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Biographische Leitbilder als Gegenstand sozialen Lernens

  • 16.04.2020

Unser System eines starren Rentensystems wird von einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft ausgehebelt. Es braucht deshalb eine neue Vision des Alters und neue biographische Vorbilder als Grundlage für ein soziales Lernen.

Hansjörg Siegenthaler, EP 1/2020

Wir leben länger als unsere Vorfahren, und die Ansprüche, die das Leben an uns stellt, verändern sich rapide. Doch die Erwartungen, die wir an unsere Biographien richten, bleiben in Leitbildern verhaftet, die sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entfaltet haben. So stellt sich uns die Aufgabe, zeitgerechtere Leitbilder zu entwerfen. Wie lösen wir diese Aufgabe? Wo liegen die Probleme, die wir dabei zu lösen haben?

Wir werden sie in Prozessen sozialen Lernens lösen, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen werden, zehn Jahre, zwanzig Jahre. Sie brauchen deshalb so viel Zeit, weil sich die neuen Leitbilder den hohen und vielfältigen Ansprüchen in neuer Weise stellen müssen, denen die alten während eines langen Jahrhunderts genügt haben. Ich erinnere zunächst an die historischen Umstände, unter denen die traditionellen biographischen Leitbilder entstanden, und ich möchte den Versuch machen, die Beiträge ins Bild zu bringen, die diese Leitbilder zum guten Leben und zum Zusammenleben der Menschen erbracht haben (I). Dann rede ich von den Gründen, die sie heute mehr und mehr um ihre Relevanz bringen (II). Und schliesslich entwerfe ich einige Vorstellungen vom Prozess sozialen Lernens, in denen sich die neuen Leitbilder formulieren und konsensfähig und konsensträchtig etablieren können (III). Dabei werde ich die Vermutung begründen, die Lösung der Probleme falle uns leichter, wenn wir möglichst rasch gleich mehrere von ihnen ins Visier nehmen, statt uns in Grabenkämpfen um das Ruhestands­alter oder um intergenerationelle Lastenverteilung zu streiten.

I – Leitbilder

90 Prozent aller Erwerbstätigen waren in den quasi-feudalistisch organisierten Gesellschaften des alten Europa auch noch im 18. Jahrhundert in der Landwirtschaft tätig. Arbeit leisteten hier alle Menschen von ihrer Kindheit bis ins Alter. Nur gerade die Heirat und die Gründung einer eigenen Familie strukturierten ihre Biographie. Im Lauf der folgenden 200 Jahre haben modernes Wirtschaftswachstum und demographischer Wandel dazu Anlass gegeben, die Vorstellungen gründlich zu revidieren, die sich die grosse Mehrheit der Menschen von ihrem Leben und vom Leben ihrer Kinder machten. Um einen komplexen Vorgang auf eine simple Formel zu bringen: Kinderarbeit wich zurück vor schulischer Ausbildung, und für den Übergang in den «Ruhestand» der Arbeiter und Angestellten definierte man im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein Ruhestandsalter, eine Zäsur, die das Leben gliederte in die Zeit davor, die man in der Arbeitswelt zubrachte, und in eine Zeit danach, die man als eine Phase arbeitsfreier Musse oder selbstgewählter Tätigkeit zu betrachten und zum Gegenstand der Sozialpolitik und der Rechtsordnung zu machen begann.

Was bedeutete der wohl definierte Rhythmus der neuen Biographie für die moderne Gesellschaft? Er fokussierte und koordinierte Erwartungen: Eltern. Grosseltern, Geschwister, Paten, Nachbarn teilten alle bestimmte Vorstellungen darüber, was es für Hänschen bedeutete, in die Schule einzutreten, und was es für Hans bedeutete, aus der Schule in die gewerbliche Lehre zu wechseln. Und auf den Eintritt in den Ruhestand stellten sich nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern – mit mehr oder weniger freudigen Gefühlen – auch die Ehepartner, auch die Kinder ein und mit ihnen ein breiter Kreis von Freunden und Bekannten.

