Ein Forschungsprojekt hat mit einer Befragung untersucht, wie Arbeitsmigrantinnen und -migranten im Gastgewerbe ihre Situation wahrnehmen – und wie sie sich daran anpassen. Die Studie zeigt, welche politischen Massnahmen dennoch nötig sind.
Text: Christine Bärlocher
Das Gastgewerbe ist ein typisches Beispiel einer Niedriglohnbranche, die in besonderem Mass von Prekarität geprägt ist. Zudem hat die Branche grosse Schwierigkeiten, ausgebildetes Personal zu finden. Im Jahr 2024 hatten 49 Prozent der Beschäftigten im Gastgewerbe einen ausländischen Pass.
Das Forschungsprojekt «Wandel von (Im-)Mobilitätsregimen: Rechtsansprüche und Prekarisierung von Arbeitsmigrant*innen in Krisenzeiten» untersucht, wie Arbeitsmigrantinnen und -migranten selbst ihre Situation wahrnehmen – und wie sie sich daran anpassen. Dafür wurden 29 Personen im Kanton Wallis und Graubünden befragt.
Aus den Ergebnissen identifizierte das Forschungsteam drei Handlungsfelder, mit denen Entscheidungsträger zu einer besseren Zukunft sowohl für die Migrantinnen und Migranten als auch für die Branche beitragen können: Mindestlohnregulierung, eine Politik für bezahlbare Wohnungen und die betriebliche Weiterbildungsförderung.
«In Portugal ist es schlimmer»
Die Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus den Gastrobetrieben berichteten gemäss der Studie von körperlich harter Arbeit, strikten Arbeitszeiten und -plänen sowie von Löhnen, die kaum zum Leben reichen.
Und doch: Die Migrantinnen und Migranten zeigten eine hohe Anpassungsbereitschaft an die prekären Arbeitsbedingungen. Positiv gewertet wurde beispielsweise die gute infrastrukturelle Ausstattung der Arbeitsplätze in der Schweiz. Auch die niedrigen Löhne wurden im transnationalen Vergleich relativiert: «In Portugal ist es schlimmer», hiess es in den Gesprächen. Andere betonten, dass ihnen das Geld gerade reiche – sie könnten sich jedoch nicht vorstellen, wie sie mit Kindern über die Runden kämen, oder wenn sie das ganze Jahr über in der Schweiz wären.
Flexibel bleiben: Strategien im Umgang mit Unsicherheiten
Ausländerrechtlich bedingten Unsicherheiten durch nur befristete Bewilligungen begegnen die Betroffenen laut der Studie mit individuellen und familiären Lösungen, mit denen sie das Arbeitsjahr organisieren. Manche nutzen auch die Möglichkeit, in der Zwischensaison zum Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zu gehen.
Die prinzipielle Möglichkeit einer Rückkehr – die Befragten stammen bis auf drei Ausnahmen aus EU/Efta Ländern – scheint zudem emotional zu entlasten: als Alternative, falls sich die Situation verschlimmern würde.
Häufig wechselten Betroffene bei Problemen den Job – sei es wegen (zu) tiefen Löhnen, Konflikten im Team oder fehlenden Möglichkeiten der beruflichen Weiterentwicklung. Sowohl qualifizierte als auch ungelernte Mitarbeitende gaben an, dass sie schon einmal oder mehrmals die Stelle gewechselt hätten.
Teures Wohnen in touristischen Berggebieten
Durchwegs Sorgen bereitet der Mangel an zahlbaren Wohnungen in den touristischen Berggebieten in Kombination mit dem niedrigen Lohn. «Früher hatten wir immer eine Unterkunft, wir hatten keinen Job. Jetzt gibt es Arbeit, aber keine Wohnungen», wird eine Person zitiert. Das betrifft auch besser gestellte Mitarbeitende.
Aus diesem Befund leiten die Forscherinnen und Forscher in einem «Policy Brief» Massnahmen in der Wohnpolitik als eine der drei wichtigsten Botschaften an Entscheidungsträgerinnen und -träger ab. Die beiden anderen Botschaften sind die Regulierung der Mindestlöhne und die Förderung der betrieblichen Weiterbildung.
Betriebliche Weiterbildung fördern
Denn wer keine anerkannte Aus- oder Weiterbildung vorweisen kann, bleibt auf dem tiefsten Niveau des Mindestlohns stecken. Selbst nach vielen Jahren Berufserfahrung kämen sie nicht über das Minimum, erzählten Betroffene. Gleichzeitig haben laut der Studie gut doppelt so viele Betriebe Schwierigkeiten im Rekrutieren von ausgebildetem Personal wie im Durchschnitt aller Branchen.
Die Betriebe scheinen zu wenig in der Lage oder zu wenig erfolgreich darin zu sein, ihren Mitarbeitenden durch den Zugang zu geeigneten Weiterbildungen eine bessere Ausgangslage zu verschaffen – dies, obwohl die Konditionen durch staatliche und über den Gesamtarbeitsvertrag gestützte Finanzierungsmodelle, die nebst den Kurskosten auch den Erwerbsausfall vollumfänglich abdecken, sehr gut wären (z.B. Progresso-Lehrgänge oder das Förderprogramm «Einfach besser! … am Arbeitsplatz»).
Quellen:

