzt, dass wir die inländischen Fachkräfte fördern. Es ging in erster Linie darum, in Zeiten des Fachkräftemangels das inländische Potenzial noch besser als heute auszuschöpfen. Mit der Massnahme sollten also die Schweizer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer präventiv erreicht werden.

Corona hat dann in dem Sinn dazu gewirkt, dass ersichtlich wurde, wie vieles auf ganz neue Weisen gelöst werden kann, wie rasch sich bestimmte Branchen wandeln können. Nehmen wir etwa die Gastro-Branche, den Pflegebereich oder die Logistik – Branchen, die durch die Corona-Krise und die Digitalisierung eine ganz andere Bedeutung erhalten haben. Und in der Reisebranche und im Verkauf haben sich die Leute sehr gefragt, wie es weiter geht und die Fragen nach der beruflichen Zukunft wurden virulenter.

Wer meldet sich für eine viamia-Laufbahnberatung an?
Tendenziell nutzen doppelt so viele Frauen wie Männer das Angebot. Allgemein sind Frauen ja beratungsaffiner als Männer. Darunter sind auch viele Wiedereinsteigerinnen. Das ist eine durchaus erwünschte und wichtige Zielgruppe. Wir möchten diese Fachkräfte wieder in den Arbeitsmarkt integrieren. Es sind auch sonst Personen, die sich fragen, wie sie sich weiterentwickeln können und was es braucht, damit sie zufriedener und auf dem neusten Stand im Arbeitsmarkt sind. Manche wollen auch wissen, welche Auf- und Umstiegschancen sie haben.

Laut Evaluation nach sechs Monaten nehmen 40- bis 45-Jährige das Angebot überproportional stark in Anspruch.
Drei Viertel, die wir bisher erreichten, sind unter 50. Ich freue mich sehr über dieses Ergebnis. Das ist ein Erfolg, weil wir hier wirklich im präventiven Bereich sind. Die Zahlen zeigen, dass es richtig war, sich auf die Altersgruppe 40+ zu konzentrieren.

18% der Altersgruppe 40+ verfügen über keinen Berufsabschluss. Aber nur 1% der dieser Gruppe haben die Dienstleistung von viamia in Anspruch genommen. Was ist der Grund dafür und wie wollen Sie dies ändern?
Grundsätzlich ist diese Zielgruppe weniger über Lesen erreichbar, sondern eher durch Medien wie Video, Radio oder Fernsehen. Auf diesen Kanälen waren wir noch nicht so aktiv. Grundsätzlich sind diese Personen auch eher ängstlich in Bezug darauf, was bei einer Standortbestimmung herauskommen könnte. Hier haben die Arbeitgeber eine wichtige Rolle, indem sie diese Arbeitnehmenden ermutigen, von viamia zu profitieren. Es gibt weitere Vermittler, etwa Arbeitnehmerverbände, die auf das Angebot aufmerksam machen könnten. Diese Kanäle und Multiplikatoren möchten wir in Zukunft vermehrt nutzen.

Bezügerinnen und Bezüger von ALV, IV, Sozialhilfe sind vom Angebot ausgeschlossen. Wieso gibt es diese Ausschlusskriterien?
Mit dem Bundesratsbeschluss sollen keine bestehenden Angebote substituiert und keine Parallel- oder Konkurrenzangebote zu bestehenden Instrumenten geschaffen werden. Wer Anspruch auf vergleichbare Angebote einer Sozialversicherung oder der ALV hat, soll deshalb weiterhin diese nutzen.

Was umfasst die Dienstleistung, wie läuft der Beratungsprozess konkret ab?
Der Prozess beginnt schon vor der Beratung, wenn sich jemand anmeldet. Dann wird er gebeten, seinen Lebenslauf zu senden und einen Fragebogen zu seinen Laufbahn-Ressourcen auszufüllen. Weiter wird er gebeten, seine Anliegen anzugeben. Die Kundinnen und Kunden bringen also eine gewisse Vorleistung mit. Im Beratungsgespräch bespricht man dann den CV. Man geht die Bildungs- und Berufsbiografie umfassend durch und sieht, welche Ressourcen vorhanden sind, was die Person schon alles gemacht neben den formalen Abschlüssen. Als zweites betrachtet man den Karrierefragebogen bzw. das daraus entstandene Profil. Wo zeigen sich Stärken und wo Defizite? Trifft diese Selbsteinschätzung zu? Als drittes Element schaut man, in welchem Beruf, in welcher Branche jemand tätig ist und bespricht, wie sich diese entwickelt hat und welche Trends sich abzeichnen.

