Chatbots für die Weiterbildung: Projekte und Potentiale


Chatbots halten Einzug in die Weiterbildung: Sie informieren, beraten und begleiten Lernprozesse. Trotz vieler Einsatzfelder stellen sich aber aktuell noch viele Fragen und Chatbots dienen mehr als Ergänzung, denn als Ersatz für Gespräche mit Fachpersonen.

Artikel: Helen Buchs

Die Weiterbildungsbranche in der Schweiz experimentiert derzeit intensiv mit Chatbots. Dabei entstehen vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Grob lassen sich fünf Einsatzfelder unterscheiden:

  • Informations- und Servicebots beantworten Fragen zu Kursen, Terminen oder Zulassung und entlasten administrative Stellen.
  • Empfehlungs- und Matching-Systeme schlagen auf Basis von Daten passende Angebote oder Lernpfade vor.
  • Beratungsnahe Laufbahn-Bots strukturieren Gespräche zu beruflichen Zielen und leiten daraus Entwicklungsmöglichkeiten ab.
  • Lernbegleitungs- und Reflexionsbots unterstützen laufende Lernprozesse und stärken die Selbststeuerung.
  • Kompetenz- und Portfolio-Bots machen Kompetenzen und Erfahrungen sichtbar und übersetzen diese in Profile.

Diese Felder überlappen sich in der Praxis häufig. Ein konkreter Chatbot kann beispielsweise gleichzeitig Servicefragen beantworten, Empfehlungen geben und Lernende in ihrem Prozess begleiten.

Co-Pilot für berufliche Entwicklung: Referenzprojekt mit Signalwirkung

Ein Projekt aus den Einsatzfeldern Informations- und Empfehlungssysteme kommt nach einer Entwicklungsphase von vier Jahren nun zum Abschluss. Der «Co-Pilot für berufliche Entwicklung» wurde vom SBFI unterstützt und von ZHAW, emplution und Apps with love entwickelt, um einen niederschwelligen Zugang zu branchenspezifischer, passgenauer Weiterbildung zu ermöglichen. Als Praxispartner mitgewirkt haben JardinSuisse und TREUHAND|SUISSE. Das Projekt markiert einen wichtigen Referenzpunkt für die weitere Entwicklung von Chatbots. Die erarbeiteten Lösungen können frei genutzt, weiterentwickelt und angepasst werden.

Der Co-Pilot steht exemplarisch für ein hybrides Beratungsmodell: Die KI führt Nutzerinnen und Nutzer durch eine strukturierte Erstabklärung, erfasst berufliche Situation, Erfahrungen und Interessen und leitet daraus Vorschläge für Weiterbildungen und nächste Entwicklungsschritte ab. Wo die Komplexität steigt, erfolgt gezielt die Übergabe an menschliche Beratung. Entscheidend ist dabei nicht nur die Automatisierung, sondern auch die Neugestaltung des Zugangs zur Beratung: niederschwellig, jederzeit verfügbar und gleichzeitig anschlussfähig an bestehende Beratungsstrukturen.

Praxisbeispiele: Zugang erleichtern und Lernen begleiten

Weitere Anwendungen von Chatbots für die Weiterbildung sind bereits im Einsatz. Hier werden exemplarisch zwei Beispiele aufgeführt, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Der virtuelle «Weiterbildung inklusive» Concierge ist eine Initiative von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen in Hotellerie und Gastronomie. Er unterstützt vor allem bei Fragen zu Angeboten, Finanzierungsmöglichkeiten und Zugangsvoraussetzungen. Hier zeigt sich das Potenzial von Chatbots, bestehende Zugangsbarrieren zu reduzieren und neue Zielgruppen zu erreichen.

Beim Chatbot von Yepa rückt ein anderer Aspekt in den Fokus: die Reflexion und Sichtbarmachung von Kompetenzen. Der aus einem wissenschaftlichen Projekt im Bereich der Pädagogik hervorgegangene Chatbot begleitet Lernende dabei, ihre Situationen, Erfahrungen und Lernprozesse zu beschreiben und leitet durch gezielte Fragen zur Analyse und Modellierung von Lernpraktiken an.

Weitere Entwicklungen: Berufsberatung und Digitalisierung der beruflichen Weiterbildung

Mit RIO entsteht derzeit ein weiterer KI-gestützter Ansatz im Umfeld von berufsberatung.ch. Es wird ein KI-gestützter Chatbot erarbeitet, der den Ratsuchenden künftig eine einfache, jederzeit verfügbare Möglichkeit bietet, verlässliche Informationen zu Berufswegen, Ausbildungen und Laufbahnfragen interaktiv abzurufen. Damit bewegt sich RIO ebenfalls im Spannungsfeld zwischen Informationssystem, Empfehlungstool und beratungsnaher Unterstützung.

Auch im deutschsprachigen Raum wird intensiv an KI-gestützten Assistenzsystemen für Bildung und Beratung gearbeitet. Mit dem Innovationswettbewerb INVITE förderte das frühere Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) deshalb bildungstechnologische Innovationen in der Weiterbildung, welche die Suche nach passfähigen Angeboten erleichtern, die Nutzerorientierung von Plattformen stärken, und das Angebot KI-unterstützter Weiterbildungsangebote vergrößern sollten. Die 35 Gewinnerprojekte reichen von intelligenten Lernassistenzsystemen über Kompetenzanalyse bis hin zu KI-gestützter Beratung und adaptiven Lernumgebungen.

Integration statt Einzellösungen

Wie die Projekte zeigen, haben Chatbots das Potenzial, Prozesse zugänglicher, systematischer und stärker personalisiert zu gestalten. Zudem werden Chatbots in der Weiterbildung zunehmend nicht mehr nur als technische Zusatzfunktion, sondern als Bestandteil zukünftiger Bildungs- und Beratungsinfrastrukturen gedacht.

Fest steht aber auch, dass Chatbots häufig eher als Ergänzung dienen und Gespräche mit Fachpersonen nicht ersetzen. Dies zeigen auch die Forschungsresultate aus dem Projekt Co-Pilot für berufliche Entwicklung. Zudem stellen sich noch viele grundlegende Fragen. Wie lässt sich die Qualität in KI-gestützter Beratung sichern? Wie verändern sich Rollen von Fachpersonen? Und wie können solche Systeme sinnvoll in bestehende Strukturen eingebettet werden?