Hauptinhalt

Ethik als Bestandteil der Weiterbildung

  • 22.06.2020

Die Philosophin Barbara Bleisch wird an der nächsten AdA-Plattformtagung als Referentin auftreten. Wir wollten von ihr wissen, welche ethischen Fragen sich im Zusammenhang mit Weiterbildung stellen.

Interview Ronald Schenkel

In der Weiterbildung werden gemeinhin kaum bewusst ethische Fragen gestellt. Hat Ethik überhaupt Platz in der Weiterbildung?  

Mir scheint, man muss hier zwei Fragen unterscheiden: Erstens die Frage nach Ethik in der Weiterbildung, also danach, ob Ethik in Weiterbildungsangeboten auftaucht und vermittelt wird. Als Philosophin, die in verschiedenen Weiterbildungsprogrammen Ethik unterrichtet, bin ich der Ansicht, dass der Bedarf nach Ethikmodulen in der Weiterbildung stetig steigt und diesem auch Rechnung getragen wird. Zweitens kann man auch nach einer Ethik der Weiterbildung fragen, also danach, ob die Weiterbildung selbst auf ethische Gesichtspunkte hin abgeklopft wird oder werden muss – unabhängig von den einzelnen Disziplinen.

Was hiesse es denn, Aspekte der Weiterbildung unter ethischen Gesichtspunkten zu betrachten?  

Ich bin Philosophin und als solche unter anderem dafür zuständig, ethische Fragen in bestimmten Disziplinen auszumachen, die dann wiederum in Weiterbildungen behandelt werden können. Risikoethik ist beispielweise Teil vieler MBA-Programme, ethische Fragen der Multikulturalität sind wichtig für angehende Kulturmanager. Ich unterrichte ausserdem in den Weiterbildungsprogrammen des Ethik-Zentrums der Universität Zürich, das berufsbegleitende Kurse anbietet für alle jene, denen sich ethische Fragen in der Praxis stellen. Wenn Sie von mir wissen wollen, welche spezifischen ethischen Fragen sich der Weiterbildung als solcher stellen, gälte es zuerst, deren grundlegende Werte herauszuarbeiten. Der Imperativ des «life long learnings» und die Umgestaltung unserer Arbeitswelt angesichts der Digitalisierung dürften mit zahlreichen ethischen Fragen einhergehen. Wem kommt bspw. die Verantwortung zu, mithilfe von Weiterbildung auf den sich verändernden Arbeitsmarkt zu reagieren?  

Würde uns eine ethische Betrachtung zu einer anderen Art der Weiterbildung führen?  

Das kann ich nicht beurteilen. Ich würde vielleicht eher sagen, dass die Bedeutung der Weiterbildung angesichts der riesigen Umwälzungen, die wir in der Arbeitswelt erwarten, zunehmen wird. Mit der zunehmenden Bedeutung geht auch eine wachsende Verantwortung einher. Weiterbildung wird nicht nur «nice to have» sein, sondern integraler Bestandteil unserer sich wandelnden Gesellschaft. Die Frage nach den zugrunde gelegten Bildungszielen und -werten wird drängend, wenn wir nicht mehr davon ausgehen können, dass eine Grundausbildung reicht.  

Weiterbildung wird im allgemeinen Diskurs auf berufliche Weiterbildung reduziert und lebenslanges Lernen als Form der Selbstoptimierung verstanden. Ist das aus Ihrer Sicht ein adäquates und ausreichendes Verständnis von Weiterbildung?  

Nein. Zum einen scheint mir damit eine eigenartige Dichotomie zwischen Leben und Beruf behauptet zu werden. Zum anderen ist wohl mit der Digitalisierung überdeutlich geworden, dass wir agil bleiben müssen: Das Leben als solches wird zum kontinuierlichen Lern- und Adaptionsprozess. Wer mithalten will, wird sich konstant weiterbilden müssen; mit Selbstoptimierung hat das wenig zu tun.  

Sie haben in einem Interview davon gesprochen, dass die Arbeit knapp werden könnte. Dann brauchen wir ja auch keine berufsbezogene Weiterbildung mehr? Was sonst?  

