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Positive Altersbilder

  • 11.12.2019

Gerne sprechen wir von den Potenzialen älterer Menschen. Doch positive Altersbilder verbleiben oft nur auf der rhetorischen Ebene. Es braucht deshalb Tätigkeitsangebote, die älteren Personen Teilhabe und Würde ermöglichen. Dies ist auch eine Aufgabe der Bildungsarbeit.

Claudia Kulmus, EP 4/2019

Altersbilder sind im Diskurs um Altern schon seit Jahren immer wieder ein zentrales Thema, das angesichts des demografischen Wandels auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nicht an Brisanz verlieren wird. Altersbilder bezeichnen zunächst Meinungen und Einstellungen zum Alter und zu älteren Menschen. In der Rede von Altersbildern spiegelt sich aber auch die zentrale Frage, wie wir als Gesellschaft und als Einzelne mit dem Alter und mit älteren Menschen umgehen wollen. Man könnte sagen, es handelt sich dabei um eine der grossen sozialen Fragen unserer Zeit und bislang ist längst nicht geklärt, welche Rolle den Älteren eigentlich zugewiesen werden soll und ob sie überhaupt eine «eigene» Rolle brauchen. Die Utopie könnte nämlich die einer altersirrelevanten Ge-sellschaft sein, in der das Alter keine Rolle mehr spielt. Aktuelle Altersbilder und der Diskurs darum lassen dies aber längst nicht vermuten: Sie manifestieren eine Sonderrolle der Älteren – egal ob negativ oder positiv, es bleibt eine Sonderrolle.

Polarität des Diskurses

Die Diskussion ist dabei schon seit jeher von einer starken Polarisierung geprägt (vgl. Göckenjan 2000). Trotz vielfältiger neuer Erkenntnisse und sehr viel komplexerer «Grauzonen»-Befunde werden negative und positive Bilder nach wie vor als Gegensätze gegenübergestellt. Negative Altersbilder haben ihre Grundlage vor allem in dem, was Gerontologen als biologisches Alter bezeichnen. Abbauprozesse auf biologischer oder gar zellulärer Ebene gehen nachweislich mit dem Älterwerden einher und führen – hier liegt in der Tat eine bedrohliche Seite des Alterns – in letzter Konsequenz zum Tod.

Altern wird als Abbau körperlicher, aber auch geistiger Fähigkeiten beschrieben. Die Adoleszenz-Maximus-Hypothese, entstanden auf Grundlage verschiedener (methodisch durchaus problematischer) Intelligenztests, besagt, dass die menschliche Leistungsfähigkeit zwischen dem zweiten und dem dritten Lebensjahrzehnt ihren Höchststand erreicht und da-nach unumkehrbar abnimmt. Diese Hypothese gilt längst als überholt (vgl. Lehr 2007): Zwar mag die fluide Intelligenz, die an die Verarbeitungsgeschwindigkeit des Gehirns gebunden ist, abnehmen (die Abnahme kann allerdings sehr wohl auch beeinflusst werden und es bestehen zudem immense interindividuelle Unterschiede). Kristalline, erfahrungsgebundene Intelligenz, die Allgemeinwissen, Erfahrungswissen, Wortschatz, Sprachverständnis etc. beinhaltet und die zur Bewältigung lebens- (oder auch berufs-)praktischer Aufgaben dient, kann aber im Alter nicht nur erhalten bleiben, sondern sich sogar erhöhen. Naturalistische (defizitäre) Zuschreibungen an das Alter in einer rein biologischen Sichtweise übertragen also unzulässigerweise biologische auf geistige und soziale Prozesse.
Als Gegenbewegung lässt sich ein Potenzial- und Aktivitätsdiskurs identifizieren, der sowohl als Realität als auch als Programmatik in den letzten Jahren dominant wurde und einen starken Produktivitätsgedanken beinhaltet. Zugrunde liegt empirisches Wissen über heutige Generationen von Älteren: Sie haben durchschnittlich eine sehr viel höhere Lebenserwartung bei gleichzeitig guter Gesundheit und
gutem Bildungsstand, werden dafür aber verhältnismässig früh pensioniert und haben noch eine lange Lebensphase vor sich. Sie können diese entsprechend aktiv gestalten und ihre Potenziale nutzen. Einbussen, die ja dennoch mit dem Altern einhergehen, werden in diesem Diskurs wiederum gerne ausgeblendet.