Die Zusammenschau dieser Faktoren ergibt dann die Arbeitsmarktfähigkeit. Auf dieser Basis überlegt man, wie man diese erhalten kann, wenn sie gut ist. Und was nötig ist, wenn die Arbeitsmarktfähigkeit nicht so gut ist. Je nachdem ist nach dieser ersten Standortbestimmung die Beratung zu Ende, man konnte wichtige Hinweise geben und die Person geht ihren Weg selbst weiter.

Und wenn dies nicht der Fall ist?
Unter Umständen zeigt sich aber auch, dass bestimmte Fragen vertiefter angegangen werden müssen. Dann kann es eine bis drei kostenlose Folgeberatungen geben, in denen man diesen Fragen gezielt nachgeht – zum Beispiel welche Weiterbildung angezeigt ist, welche Schritte nötig sind für einen Branchenwechsel. Das ist dann sehr individuell, während der erste Schritt standardisiert ist.

Welcher Ablauf ist am häufigsten?
Aus der Evaluation der ersten sechs Monate wissen wir, dass nach der Standortbestimmung 20 bis 30% abgeschlossen sind. Die restlichen 70 bis 80% werden weitergeführt.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie?
Grundsätzlich sind die Feedbacks sehr positiv und die Leute sind froh, dass sie die Beratungen machen können. Gerade die erste Beratung zum Thema «Standortbestimmung und Laufbahnressourcen» hat eine 98%-ige Zufriedenheit. 80% sind sehr zufrieden und 18% zufrieden. Und auch mit den Folgeberatungen. Die Gesamtnote des Projekts ist eine 5,4. Somit haben wir eine sehr hohe Zufriedenheit der Kundinnen und Kunden erreicht.

Wo sehen Sie Potenzial für Optimierungen?
Wir haben bis jetzt tendenziell gut Ausgebildete erreicht. Auch jemand mit Hochschulabschluss ohne Weiterentwicklung kann mit 50 gefährdet sein, ebenso wie jemand mit einer Grundausbildung. Wir möchten in Zukunft aber auch noch mehr Leute erreichen, die keinen oder einen niedrigen Abschluss haben oder die einen Berufsabschluss haben und noch nicht so viele Weiterbildungen besucht haben.

Welche Rolle spielt die Weiterbildung im Angebot?
Um die eigene Arbeitsmarktfähigkeit zu erhalten, ist natürlich das lebenslange Lernen Grundlage. Das kann mittels formaler Weiterbildungen stattfinden. Weiterbildung ist oft auch wirklich ein wichtiges Element, das als Ergebnis der Beratungen und als Empfehlung herauskommt. Zumal man nach formalen Weiterbildungen etwas in der Hand hat, das man vorweisen kann – sei es ein Zertifikat oder ein Diplom. Wir prüfen aber auch, wo sich unsere Kundinnen und Kunden im Betrieb Kompetenzen erworben haben oder noch aneignen können und wie sie dies dann auch nachweisen können. Sehr viele Leute, die in den letzten zwanzig Jahren keine formale Weiterbildung absolvierten, haben sich in ihrem Berufsleben trotzdem viele Kompetenzen angeeignet.

In der Beratung ist es zentral, den Menschen aufzuzeigen, wie viel sie gemacht haben. Wir empfehlen, dass sie dies nachweisen, im Lebenslauf erwähnen, für sich im Bewusstsein behalten. Es bestärkt die Menschen, wenn sie merken, dass sie ihre Kompetenzen mit einem Zeugnis oder einem Projektbericht zeigen können. Das halte ich für wesentlich. Denn es besteht auch die Befürchtung von Arbeitgeberseite, dass die Mitarbeitenden nach einer viamia-Beratung zurück in den Betrieb kommen und teure Weiterbildungen verlangen. Diese können angezeigt sein. Doch oft reicht es, wenn man mit neuen Aufgaben oder Zuständigkeiten sich on the Job neue Fähigkeiten aneignen kann.

So lassen sich auch schwächere Personen erreichen.
Genau, mit betriebsinternen Angeboten kann die Schwelle für bildungsfernere Personen gesenkt werden. Wobei auch dann nachgewiesen werden muss, dass diese Person diese Kompetenzen tatsächlich erworben hat. Wir sind dabei, dies in Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern zu erarbeiten.