Man müsste hier danach fragen, was genau die Perspektive eines materiell gesicherten Ruhestandes um 1880 für einen Arbeiter im Alter von – sagen wir – 40 Jahren bedeutet hat: Die zeitgenössische Demographie gab ihm die Hoffnung, noch etwa 30 Jahre zu leben. Nun sprach es sich herum, dass sich am Ende seines Arbeitslebens im Alter von 65 Jahren eine Tür öffnen könnte hinaus in eine neu zu definierende Besinnungspause vor dem Ende des Lebens. Es wäre wohl nur eine gelinde Übertreibung zu sagen, diese neue Hoffnung habe Gedanken geweckt an Zustände, von denen früher nur die Sonntagspredigt sprach, wenn sie sich ums Leben nach dem Tode kümmerte. Fünf Jahre Himmelreich auf Erden: Das versprach der neue Begriff eines «Ruhestandes» für alle.

In der sozialpolitischen Auseinandersetzung des späten 19. Jahrhunderts spielte der Gedanke eine grosse Rolle, man erwerbe durch Arbeit ein Recht auf Musse. Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, sprach vom «Recht auf Faulheit», das der Arbeiter über sein «Recht auf Arbeit» hinaus geltend zu machen habe. Die noch junge Arbeiterbewegung hat sich solche Gedanken zu eigen gemacht. 

II – Schwindende Relevanz

Nicht nur der medizinische Fortschritt hat im 20. Jahrhundert die Lebenserwartung gewaltig gesteigert. Auch Wohlstandsgewinne, ange­messenere Ernährung, lebensfreundlichere Arbeitsverhältnisse, gesundheitsfördernde Veränderungen des Lebensstils haben die Lebenserwartung neu geborener Menschen von 50 im Jahre 1900 auf 85 im Jahre 2010 erhöht. Bei stabiler Ruhestandsordnung dehnte sich die Zeitspanne dessen, was man im 19. Jahrhundert als «Ruhestand» definiert hatte, von wenigen Jahren auf 30 Jahre aus.

Das konnten Sozialpolitiker vom Schlag eines Lafargue nicht voraussehen. Sie wären begeistert gewesen vom Gedanken, es werde ein unbeschwerter Genuss langer Jahre arbeitsfreier Zeit zur Normalperspektive der grossen Masse der Arbeiter und Angestellten. Und gewiss haben sehr viele Menschen die erzielbaren Gewinne an «Ruhestandsjahren» als soziale Errungenschaft erlebt und als massgebliche Mani­festation dessen, was modernes Wirt­schafts­wachstum dem Menschen an echtem Wohlstand bescheren konnte und beschert hat. Es darf heute nicht überraschen, wenn sich, wie zurzeit in Frankreich, massivster Widerstand regt gegen jeden Versuch, diese Errungenschaft zu schmälern. Sagen wir es klar und deutlich: Der massive Widerstand hat nicht nur Gründe, er hat hervorragende Gründe.

Wenn nun gleichwohl am Horizont des Denkbaren eine neue Vision vom guten Leben langlebiger Menschen aufscheint, dann muss sich diese Vision von allem Anfang an messen lassen und abarbeiten an den Idealvorstellungen eines Lafargue: Die Menschen sollen sich auf einen langen Lebensabend einstellen und freuen können, den sie in Freiheit so gestalten, wie das ihren persönlichen Neigungen entspricht. Wie kann man diese Menschen für eine neue Vision vom guten Leben des langlebigen Menschen gewinnen?

Zwei nur schwer auszuräumende Konflikte blockieren die Bereitschaft, sich auf neue Visionen einzulassen. Erstens fühlen sich Steuerzahler bedroht vom Gedanken, es werde ihnen an den Kragen gehen, wenn Leute auf dem traditionell festgelegten Ruhestandsalter beharren, ohne in ihrem Arbeitsleben hinreichende Rentenansprüche erworben zu haben. Diese Steuerzahler – angesprochen sind hier jene überdurch­schnittlich viel verdienenden Erwerbstätigen, die die Steuerlast vor allem tragen – haben ja scheinbar allen Grund zur Befürchtung, die wachsende «Alterslast» buckeln zu müssen, wenn bei traditionell definiertem Ruhestands­alter die Rentner älter und älter werden.

