Das Schwellenniveau des SBFI präzisiert, bis wohin Kompetenzen im Sinne des Weiterbildungsgesetzes als Grundkompetenzen gelten. Cäcilia Märki, Ko-Koordinationsverantwortliche Grundkompetenzen beim SVEB, erläutert, wofür es den Kantonen dient und was Anbieter daraus für ihre Angebote mitnehmen können.
Wofür wurde das Schwellenniveau geschaffen – und an wen richtet es sich?
Mir ist wichtig, das gleich zu Beginn zu klären: Das Schwellenniveau richtet sich in erster Linie an die Kantone und das SBFI. Es soll ihnen helfen, Angebote nach einem gemeinsamen Verständnis zu beurteilen und zu fördern. Für Anbieter ist es deshalb eine wichtige Referenz für die Einordnung ihrer Angebote. Es ist aber nicht als Anleitung für Bedarfserhebung, Kursplanung oder Lernbegleitung angelegt.
Was legt das Schwellenniveau fest?
Es definiert die obere Grenze der Grundkompetenzen: Kompetenzen auf und unterhalb dieser Schwelle zählen zu den Grundkompetenzen, darüber liegende Kompetenzen gelten als weiterführend. Damit soll es die bisherigen Orientierungsrahmen in den Bereichen Sprache, Mathematik und IKT ersetzen.
Ist das Schwellenniveau hoch angesetzt?
Ja, das würde ich so sagen. Es markiert nicht den Einstieg in die Förderung, sondern ihre obere Grenze. Bis zu diesem Niveau gibt es einen grossen Spielraum, Grundkompetenzen zu fördern. Das ist wichtig: Auch Angebote für Personen mit sehr geringen Voraussetzungen gehören klar in diesen Bereich.
Was bedeutet das konkret für Anbieter und Kursentwickler?
Anbieter können mit dem Schwellenniveau nachvollziehbar darlegen, dass ihr Angebot Grundkompetenzen fördert. Es hilft damit bei der Einordnung gegenüber Kantonen und Förderstellen. Für die konkrete Angebotsentwicklung reicht es jedoch nicht aus: Es enthält keine konkrete Anleitung für Zielgruppenansprache, Abklärung, Kursaufbau, Lernziele oder die Begleitung individueller Lernwege.
Bedeutet die Schwelle, dass nur Personen auf diesem Niveau gefördert werden?
Nein, ganz im Gegenteil. Die Kompetenzen unterhalb der Schwelle gehören ausdrücklich zu den Grundkompetenzen. Sie werden im Dokument aber nicht genauer beschrieben; sie gelten als Voraussetzungen für das Erreichen des Schwellenniveaus und sollen in Abklärung und Förderung einbezogen werden.
Welche Fehlinterpretationen sollten Anbieter vermeiden?
Die Schwelle sollte weder als Zugangshürde noch als starres Kursziel verstanden werden. Ich würde Anbietern auch nicht empfehlen, Angebote ausschliesslich an der erwarteten Förderfähigkeit auszurichten. Entscheidend bleibt, vom tatsächlichen Lernbedarf und von konkreten Anforderungen in Alltag, Arbeit und Bildung auszugehen und unter dem Schwellenniveau liegende Kompetenzen gezielt aufzubauen.
Was ist am Kompetenzverständnis fachlich besonders interessant?
Das Dokument versteht Kompetenzen handlungsorientiert: Es geht um die Fähigkeit, konkrete Aufgaben zu bewältigen und dabei fachliche, externe und transversale Ressourcen gezielt einzusetzen. Die Deskriptoren sind deshalb mit Beispielen aus Alltag, Arbeit und Bildung verbunden.
Welche Rolle spielen transversale Kompetenzen?
Organisation, Problemlösen, Transferfähigkeit, Autonomie, Kommunikation und Zusammenarbeit werden deutlich sichtbarer. Das ist wichtig, weil Grundkompetenzen in realen Situationen nicht isoliert auftreten. Förderrechtlich gilt: Transversale Kompetenzen sind im Rahmen des WeBiG nur dann finanzierbar, wenn sie mit anderen Grundkompetenzen verbunden sind.
Was bedeutet das für die Gestaltung von Angeboten?
Ich sehe darin eine gute Grundlage für integrierte und situationsbezogene Angebote. Ein konkretes Problem am Arbeitsplatz kann gleichzeitig Sprache, Mathematik, IKT und transversale Kompetenzen erfordern. Das Dokument anerkennt diese Überschneidungen ausdrücklich – die didaktische Übersetzung in passende Lernangebote bleibt aber Aufgabe der Anbieter.
Welche Bedeutung hat das für arbeitsplatzbezogene Grundkompetenzen?
Gerade am Arbeitsplatz stellt sich oft die Frage, ob eine Anforderung noch Grundkompetenz ist oder bereits berufsspezifische Weiterbildung. Das Schwellenniveau bietet dafür eine gemeinsame Referenz. Die konkrete betriebliche Situation muss jedoch weiterhin differenziert analysiert werden.
Welche Rolle spielt dabei das GO-Modell?
GO ergänzt das Schwellenniveau: Während dieses die Abgrenzung von Grundkompetenzen klärt, hilft GO, konkrete Arbeitssituationen zu analysieren sowie daraus Lernbedarf, Lernziele und Transfer abzuleiten.
Wie fällt Ihre Gesamtbewertung aus?
Ich halte das Schwellenniveau für einen wichtigen Schritt zu mehr Klarheit und einer einheitlicheren Förderpraxis. Für Anbieter ist es eine relevante Referenz, aber kein didaktisches Instrument. Entscheidend bleibt, dass sie diese Referenz in konkrete Lernbedarfe, Lernprozesse und Anwendungssituationen übersetzen.

