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Berufsorientierte Weiterbildung für alle – noch ein weiter Weg

  • 08.05.2018

Die Berufsbildung muss erwachsenengerecht werden. Dies ist die Kernaussage der diesjährigen bildungspolitischen Tagung des SVEB. Die Podiumsdiskussion zeigte jedoch, dass der Weg zu einer berufsorientierten Weiterbildung für alle Erwachsenen noch weit ist.

Die Berufsbildung endet nicht nach einer Lehre oder einem Studium. Der technologische Fortschritt und der gesellschaftliche Wandel führen dazu, dass die Anforderungen an die Kompetenzen von berufstätigen Erwachsenen sich stetig erhöhen – und zwar in immer rascherem Tempo. Damit wird berufsorientierte Weiterbildung auch in immer kürzeren Abständen für fast alle Berufstätigen unabdingbar.

Diese Tatsache war an der bildungspolitischen Tagung 2018 des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB) unbestritten; sie hatte das Leitbild «Berufsbildung 2030» und die Rolle der Weiterbildung bei der beruflichen Fortbildung zum Thema. «Die Ausrichtung der Berufsbildungsstrategie 2030 auf das lebenslange Lernen ist ein Gebot der Zeit», sagte Jürg Zellweger, Ressortleiter Bildung beim Schweizerischen Arbeitgeberverband, einleitend zur Podiumsdiskussion. Dass dies sämtliche Berufstätigen betrifft, unterstrich Theo Ninck, Präsident der Schweizerische Berufsbildungsämter SBBK. «Das Upskilling findet auch bei den Un- und Teilqualifizierten immer stärker statt», so Ninck.

 

550'000 Erwachsene ohne Berufsabschluss

Allerdings kommen noch längst nicht alle Berufstätigen in der Schweiz in den Genuss einer beruflichen Weiterbildung, wie SVEB-Direktor Bernhard Grämiger festhielt. 66 Prozent der erwerbstätigen Erwachsenen ohne nachobligatorische Ausbildung würden sich beruflich nicht weiterbilden. Immerhin 40 Prozent der Gruppe mit Berufsabschluss nehme an keiner beruflichen Weiterbildung teil, auch nicht on the job. Schliesslich verfügten rund 550‘000 Erwachsene zwischen 25 und 64 Jahren in der Schweiz über keinen Berufsabschluss.

Dass man alle diese Personen erreichen könne, bezweifelte Zellweger. Doch auch er sieht Verbesserungspotential, auch auf Arbeitgeberseite. Dass eine Kultur gefragt ist, die Weiterbildung als selbstverständliches Instrument der Entwicklung des Einzelnen versteht, aber auch der Entwicklung des gesamten Unternehmens, darüber war man sich auf dem Podium einig.

 

Unterschiedliche Positionen zur Finanzierung

Bei der Frage der Finanzierung schieden sich die Geister schiesslich. Während der SVEB aufgrund der ungenügenden Weiterbildungsbeteiligung eine Intervention der öffentlichen Hand als gerechtfertigt ansieht, reichen für die Arbeitgeberseite Lohnanreize bereits als starkes Instrument, um Mitarbeitenden eine Weiterbildung schmackhaft zu machen. Natürlich würde es Zielgruppen geben, die man finanziell unterstützen müsse, räumte auch Zellweger ein. Eine finanzielle Förderung auf breiter Ebene lehnte er jedoch ab.

Rémy Hübschi vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) wiederum verwies darauf, dass mit der Subjektfinanzierung bei der Höheren Berufsbildung der Bund im Grunde bereits in die berufliche Weiterbildung investiere. Überdies könne berufliche Weiterbildung von den Bundesteuern abgezogen werden.

Weiterbildung als Aufgabe nur des Individuums griff für Joëlle Racine, der Bildungsverantwortlichen bei der Gewerkschaft Unia, deutlich zu kurz. Auf dem Podium machte sie sich stark für eine paritätische Finanzierung durch einen Fonds der Sozialpartner sowie für Stipendien für Erwachsene. Sie betonte überdies die Bedeutung der Beratung und der Motivation. Damit brach sie eine Lanze für den Standpunkt des SVEB, der eine aufsuchende Beratung für die Erhöhung der Weiterbildungsbeteiligung für unabdingbar hält.

Natürlich stellte sich an der SVEB-Veranstaltung auch ganz klar die Frage, welche Rolle die privaten Weiterbildungsanbieter spielen könnten. Alle Diskutanten plädierten für mehr Durchlässigkeit des Systems und für die Anerkennung auch non-formaler Abschlüsse im Rahmen der Berufsbildung. Sekundiert wurden sie dabei von Pierre Dillenbourg von der ETH Lausanne (EPFL). Der Direktor des Leading House «Technologien für die Berufsbildung» und Mitglied des Runden Tischs «Forschung Berufsbildung» illustrierte in seiner Keynote das Potential von Massive Open Online Courses (MOOCs) als Alternative gerade auch zum Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit. Gleichzeitig plädierte er dafür, Kompetenzen von Berufsleuten in einer Weise sichtbar zu machen, dass sie in unterschiedlichen Branchen verstanden und anerkannt werden können.

Die SVEB-Veranstaltung hatte nicht das Ziel, Rezepte für die Ausgestaltung der «Berufsbildung 2030» zu liefern. Sie zeigt jedoch, dass man an einer gemeinsamen Strategie arbeitet, wenn auch mit unterschiedlichen Standpunkten. Für den SVEB ist klar, dass er sich weiterhin für Vernetzungen und eine Stärkung des Weiterbildungsgedankens in Unternehmen einsetzen wird - und auch für eine Finanzierung zumindest für jene, die sich eine berufliche Weiterbildung nicht ohne weiteres leisten können. Vor allem jedoch wird sich der SVEB als Interessenverband der Weiterbildung stärker in die Entscheidungsprozesse einbringen. (RS)

Podiumsdiskussion
Bei der Frage der Finanzierung haben die Podiumsteilnehmer unterschiedliche Positionen (Bild: Johanna Kotlaris).