Da rüstet man sich eben hüben und drüben für andauernde Grabenkämpfe zwischen Leuten, die verfügbares Einkommen zu verlieren, und anderen, die ein längeres Leben im Ruhestand zu gewinnen haben. Und ein zweiter Konflikt scheint sich aufzutun zwischen den Jungen, die zugunsten der Senioren auf wachsende Teile ihres laufenden Einkommens meinen verzichten zu müssen.

Wenn dabei die Wachstumsperspektiven der Wohlstandsgesellschaften unsicherer werden im Zeichen wachsender Zweifel an der Möglichkeit, Wirtschaftswachstum umweltverträglich zu gestalten, dann droht ein Nullsummenspiel, in dem Gewinne der einen auf Kosten der übrigen gehen. Eine Klärung genau dieser Frage nach der Umweltverträglichkeit künftiger Wohl­standsgewinne wird zweifellos Teil einer besonnenen Diskussion neuer biographischer Leitbilder sein.

Ich bin überzeugt, dass man über das Ruhestandsalter entspannter diskutieren wird, wenn man an die Bereitschaft der Alten appelliert, am Arbeitsleben länger teilzuhaben, um so Werte zu schaffen, die zur Erhaltung der natürlichen Bedingungen menschlichen Lebens beitragen.

III – Prozess des sozialen Lernens

Das Ziel der Auseinandersetzung scheint einigermassen klar zu sein: Wir leben immer länger, also gewinnen wir Zeit, und es erschliessen sich uns neue Handlungsfelder. Wir erhalten neue Chancen, nicht bloss um Neues zu tun, sondern um andere zu werden. Dabei kann es sich nun eben aufdrängen, die neuen Handlungsfelder nicht auf Elefantenjagden oder beim Jassen zu suchen, sondern auch in der Welt der bezahlten (oder unbezahlten) Arbeit. Hier liegt der Akzent nun ganz auf dem Begriff der «neuen Handlungsfelder»: Mit Lafargue werden wir am «Recht auf Faulheit» festhalten wollen, ohne auf die Chance zu verzichten, die Tage so zu verbringen, dass wir uns am Abend freuen können auf den folgenden Tag: weil dieser uns anregende Tätigkeit verspricht und Gewinn an Begegnungen mit anderen Menschen.

Soziales Lernen ist angesagt, und zwar fundamentales: ein Lernen, das den Blick öffnet für Dinge, die wir bisher übersehen haben, und das uns dazu anleitet, Bekanntes in neue Beziehungen zu rücken und uns aus vertrauten Zusammenhängen herauszulösen. Die Arbeit des alten Menschen wird man würdigen wollen nicht in erster Linie als Quelle von Einkommen, die als letzte noch offen bleibt, wenn es an Rentenansprüchen fehlt. Und die neue Arbeit des alten Menschen wird nicht als ein Versagen in angestammter Tätigkeit zu interpretieren sein, sondern als Ergebnis biographischer Entwicklung, die aus einem Menschen einen neuen hat werden lassen. Damit solches sich öfters realisiert, als wir es heute beobachten, braucht es ein Umfeld, braucht es Spielregeln, die es unterstützen: die Normalität neuer Selbst- und Fremdbilder, die den Wechsel aus dem einen in den anderen Handlungsbereich zur Selbstverständlichkeit macht.