Tatsächlich sind Altersbilder sehr viel komplexer, als es die Dichotomie Defizit vs. Poten-zial nahelegt. Studien zu individuellen Altersbildern bzw. Altersstereotypen zeigen zwar immer wieder vermeintlich eindeutige Zusammenhänge etwa zwischen Altersbild und Wohlbefinden oder geistiger Leistungsfähigkeit oder Weiterbildungsteilnahme, gleichzeitig betonen und belegen aber einschlägige Gerontologen immer wieder, dass individuelle Altersbilder sehr viel ambivalenter sind, als es gerne kommuniziert wird. Je nach Befragung und Fragetyp lassen sich bei einer Person unterschiedlichste Stereotype aktivieren (vorhanden ist eben eine Vielzahl an Vorstellungen und Einstellungen zum Alter), und je nach Handlungssituation werden ganz unterschiedliche Altersbilder aktiviert, zurückgestellt oder völlig ignoriert (vgl. Kruse/Schmitt 2004). Die Frage nach Altersstereotypen bleibt also zunächst auf der Ebene von bewussten, verbalisierbaren Vorstellungen oder Meinungen zum Altern, die aber nicht unbedingt handlungsleitend werden müssen.

Gleiches gilt für gesellschaftliche Altersbilder. Darunter werden einerseits zum Beispiel altersbezogene kollektive Deutungsmuster in Institutionen verstanden, etwa in Betrieben, bei Weiterbildungsanbietern oder in kulturellen Einrichtungen. Vor allem werden damit aber auch Altersbilder im öffentlichen Diskurs beschrieben, z.B. in den Medien, aber auch in politischen Programmen. Auf dieser Ebene werden nach wie vor positive Altersbilder lanciert, jüngst etwa im Kanton Zug mit der Kampagne «Altern hat Potenzial».

Rhetorik positiver Altersbilder und fehlendes gesellschaftliches Pendant

Angesichts der lange bekannten empirischen Erkenntnisse zu den Potenzialen des Alterns und angesichts des Wissens um die Ambivalenz von Altersbildern mag es verwundern, dass solche Kampagnen nach wie vor nötig erscheinen. Sie sind aber Ausdruck eines grundsätzlichen Problems: Positive Altersbilder verbleiben oft auf der rhetorischen Ebene. Sie werden bspw. gezielt eingesetzt, um etwa politische Massnahmen (z.B. zur Förderung «aktiven Alters») zu legitimieren. Eine (zum positiven) veränderte Rhetorik führt aber nicht zwingend zu gesellschaftlichen Veränderungen. Terminologische Neuerung war bspw. die Ächtung des Begriffs «Alte», stattdessen wird von «Senior*innen» gesprochen, von «Unruhestand» statt von Ruhestand oder von «jungen» und «aktiven» Alten.

Die veränderte Rhetorik mag durchaus den Blick öffnen für alternative Sichtweisen (Potenziale statt Defizite) und neue Möglichkeiten spruchfähig machen. Sie schafft aber weder die Hochaltrigkeit und damit einhergehende Einbussen ab noch die Ausgliederung aus dem Erwerbssystem als gesellschaftlich zementiertes Merkmal der Lebensphase Alter. Sie entwickelt keine gesellschaftliche Relevanz, so lange ihnen keine entsprechenden gesellschaftlichen Entwicklungen folgen.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der die Möglichkeit zu Erwerbsleistungen die Basis für Eigenverantwortung und Selbstständigkeit ist, für Teilhabe und Anerkennung. Erst durch ein festgelegtes Pensionierungsalter wird eine Grenze im Lebenslauf geschaffen, die die Älteren in eine neue Lebensphase entlässt und ihnen damit gewissermassen einen Sonderstatus zuweist, dem zunächst einmal die Basis für Teilhabe und Anerkennung entzogen ist.