Sie haben viamia in den diversen Pilot-Partnerkantonen eingeführt und die ersten sechs Monate evaluiert. Wie geht es nun weiter?
Einerseits wird es organisatorische Anpassungen geben, die berufsberatungsintern sind und Entlastung für die Kantone bieten. Andererseits gibt es gewisse Anpassungen für die Kundinnen und Kunden in der Weiterführung des Angebots. Wir haben zum Beispiel gemerkt, dass der Fragebogen zu den Laufbahnressourcen von Personen ohne Arbeitgeber nicht vollständig beantwortet werden kann. Es wird per Januar 2022 einen neuen Fragebogen geben für Personen ohne Anstellung.

Wir haben auch gemerkt, dass Personen, die über wenig Sprach- oder ICT-Kenntnisse verfügen, einen anderen Zugang brauchen. Im zweiten Quartal 2022 werden wir darum ein Angebot lancieren, bei dem man sich telefonisch melden und direkt in die Beratung kommen kann, ohne dass man irgendwelche Vorleistungen bringen muss.

Drittens entwickeln wir eine Online-Plattform, die per 1. April 2022 starten wird. Das Online-Tool wird der gesamten berufstätigen Bevölkerung zur Verfügung stehen. Und soll eigentlich alle Personen dazu anregen, sich mit ihrer beruflichen Situation auseinanderzusetzen. Das Neue an dieser Plattform wird sein, dass sie Menschen abholt und z. B. Fragen stellt. Je nach Antwort werden sie mit bestimmten interaktiven Tools und weiteren Fragebögen zum Denken angeregt und erhalten ein Profil von sich selbst. Zudem werden Informationen zum Arbeitsmarkt, zur Weiterbildung und Beispiele anderer zur Inspiration angeboten.

Die Plattform soll die persönlichen Beratungen nicht ersetzen, sondern die Leute dazu ermutigen, und sie soll ihnen alle notwendigen Hinweise geben, wo man Beratungen findet. Das Beratungsangebot für Personen über 40 wird weiterhin kostenlos sein.

Über welche Kanäle erfährt die Zielgruppe der über 40-Jährigen vom Angebot?
Anfangs 2021 gab es noch keine offizielle Kampagne, jeder Kanton lancierte das Angebot auf seine Weise selbst. Für den Start per ersten Januar 2022 gibt es ein gemeinsames Kommunikationskonzept. Ab dann wird viamia in allen Kantonen angeboten, einzig der Kanton St. Gallen wird viamia 2022 nicht führen. Seitens Bund sind per Sommer 2022 zielgruppenspezifische Kommunikationsmassnahmen geplant. Man will damit diejenigen Personen gezielter ansprechen, die wir bis jetzt noch nicht so gut erreicht haben. Aufgrund der Evaluationsergebnisse werden das insbesondere gering qualifizierte Personen sein.

Was raten Sie jemandem, der jetzt 40 Jahre alt ist?
Grundlegend ist, wo immer man steht, dass man den Arbeitsmarkt und die Trends im Blick hält – insbesondere im Zusammenhang mit der Digitalisierung, welche die eigene Arbeit weiterentwickeln, allenfalls auch wegrationalisieren könnte. Ein wichtiges Hilfsmittel dabei ist das Netzwerk: Im Austausch bleiben, um den Puls zu fühlen. Die Berufsnetzwerke auf Social Media können wertvolle Impulse geben. Doch auch Fachzeitschriften, Arbeitskolleginnen, Weiterbildungen weiten den Blick.

Bei unseren Beratungen bemerken wir, dass Personen, die hier wach und achtsam sind, oftmals auch schon gute eigene Ideen mitbringen. Ist man auf sich alleine gestellt, z. B. als Wiedereinsteigerin, die in eine neue Branche möchte, hat man es viel schwerer.

Weiterbildungen, selbst in berufsfremden Bereichen, sind oft hilfreich, da sie einem Arbeitgeber zeigen, dass für einen selbst das lebenslange Lernen eine Selbstverständlichkeit ist.

Interview: Bettina Whitmore

Zur Person:
Urs Brütsch ist Co-Gesamtprojektleiter des nationalen Projekts viamia und Leiter des BIZ Amtes für Berufsberatung ZugIn dieser Funktion ist er Mitglied der Schweizerischen Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (KBSB). Die KBSB ist in Kooperation mit dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) verantwortlich für die Entwicklung von viamia. Sie ist eine Fachkonferenz der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK).

www.viamia.ch