Warum «soziales Lernen»? Weil sich in kommunikativen Prozessen die Erwartungen und Lebensperspektiven sehr vieler Menschen zur Kongruenz bringen müssen, um für den einzelnen eine verlässliche Stütze und für politisches Handeln die Grundlage bilden zu können. Zurzeit sind wir ja noch geneigt, den bevorstehenden Wandel unter den Begriff der «Flexibilisierung» zu stellen: Flexibilisierung der Bilder, die wir vom Alter haben, Flexibilisierung von Normen positiven Rechts, die sich gefälligst neuen Leitbildern anpassen sollen. Doch geht es eben nicht um Flexibilisierung allein, sondern, wie schon angedeutet, um Koordination von Erwartungen und Lebensperspektiven. Wie sich diese Koordination vollziehen wird, wissen wir noch nicht. Sie wird Gegenstand sein – und ist es natürlich jetzt schon – von Gedankenspielen unterschiedlichsten Ursprungs, die man auf den Prüfstand des Gesprächs bringt, des Gesprächs in kleinen Kreisen des Lebens, in den alten und den neuen Medien, in politischen Parteien, in Wirtschaftsverbänden. Auf diesem Prüfstand wird sich entscheiden, was die neue Normalität biographischer Leitbilder ausmachen wird.

Ich greife zum Schluss eines dieser Gedankenspiele auf zur Illustration des Prozesses, an dem wir heute alle schon teilhaben. «Weiterbildung» wird an Bedeutung gewinnen; man wird Ernst machen mit der ja schon alten Idee der «éducation permanente». Der Ernst wird sich in mannigfacher Weise manifestieren. Erstens im Bild, das sich die Menschen von ihrer beruflichen Zukunft machen: Die jungen Menschen werden nicht diesem oder jenem Beruf verfallen, sie werden sich fit machen für künftige Realisierungen beruflicher Chancen, die sich im Horizont ihrer Erwartungen höchstens in Umrissen abzeichnen. Zweitens in den Erwartungen, die die soziale Umgebung an die berufliche Laufbahn des jungen und alten Menschen richtet: Freunde, Ehepartner, Schwiegermütter, Kinder, Nachbarn werden dem Berufswechsel eines bislang vielleicht erfolgreichen oder doch erfolgversprechenden Berufsmannes nicht mit Enttäuschung, Besorgnis und Skepsis begegnen, sondern mit wohlwollendem Interesse und mit der Kompetenz desjenigen, der mit dem Gedanken und der Praxis eines Berufswechsels vertraut ist. Drittens im institutionellen Umfeld, in dem sich junge und alte Menschen bewegen: Weiterbildung wird auch zu Lasten des Steuerzahlers etwas kosten dürfen, so wie man sich die konventionelle Schule nach notabene harten Auseinandersetzungen hat etwas kosten lassen. Und ganz selbstverständlich wird sich die Beratung desjenigen, der nach zehn Jahren Berufserfahrung nach neuen Chancen Umschau hält, professionalisieren: Es ist reine Ressourcenverschwendung, wenn man heute einen Berufsabbrecher den Zufällen seiner persönlichen Orientierungssuche überlässt und die Schultern zuckt, wenn er scheitert.

Der «Berufswechsel» wird zum Gegenstand erfahrungsgestützter Expertise, die man akkumulieren und systematisieren wird. Und viertens und zu guter Letzt: Was uns noch als «Übergang in den Ruhestand» gilt, verliert seinen Sonderstatus und seinen ultimativen, finalen, im Grunde sozial ausgrenzenden Charakter des «bis hierher und nicht weiter»: Er fügt sich ein in den Rhythmus des routinierten Wechsels der Lebensphasen.

 

Hansjörg Siegenthaler war von 1970 bis 1998 Professor für Neuere Wirtschaftsgeschichte und spezielle Gebiete der Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich.

Gesellschaftliches Lernen scheint nicht zuletzt Vorbilder vorauszusetzen. Ihre Biographien helfen, sich auf neue Visionen einzulassen. Dies ist dringend notwendig, will man Herausforderungen etwa im Zusammenhang mit dem Rentensystem oder dem Klimawandeladäquat begegnen. (Illustration: Christina Baeriswyl)