Diese Lebensphase ist von grossen individuellen Freiheiten geprägt, zugleich läuft sie aber Gefahr, den Einzelnen die Möglichkeit zu entziehen, ihr Wissen und Können, ihre Erfahrungen, ihre Potenziale und Wirkfähigkeit einzubringen und weiterzuentwickeln. Unspezifische Aktivitätsanforderungen an die Älteren, wie sie zumindest die Anfänge der Alternsbildung dominiert haben (Aufforderung zur Aktivität in Altengymnastik und Gehirnjogging, reine Freizeitangebote etc.) werden von Älteren selbst zum Teil als sinnentleertes «Tingeltangel» abgetan (Kulmus 2018), weil sie in ihnen keine gesellschaftliche Relevanz erkennen können. Stattdessen bekommen sie den Eindruck, in ihrem Sonderstatus «geparkt» zu werden: Sie sollen beschäftigt werden und sich dabei möglichst auch gesund halten, um dem Sozialsystem nicht zur Last zu fallen, ohne dass sich gesellschaftliche Strukturen entsprechend weiter­entwickeln und ihnen ernstzunehmende Räume für Teilhabe zubilligen.

Tätigkeitsangebote für Ältere und die Aufgabe der Weiterbildung

Es braucht also Tätigkeitsangebote, die entsprechend den gesellschaftlichen Wert- und Anerkennungsstrukturen auch tatsächlich Teilhabe und Würde ermöglichen. Das setzt voraus, dass sie einen sichtbaren und sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten und damit die Verortung der eigenen Person im gesellschaftlichen Zusammenhang ermöglichen. Bei allem Recht, sich ein Stück weit ins Private zurückzuziehen, können Identität und auch Individualität sich nicht isoliert entwickeln und erhalten, sondern sind immer auf andere, auf soziale Zusammenhänge, auf ein Gegenüber verwiesen.
Genau hier liegen die gesellschaftlichen Herausforderungen und damit verbunden auch die Aufgaben und Chancen der Bildungsarbeit:

  1. Es geht erstens darum, den Älteren weiterhin Bildung und Kompetenzentwicklung zu ermöglichen, weil darin die entscheidende Ressource für gesellschaftliche Teilhabe liegt (nicht nur für Ältere).
  2. Zweitens bieten gerade wissensintensive Tätigkeitsbereiche wie etwa die Forschung oder der Bildungsbereich ein erhebliches Potenzial, die «kristalline» Intelligenz Älterer, ihr Erfahrungswissen im Leben und im Beruf über die Pensionierung hinaus zur Anwendung zu bringen und auch weiterzugeben, z.B. in beratender oder lehrender Funktion.
  3. Drittens sind Weiterbildungsanbieter dahingehend gefordert, Ältere beim Erhalt und der Aktualisierung ihrer Kompetenzen zu unterstützen, auf neue (z.B. beratende oder forschende) Tätigkeiten vorzubereiten und die dafür nötigen neuen Kompetenzen zu vermitteln. Sie können ausserdem auch bei der Erschliessung neuer Tätigkeitsfelder unterstützend zur Seite stehen, indem sie die dazu möglicherweise notwendigen Suchbewegungen der Älteren orientierend begleiten. Und nicht zuletzt sind sie gefordert, auch selbst die in ihrer Einrichtung vorhandenen Altersbilder kritisch zu beobachten und zu hinterfragen, etwa den Umgang mit eigenen älteren Beschäftigten.

Die in dieser Zeitschrift vorgestellten Beiträge sind genau Ausdruck dessen: dass sich die Gesellschaft und die Älteren selbst auf den Weg gemacht haben, solche Tätigkeitsfelder zu erschliessen und damit reale Räume für Teilhabe, Anerkennung und Selbstentfaltung auch im Alter zu schaffen. So kann ein gesellschaftliches Pendant zur rhetorischen Programmatik positiver Altersbilder entstehen. Dass das vorliegende Heft sich dem Thema widmet, zeigt, dass die Weiterbildung mit unterwegs ist auf diesem Weg.

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Literatur

  • BMFSFJ (2007): Altersbilder in der Gesellschaft. Berlin
  • Göckenjan, Gerd (2000): Das Alter würdigen. Frankfurt
  • Kulmus, Claudia (2018): Altern und Lernen. Bielefeld Lehr, Ursula (2007): Psychologie des Alterns. Wiebelsheim

Claudia Kulmus, Dr. phil, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin am Institut für Erziehungswissenschaften in der Abteilung Erwachsenenbildung/Weiterbildung.

Illustration: Christina Baeriswyl