Lehrabschluss mit 39 Jahren: «Ich wollte nicht länger zur Kategorie ‹ungelernt› gehören»


Wie ist es eigentlich, mit fast 40 seinen Lehrabschluss zu machen? Und mit welchen Vorurteilen ist man dabei konfrontiert? SVEB-Mitarbeiter Domenico Molinaro gibt Auskunft und findet: «Das EFZ ist das Fundament jeder Karriere.»

Abschlüsse für Erwachsene sind für den SVEB schon lange ein wichtiges Thema, nicht nur im Bereich Grundkompetenzen. Dass dies für viele ein anspruchsvoller Weg ist, zeigt das Beispiel von SVEB-Mitarbeiter Domenico Molinaro.

Wie kam es, dass du keine Ausbildung gemacht hast?
Das hatte damals vor allem familiäre Gründe. Mein Vater war schwer erkrankt, und da meine Mutter die Einzige war, die das Einkommen sicherte, entschied ich mich, meine erste Ausbildung im Gastgewerbe abzubrechen, um die Familie finanziell zu unterstützen. Später versuchte ich, in Italien mit dem Liceo Artistico noch einmal neu anzufangen, merkte aber nach einem Jahr, dass meine Wurzeln und mein Lebensmittelpunkt in der Schweiz sind. Zurück in Zürich stieg ich direkt in die Arbeitswelt ein und bekam bei der damaligen Cablecom (später UPC) die Chance, mich zu beweisen. Ich blieb der Firma knapp 15 Jahre lang treu, wodurch der formale Abschluss erst einmal in den Hintergrund rückte.

Warum hast du mit 39 Jahren beschlossen, doch noch einen Lehrabschluss nachzuholen?
Der Wendepunkt kam mit der Fusion von Sunrise und UPC, durch welche meine Stelle gestrichen wurde. Ich nutzte die Zeit für eine Beratung beim Berufsinformationszentrum BIZ. Mir war bewusst, dass ich zwar über 22 Jahre Berufserfahrung im Gepäck hatte, mir aber das offizielle Diplom fehlte. Ich habe mich für das EFZ entschieden, da es in der Schweiz das Fundament jeder Karriere ist. Ich wollte schwarz auf weiss beweisen, dass ich eine qualifizierte Fachkraft bin – und nicht länger in die Kategorie «ungelernt» fallen.

Welche Schwierigkeiten gab es dabei?
Die grösste Herausforderung war die enorme Selbstdisziplin, die dieses Verfahren fordert. Man schreibt nicht nur eine Prüfung, sondern beweist seine langjährige Erfahrung in detaillierten Dossiers. Insgesamt mussten 24 Handlungskompetenzen validiert werden – bestehend aus allen Pflichtkompetenzen (wie z. B. Soll-Ist-Vergleiche oder Kommunikation) sowie sechs Wahlpflichtkompetenzen (z. B. Kundengewinnung und Marketing oder Personaladministration). Pro Kompetenz mussten mindestens sechs A4-Seiten mit konkreten Praxisbeispielen erarbeitet werden. Hinzu kam der logistische Aufwand, da nach der Infoveranstaltung und der Zuweisung zum dreitägigen Seminar auch die spezifischen Fachkurse sowie die schriftlichen und mündlichen Prüfungen zentral bei der Wirtschafts- und Kaderschule WKS in Bern stattfanden.

Wie war es, sich nach so langer Zeit wieder einer Prüfungssituation zu stellen?
Für mich war es mental eine grosse Umstellung. Da es im Validierungsverfahren kein Punktesystem, sondern nur «erfüllt» oder «nicht erfüllt» gibt, steht man unter einem enormen Leistungsdruck. Es brauchte viel Kraft, diesen Spagat zwischen dem anspruchsvollen Alltag, den detaillierten Dokumentationen und einer gesundheitlichen Herausforderung erfolgreich zu meistern.Erschwerend war dabei, dass ich im Jahr 2021 mit einer Gesichtslähmung auf der linken Seite konfrontiert war, die mich sowohl physisch als auch psychisch stark angriff. Bevor ich das Verfahren in Angriff nehmen konnte, musste ich mich voll und ganz auf meine Genesung konzentrieren, um gesundheitlich wieder das bestmögliche Resultat zu erreichen. Trotz dieser einschneidenden Erfahrung und der intensiven Phase der Rehabilitation die nötige Kraft für die Zertifizierung aufzubringen, war eine enorme zusätzliche Leistung, die den erfolgreichen Abschluss für mich umso wertvoller macht.

Sahst du dich mit Vorurteilen konfrontiert?
Beruflich war die Konfrontation mit dem fehlenden Abschluss sehr real. Obwohl ich insgesamt über 22 Jahre Erfahrung mitbrachte, spürte ich auf dem Arbeitsmarkt, dass man ohne das «Papier» oft abgestuft wird. Man darf sich teilweise gar nicht auf Stellen bewerben, die man fachlich längst beherrscht. Das hat auch etwas mit meinem Selbstwertgefühl gemacht. Ich habe versucht, das durch Selbststudium zu kompensieren, aber dieses Gefühl, nicht voll anerkannt zu sein, war am Ende der stärkste Motor, um das EFZ doch noch nachzuholen.

Du konntest auf Unterstützung des Kantons zählen – wie wichtig war das für dich?
Die Unterstützung war absolut entscheidend. Das begann bei der Beratung durch das BIZ und ging bis zur finanziellen Hilfe: Der Kanton hat einen Beitrag von 1000 Franken übernommen. Da meine Situation aufgrund der gesundheitlichen Rehabilitation finanziell angespannt war, konnte ich zusätzlich auf Mittel einer Stiftung zählen, die über eine kantonale Sonderstelle koordiniert wurden. Ohne diese gezielte Unterstützung wäre die Finanzierung des Verfahrens in dieser Phase der Neuorientierung kaum möglich gewesen.

Welche Rolle spielte der SVEB dabei?
Der SVEB war für mich weit mehr als nur ein Arbeitgeber – er war der Ort, an dem ich die Chance für einen echten Neuanfang bekam. Ich startete dort im Rahmen einer Wiedereingliederung und von Anfang an spürte ich ein tiefes Vertrauen. Es war ein wertvolles Geben und Nehmen: Während ich mich schrittweise wieder in den Arbeitsalltag integrierte und produktiv mitarbeitete, gab mir der SVEB den Raum, den ich für mein Validierungsverfahren so dringend brauchte. Besonders die persönliche Unterstützung durch die Geschäftsleitung hat mich tief beeindruckt. Der schönste Beweis für den gemeinsamen Erfolg war, dass ich im September 2025 eine feste Stelle beim SVEB antreten durfte. Ich arbeite dort nun in einem 40%-Pensum und bin stolz darauf, fest zum Team zu gehören. Dass ich heute mein EFZ in den Händen halte, verdanke ich diesem aussergewöhnlichen Umfeld, in dem lebenslanges Lernen nicht nur ein Wort ist, sondern mit viel Herz gelebt wird.