Knapp wird insbesondere die bezahlte Arbeit. Wir vergessen leicht, dass sehr viele Menschen freiwillig arbeiten: in der Politik, in Vereinen, in Vorständen, vor allem aber in der Familie, also in der Betreuung von Kindern, Enkeln, betagten Menschen. Diese «Care-Arbeit» wird nicht weniger – im Gegenteil: Mit der längeren Lebenszeit wird sie vielleicht noch deutlich zunehmen. Wir müssen also diskutieren, was wir als Arbeit bezeichnen und was wir gesellschaftlich wie honorieren. In diesem Kontext ist auch die Debatte über ein Grundeinkommen zu verorten. Was die Weiterbildung anbelangt, so dürfte diese just auch in den Bereichen dessen, was wir heute als «Freiwilligenarbeit» bezeichnen, wichtiger werden. Es ist ein Fehlschluss, dass zu helfen nicht gelernt sein will. Vielleicht werden wir alle in Zukunft nur noch 20 Stunden pro Woche arbeiten. Und uns dann weiterbilden, um nebenher noch einen Waldkindergarten aufzubauen, uns menschenrechtlich zu engagieren oder einen Behindertentaxi-Dienst zu führen. Das entsprechende Know-how werden wir zumindest teilweise erwerben müssen.  

Sprechen wir von den Berufsleuten in der Weiterbildung: Obwohl die Weiterbildung in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten stark professionalisiert wurde, fehlt noch eine eigentliche Berufsethik. Braucht die Weiterbildung eine solche?  

Das kann ich nicht beantworten. Grundsätzlich bin ich als Philosophin der Ansicht, dass es immer gut ist, sich über die eigenen Werthaltungen Rechenschaft abzulegen. Es stellt sich beispielsweise auch die Frage, wie das Wissen der Teilnehmenden adäquat einbezogen werden kann. Anders als Schülerinnen oder Studenten haben die Teilnehmenden von Weiterbildungen ja eine breite Vorbildung und vielleicht auch eine Führungsposition inne. Wie ist dieser Situation respektvoll zu begegnen?  

Es geht in der Weiterbildung ja nicht wie in der Medizin um Leben und Tod.  

Das ist richtig, aber das geht es in vielen Disziplinen nicht, in denen sich ethische Fragen stellen. Museumspädagogen müssen sich heute bspw. fragen, wie Kunst aus ehemaligen Kolonien ausgestellt werden darf und soll – eine ethische Problemlage, die nicht Leben und Tod tangiert. Und Portfoliomanagerinnen sollten Bescheid wissen, welche ethischen Massstäbe ihren nachhaltigen Fonds zugrunde liegen. Auch hier geht es nicht um Leben und Tod – wohl aber um Ethik.  

Weiterbildungen haben in der Vergangenheit mehrheitlich als Präsenzunterricht stattgefunden. Die Corona-Pandemie nun einen eigentlichen Digitalisierungsschub ausgelöst. Wir stehen wahrscheinlich vor einer neuen Realität, was die Unterrichtsformen angeht. Welche ethischen Fragen sollten damit ebenfalls gestellt werden?  

Eine wichtige Frage! Der Unterricht via Zoom, Skype oder per Arbeitsauftrag zuhause verändert bspw. die Feedback-Kultur. Im Präsenzunterricht nimmt eine Dozentin die Stimmung im Raum wahr, und die Studierenden können ihrem Unmut wie ihrem Lob auch gemeinsam Ausdruck verleihen. Das macht Dozierende einsam, beraubt Studierende aber auch ihrer Mitbestimmung. Ausserdem kann es leicht zu Missverständnissen kommen und die Vertrauensbildung leidet, wenn man sich nicht mehr in direktem Kontakt austauschen kann. Die ethischen Fragen betreffen also bspw. das Hierarchiegefälle im Unterricht. Ausserdem werden Gerechtigkeitsfragen virulent: Nicht alle haben zuhause die technische Ausrüstung, die sie für den online-Unterricht bräuchten, und nicht alle finden zuhause die Ruhe, um zu lernen. Soziale Unterschiede könnten sich verstärken. Dafür werden jene, die unter dem Pendeln leiden, aufatmen – und klimaethische Bedenken werden kleiner, wenn nicht mehr so viele ihre Studienorte lokal aufsuchen müssen.

Barbara Bleisch
Die Philosophin Barbara Bleisch sieht auch den Imperativ des «Lifelong Learnings» mit ethischen Fragen verknüpft. (Bild: Mirjam Kluka, zvg)

AdA-Plattformatung mit Barbara Bleisch

Wie sieht der AdA-Baukasten 2023 aus? Welche Wege führen zum Fachausweis Ausbilderin/Ausbilder und über welche Kompetenzen werden zukünftige Ausbilderinnen und Ausbilder verfügen? Im ersten Teil der diesjährigen Plattformtagung werden Fragen rund um das AdA-System der Zukunft diskutiert und beantwortet. Im zweiten Teil wird die Philosophin Barbara Bleisch ethische Fragestellungen aufgreifen und mögliche Wege zur ethischen Entscheidungsfindung aufzeigen.

AdA-Plattformtagung am 15.09.2020

zur Anmeldung