Wie Teilnehmende am TRANSIT-Event gemeinsam die Polarisierung behandelten 


In unterschiedlichen Konstellationen und doch grosser Einigkeit die Spaltung der Gesellschaft diskutieren – der Anspruch der TRANSIT-Veranstaltung war hoch, wurde aber seiner Absicht gerecht. Ein Rückblick. 

«Weiterbildung muss neutral bleiben.» Oder: «Weiterbildung muss Haltung zeigen.» Wo positionieren Sie sich? Mit dieser Frage respektive mit diesem Spektrum leiteten Sabin Müller und Helen Buchs in die Veranstaltung vom 14. September zum Thema Polarisierung ein.  

Das erklärte Ziel der Veranstaltung: das neue TRANSIT-Fokusthema Polarisierung zu lancieren, ein Verständnis von Polarisierung zu schaffen, Ideen für den Trendbericht zu generieren und Möglichkeiten für Austausch und Inspiration zu bieten.  

Vier Dimensionen 

Zu Beginn umriss TRANSIT-Verantwortliche Helen Buchs, was der Think-Tank unter Polarisierung versteht, nämlich einen gesellschaftlichen Prozess, in dem Unterschiede zwischen Gruppen und Deutungen stärker hervortreten oder sich verfestigen. Problematisch wird Polarisierung erst dort, wo sie Verständigung erschwert, gemeinsame Bezugspunkte schwächt oder zu ungleichen Lebenschancen beiträgt.  

Aranya Sritharan, Projektleiterin im Team Forschung und Entwicklung des SVEB, beschrieb die vier Dimensionen, welche in diesem Zusammenhang relevant sind: die soziale Dimension, die technologische, die ökonomische und die politische.  

So reduzieren in der sozialen Dimension etwa getrennte Lebenswelten soziale Berührungspunkte. Dabei unterscheiden sich soziale Gruppen beispielsweise hinsichtlich materieller Ressourcen, Bildungswegen, Wohnorten und Lebensstilen. Weniger gemeinsame Erfahrungsräume können wiederum Vertrauen, Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächen. 

Technologisch generiert beispielsweise die kritische Nutzung von digitalen Tools Ungleichheiten. Zudem beeinflussen digitale Plattformen und Algorithmen, welche Informationen Menschen sehen und mit welchen Perspektiven sie in Kontakt kommen. Dadurch können sich ihre Wissens- und Informationsräume auseinanderentwickeln, was Verständigung erschwert. 

In der ökonomischen Dimension war in der Schweiz beispielsweise lange ein Wachstum bei Jobs für Hochqualifizierte festzustellen. Die entstandenen Jobs profitieren von technologischen Entwicklungen und sind mehrheitlich attraktiv, während dies auf das andere Ende der Berufsstruktur weniger zutrifft. 

Politisch ist nicht nur die themenbezogene, sondern auch die affektive Poloarisierung ein Thema: also eine wachsende emotionale Distanz und gegenseitige Abneigung zwischen Anhängerinnen und Anhängern verschiedener Lager.  

Isabel Schuler: «Demokratiemuskel trainieren» 

In der Folge gab Isabel Schuler vom Think + Do-Tank Pro Futuris der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft SSG Einblick in aktuelle Studienergebnisse. Pro Futuris ging der Frage nach, «inwiefern die Bevölkerung bereit ist, mit Andersdenkenden in den Austausch zu treten, politische Kompromisse einzugehen und auch unliebsame Parteien als legitimen Teil der Demokratie zu akzeptieren.» 

Dabei kam beispielsweise heraus, dass 2024 vor allem die Themen Zuwanderung, Umgang mit der Pandemie, aber auch der Ukraine-Krieg polarisierten. Klimaaktivistinnen, Gegner der Covid-Massnahmen und Asylbewerberinnen waren als Gruppen am unbeliebtesten. Und mehr als ein Drittel würde gerne jene Partei, die ihr am unsympathischsten ist, aus dem politischen System ausschliessen.  

Doch Schuler zeigte sich dennoch zuversichtlich: «Eine Demokratie hält viel Polarisierung aus.» Und weiter: «Wir sind uns oft gar nicht so uneins, wie wir denken.» Es sei auch wichtig, Unstimmigkeiten aushalten zu können, also eine gewisse Ambiguitätstoleranz to entwickeln oder zu pflegen und immer wieder die Perspektive zu wechseln. Wenn man sich Zeit nehme, einander zuhören, könne das Verständnis schaffen und sich Zusammengehörigkeit entwickeln. Die Gesellschaft müsse also ihre «Demokratiemuskeln trainieren». Es brauche Begegnungsräume, einen sicheren Raum für Dialog. Die Weiterbildung könne dabei ebenfalls ein Begegnungsort sein, wo unterschiedliche Meinungen zusammenkommen. 

Diskussion in unterschiedlichen Formationen 

In den anschliessenden World Cafés wurde dann besprochen, was die Weiterbildung tun kann, um Ungleichheiten aufgrund von Polarisierungstendenzen zu vermeiden? In Bezug auf Politik, Gesellschaft, Arbeitsmarkt und Technologie. Aber auch wo Weiterbildung bereits zu Ungleichheiten führt, wie die Zukunft aussehen könnte und was es braucht, um dahin zu kommen.  

An vier Tischen und in unterschiedlichen Konstellationen wurde rege diskutiert und wild auf die farbigen Tischtücher geschrieben. TRANSIT wird die Diskussionen und Notizen auswerten und in den Trendbericht zur Polarisierung einfliessen lassen.   

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