Die künstliche Intelligenz entwickelt sich rasant weiter und verändert bereits jetzt die Art und Weise, wie wir lernen und arbeiten. Die PISA-Ergebnisse von 2025 und die «AI Capability Indicators» der OECD zeigen einen klaren Trend: Je leistungsfähiger die KI wird, desto unverzichtbarer bleiben Grundkompetenzen, um ihre Ergebnisse selbstständig zu verstehen, zu überprüfen und anzuwenden.
Artikel: Caroline-Meyer Quevedo
KI-Tools können mittlerweile Texte verfassen, Dokumente zusammenfassen, übersetzen, Informationen recherchieren oder Lösungen vorschlagen. Die KI-Fähigkeitsindikatoren der OECD zeigen, dass die KI in Bereichen wie Sprache oder Wissensverarbeitung bereits ein fortgeschrittenes Niveau erreicht hat.
Gleichzeitig belegen die PISA-Ergebnisse 2025, dass sich Kompetenzen uneinheitlich entwickeln. Zwar erzielen in der Schweiz 15-Jährige in mehreren Bereichen nach wie vor Ergebnisse, die über dem OECD-Durchschnitt liegen, doch die Leistungen im Lesen und in Mathematik sind in den letzten Jahren zurückgegangen.
KI ist zudem bereits fest im Lernalltag verankert: 55 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz geben an, mindestens einmal pro Woche einen KI-Chatbot zum Lernen zu nutzen. Sie nutzen ihn insbesondere, um Informationen zu recherchieren, Texte zusammenzufassen oder Arbeiten zu verfassen.
Der Einsatz von KI reicht nicht aus
Für die Erwachsenenbildung ist folgende Feststellung wichtig: Zu wissen, wie man ein KI-Tool öffnet und nutzt, bedeutet noch nicht, dass man es richtig einsetzen kann. Um eine von einer KI generierte Antwort zu bewerten, muss man in der Lage sein, den Inhalt zu verstehen, Unstimmigkeiten zu erkennen, Informationen zu vergleichen, eine Quelle zu überprüfen und zu beurteilen, ob das Ergebnis relevant ist.
Grundkompetenzen bleiben daher unerlässlich. Sie werden sogar zu einer Voraussetzung für den selbstständigen Umgang mit künstlicher Intelligenz. Wer über gute Lese-, Rechen- und digitale Kompetenzen verfügt, kann KI nutzen, um Zeit zu sparen, ein Thema zu vertiefen oder bestimmte Aufgaben zu erleichtern. Umgekehrt besteht bei Personen mit schwachen Grundkompetenzen ein höheres Risiko, eine generierte Antwort für wahr zu halten, ohne sie ausreichend überprüfen zu können. Die digitale Kluft könnte sich somit zu einer neuen Form der Kluft entwickeln: eine Kluft in der Fähigkeit, KI kritisch und effektiv zu nutzen.
Grundkompetenzen neu überdenken
Diese Entwicklung fordert uns dazu auf, unser Verständnis von Grundkompetenzen zu erweitern. Lesen, Schreiben, Rechnen und der Umgang mit digitalen Technologien bleiben grundlegend. Doch andere Fähigkeiten gewinnen zunehmend an Bedeutung: Informationen verstehen, ein Problem formulieren, die richtigen Fragen stellen, eine Antwort überprüfen, Quellen vergleichen und ein eigenes Urteilsvermögen entwickeln.
Es geht also nicht nur darum, eine «KI-Kompetenz» zu entwickeln oder zu lernen, wie man gute Eingabeaufforderungen verfasst. Die Herausforderung besteht darin, über ausreichend solide Kompetenzen zu verfügen, um KI nutzen zu können, ohne ihr das Denken und Entscheiden vollständig zu überlassen.
Eine Herausforderung für die Erwachsenenbildung
Für den SVEB bestätigt diese Entwicklung, wie wichtig es ist, in die Grundkompetenzen von Erwachsenen zu investieren. In der Arbeitswelt wird KI nach und nach in zahlreiche Tätigkeiten integriert. Damit Menschen diese Werkzeuge als Unterstützung nutzen können, müssen sie in der Lage sein, die erzeugten Ergebnisse zu verstehen, zu bewerten und weiterhin die Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen.
Der Erwachsenenbildung kommt daher eine Schlüsselrolle zu: Sie muss die Lese-, Schreib- und Rechenkompetenz sowie die digitalen Kompetenzen stärken, aber auch die Problemlösungsfähigkeit, das kritische Denken und die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen fördern.
Künstliche Intelligenz kann zudem neue Möglichkeiten eröffnen. Sie kann komplexe Texte vereinfachen, das Erlernen einer Sprache unterstützen, den Zugang zu Informationen erleichtern oder passende Erklärungen liefern. Ihr Potenzial kommt jedoch nur dann allen zugute, wenn die Menschen über die notwendigen Kompetenzen verfügen, um sie umsichtig zu nutzen. KI macht Grundkompetenzen also nicht weniger wichtig. Sie macht sie sogar noch wichtiger.
Für die Erwachsenenbildung besteht die Herausforderung nun darin, jedem und jeder zu ermöglichen, künstliche Intelligenz zu verstehen, zu nutzen, zu überprüfen und zu hinterfragen, damit sie zu einem Werkzeug der Selbstbestimmung wird und nicht zu einem neuen Faktor der Ungleichheit.

